Samstag, 10. September 2016

Korsika: Wanderung ins Tal der Tartagine



Was für eine Wanderung: hammerhart, brutal anstrengend, sauheiß und beim letzten Aufstieg dachte ich, ich muss sterben. Weil: kein Wasser, kein Schatten, keine Kraft, kein Durchhaltewillen, kein Fahrstuhl. In der Ferne schimmerte ein Schild im Gestrüpp und ich hatte schon gehofft, ich hätte den Taxistand gefunden. War aber nur ein Wegweiser, der mir mitteilte, dass ich einen weiteren steilen Hang hinauf musste - ohne Taxi, ohne Shuttle, ohne Reittier, ohne Gehhilfe.
Fazit: Alles in allem eine saugeile Tour!!!

Denn ich muss zugeben, dass es nicht nur anstrengend und heiß war. Es gab nämlich auch eine Menge toller Eindrücke: viel tolle Landschaft, viele uralte Wege, viele schöne Genueserbrücken, viele spannende "Lost Places" und viel baden in viel kaltem Fluss!

Samstag, 27. August 2016

Mein Ego hat auch Gefühle!



Man erwartet von uns Pastoren ja immer, dass wir hart arbeitende Mitglieder der Gesellschaft sind, die alles machen, was von ihnen verlangt wird und das natürlich, ohne eine Gegenleistung zu verlangen oder irgendeine Form der Anerkennung zu erwarten. Der Dienst am Nächsten in ganz demütiger Haltung ist unser Auftrag. Gut biblisch. Gut christlich.

Gut menschlich sieht sie Sache allerdings anders aus:
So demütig bin ich nämlich gar nicht! Im Gegenteil! Ich bin eine Rampensau mit einem überdimensionalen Hang zur Selbstdarstellung. Das haben sowohl Freunde als auch Dienstvorgesetzte schon festgestellt und ich bin nicht geneigt, ihnen da zu widersprechen. (Wenn schon keine demütige Haltung so habe ich wenigstens eine gesunde Selbstwahrnehmung.) Da kratzt es dann aber ganz gewaltig an meinem Rampensau-Ego, wenn man die Sau nicht auf die Rampe lässt. 

So geschehen beim gestrigen Festakt "175 Jahre 'Lied der Deutschen' " (von  August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, das er auf Helgoland geschrieben hat).

Ich hatte mich zu diesem besonderen Anlass extra in eines meiner sauteuren schwedischen Kollarhemden gepellt und mir sogar noch einen neuen Blazer gekauft, weil frau ja nicht immer in denselben Klamotten zu den offiziellen Veranstaltungen auftauchen kann. Jedenfalls sieht die modebewusste Pastorin das so. In zu engen Pumps bin ich dann zu besagtem Festakt aufs Unterland gesprintet, auch auf die Gefahr hin, mir meine pastoralen Haxen zu verknaksen, um nur ja nicht den Beginn der Veranstaltung zu verpassen. Schließlich wollte ich doch die ganze Inselwelt sehen lassen, dass Kirche am Inselgeschehen interessiert teilnimmt. (Ich war mal wieder zu spät dran, weil mein Hund der Meinung war, dass es eine gute Idee sei, mir kurz vor Aufbruch nochmal das Wohnzimmer vollzureiern. Das kommt davon, wenn Hund statt Hundefutter die halbe Küchenrolle auffrisst. )

Umso mehr freute ich mich dann, dass zu diesem festlichen Anlass auch die wichtigen Institutionen der Insel gewürdigt, und deren Repräsentanten zum Schütteln einiger politischer Hände in die Kurmuschel geholt werden sollten: Der Dienststellenleiter der Wasserschutzpolizei für eben diese Wasserschutzpolizei, der Chefarzt als Vertreter für das Krankenhaus, die Leiterin der Kindertagesstätte für die KiTa, die Schulleiterin für die Schule, und, und, ..... , wann kommt die Kirche? Die werden doch nicht die Kirche vergessen?! 

Haben sie auch nicht. Die Kirche war mit auf der Liste und als Vertreterin für die evangelische Kirche sollte die stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderates präsentiert werden. (Was'njetzlos???!!!)

Na, da war ich aber total von der Rolle! Die wollten gar nicht mich! Und das, obwohl ich doch sozusagen die Chefärztin der Kirchengemeinde bin! Schlimmer noch: Und das, obwohl ich mich doch extra so fein gemacht hatte! Sauteures schwedisches Kollarhemd! Neuer Blazer! Viel zu enge Pumps! In dieser Affenhitze! Nur für den Festakt!

Und dann dachte ich: Mist, unsere zweite Vorsitzende ist nichtmal da! Die muss ja heute arbeiten. Wer zeigt der Inselöffentlichkeit denn nun, dass Kirche interessiert am Inselgeschehen teilnimmt? Ob die Pastorin jetzt einfach in Vertretung ihrer Stellvertreterin da hoch marschieren kann? 

Leider habe ich wohl zu lange überlegt, denn die ganze Aktion war vorbei, bevor ich eine Entscheidung darüber treffen konnte, ob ich mein neues Outfit doch noch "von da oben" zur Schau stellen soll oder nicht.

Die Tatsache, dass ich offensichtlich sowieso nicht für diesen Festakt eingeplant war, resultierte dann in einem kleinen Anfall von Aufmüpfigkeit meinerseits. Was mir wiederum einen wunderbaren Nachmittag am Strand bescherte, weil ich nicht willens war, noch länger im neuen (viel zu warmen!) Blazer, im sauteuren Kollarhemd und in viel zu engen Pumps bis zum Ende des Festaktes auszuharren. (Eine Hose hatte ich übrigens auch noch an. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich wäre "unten ohne" da aufgetaucht, weil ich meine alte Hose nicht wirklich erwähnenswert finde.) 

Jedenfalls habe ich mich der unbequemen Klamotten schnell entledigt, damit gleich einen Hitzschlag vermieden, die Badetasche gepackt und mich ganz schnell auf die Düne verpisst. (Falsche Wortwahl? Da müsst ihr jetzt aber durch, denn das Wörtchen "verpisst" entspricht ziemlich genau meinem gestrigen angekratzten Rampensau-Ego.)

Fazit:
Welche Pastorin will schon Politikern die Hände schütteln, wenn sie stattdessen mit Kegelrobben in der Nordsee planschen kann?!

Montag, 22. August 2016

Ente gut, alles gut



Ich habe von meinem Team von "Kirche am Urlaubsort" zum Abschied diese Ente bekommen. Einer der beiden hatte sogar meine Entensammlung fotografiert, um sicher zu gehen, dass sie keine Ente besorgen, die ich schon habe. Das nenne ich Einsatz! Aber wundert mich das? Nicht wirklich! Denn denselben Einsatz haben sie ja schon die letzten vier Wochen gezeigt.

War eine richtig gute Zeit mit euch! Einerseits bin ich froh, dass "Kirche am Urlaubsort" für diese Saison zuende ist, weil so ein Veranstaltungsmarathon doch anstrengt. Andererseits lasse ich euch ungerne gehen, weil wir hier gemeinsam doch eine Menge auf die Beine gestellt und damit viele Leute begeistert und bewegt haben.

Wenigstens verlasst ihr mich nicht, ohne mir noch etwas mit auf den Weg zu geben. War ja klar, dass ich die Ente nicht ohne zusätzlichen Auftrag bekomme: Unbedingt nach den U-Boot Christen tauchen! Aber mindestens genauso wichtig: Unbedingt abtauchen, wenn es mir zu viel wird!

Und dann erteilte mein Zugführer einen weiteren Auftrag, als er die Ente sah: Unbedingt Atemschutz machen!

Ich glaube, ich werde die Taucherente jetzt erstmal irgendwo verstecken, damit nicht noch jemand auf die Idee kommt, mir irgendwelche tauch-, pressluft-, schwimmflossen-, oder neopren-bezogenen Aufträge zu erteilen 😉

Freitag, 19. August 2016

Wie man eine Pastorin beschäftigt



Er zu ihr: Guck mal, da ist das Pfarramt. Da müssen wir auch nochmal hin.

(Ich sitze draußen vor besagtem Pfarramt und bin gerade ganz konzentriert dabei, eine Krabbe zu basteln - im Rahmen des angebotenen nachmittäglichen Familiencafés.)

Ich: Ja, hier ist das Pfarramt.

Er zu mir: Wann ist denn das Kirchenbüro geöffnet?
Ich: Sprechzeiten sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 11.
Er: In Ordnung, dann kommen wir morgen Vormittag wieder.
Ich: Morgen ist Freitag. Da bin ich nicht da, weil ich Besuche im Krankenhaus mache. Aber kann ich Ihnen vielleicht jetzt schon weiterhelfen? 

(Meine halbfertige Krabbe stiert mich inzwischen völlig vorwurfsvoll an, weil ich ihr nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit widme. Zumindest bilde ich mir das ein, denn eigentlich hat sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Augen.)

Er: Wir haben hier vor ein paar Jahren zu unserer Goldenen Hochzeit noch einmal geheiratet. In der Kirche. Aber der Pastor damals hat das nicht ins Stammbuch eingetragen. Könnten Sie das nicht tun?
Ich: Wenn das Ihre kirchliche Trauung war, dann muss ich erst die Kirchenbücher einsehen, bevor ich das ins Stammbuch eintragen kann. Das wird etwas dauern.
Er: Nein, unsere kirchliche Trauung ist schon viel länger her. Das war noch mit dem ersten Pastor hier nach dem Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir dann nochmal geheiratet. Aber Ihr Vorgänger hat das nicht ins Stammbuch eingetragen.
Ich: ???
Er: Wir haben im Gottesdienst einen Segen bekommen.
Ich: Ach so, Sie sind anlässlich Ihrer Goldenen Hochzeit im Gottesdienst gesegnet worden.
Er: Ja, und das hätten wir gerne in unserem Stammbuch eingetragen.
Ich: Das ist kein Problem. Das kann ich machen.
Er: Gut, dann holen wir nur eben das Stammbuch.

(Ca. 30 Minuten später sind die beiden mit dem Stammbuch wieder da. Meine Krabbe ist fertiggebastelt und kann mich jetzt noch vorwurfsvoller ansehen, weil sie inzwischen auch Augen hat.)

Ich: Oh, da ist ja gar keine Seite drin, auf der man eine Goldene Hochzeit eintragen kann.
Er: Doch bestimmt. Die muss da irgendwo sein. Zeigen Sie mal her. (...) Sie haben Recht. Das ist gar nicht vorgesehen. Schade. Aber da kann man wohl nichts machen.
Ich: Ich habe da eine Idee. 

(Bin dann die nächsten 30 Minuten damit beschäftigt, eine wirklich hübsche Urkunde auszustellen, nachträglich zur Goldenen Hochzeit. Mit Bild von der Kirche, Trauspruch und Kirchensiegel und allem. Das geht normalerweise schneller. In diesem Fall sind es erschwerte Bedingungen, da ich nebenbei die Lebensgeschichte des Ehepaares erfahre und Mühe habe, mich zu konzentrieren.)

Ich: So, ich habe Ihnen nachträglich noch diese Urkunde ausgestellt. Die können Sie dann ja in Ihr Stammbuch einheften.
Er: Oh, vielen Dank! Dass Sie sich extra wegen uns so viel Mühe gemacht haben! Das ist wirklich eine gute Idee! Da freuen wir uns aber!

(Nachdem ich noch ein bisschen mehr Lebensgeschichte erfahren habe, ist das Ehepaar im Begriff aufzubrechen. Wir schütteln uns die Hand.)

Sie zu mir beim Rausgehen: Das ist wirklich eine schöne Urkunde. So eine haben wir damals von Ihrem Vorgänger auch bekommen!





Sonntag, 14. August 2016

Gottesdienst aus anderer Perspektive

Ich komme ja nicht oft dazu, selber einfach nur Gottesdienst zu feiern. Schon gar nicht in meiner eigenen Kirche. Heute hat mir aber unser supertolles Team von "Kirche am Urlaubsort" alles aus der Hand genommen. Dass sie alles alleine vorbereiten wollten, wusste ich schon. Ich hatte dann gestern aber noch eine WhatsApp Nachricht auf das Handy meines Teamleiters geschickt, weil ich leicht nervös wurde, nachdem so gar keine Arbeitsaufträge an mich rausgegangen waren. (Leben die noch?) Ich hatte ganz scheinheilig die Kleiderordnung thematisiert und gefragt, ob ich denn überhaupt in Albe auftauchen müsse (so heißt das große weiße gottesdienstliche Gewand, das ich in der Regel anhabe), da die beiden ja sowieso die Hauptakteure seien. Als Kommentar kam zurück: "Wir sind morgen in Uniform, du hast frei."  (Mit Unfiform waren die T-Shirts von "Kirche am Urlaubsort" gemeint.) Daraufhin wurde aus meiner Nervosität regelrechte Übelkeit, denn ich kann bekanntlich nichts so einfach aus der Hand geben. Schon gar nicht einen ganzen Gottesdienst! 

Mein Magen hat sich dann aber ziemlich schnell beruhigt und ich hatte heute tatsächlich frei (bis auf das Schreiben der Abkündigungstexte, das Tischeschleppen für das Kirchencafé, das Austeilen von Gesangbüchern, das Fotosmachen für die Öffentlichkeitsarbeit, das Mutieren zu einem mobilen Info-Point usw.) 

Das mit den Tischen hat mich auch echt genervt, weil ich am Ende mein liebevoll zusammengestelltes, sonntägliches "Ich bin mal ganz privat im Gottesdienst" - Outfit völlig durchgeschwitzt hatte. Die Stehtische standen noch im Gemeindehaus, weil wir sie dort für den Abend bei Kirchens gebraucht hatten. Da hatte ich sie auch schon selber hingeschleppt (zumindest einen Teil davon). Und dann dachte ich mir am ganz späten Donnerstagabend: Ich lasse die jetzt einfach mal hier stehen. Irgendjemand wird sich schon drum kümmern. Wissen ja alle, dass wir sie am Sonntag wieder in der Kirche brauchen. Diese Haltung funktioniert bei allen anderen Leuten immer sehr gut, wie ich über die Jahre herausgefunden habe. Jetzt wollte ich das selber auch unbedingt mal ausprobieren. Und: Es hat funktioniert! Irgendjemand hat sich tatsächlich um die Tische gekümmert! Ich! 

Aber egal, irgendwann konnte ich mich dann doch entspannt auf der Kirchenbank zurücklehnen und den Gottesdienst genießen. Und der war toll! Einfach eine ganz runde Sache, was mein Team und Herr K. da veranstaltet haben! 

Mir sind allerdings ein paar Dinge aufgefallen, die ich sonst nie mitkriege, weil ich viel zu beschäftig bin da vorne. Die vielen Leute, die zu spät zum Gottesdienst kommen, zum Beispiel. Ich habe denn auch meine küsternde Kirchengemeinderätin darauf angesprochen: "Heute kommen aber noch ziemlich viele Nachzügler." Und die meinte: "Das ist nicht nur heute so. Das haben wir jeden Sonntag." (Aha.) Das Spannende daran finde ich, dass es sich dabei nicht um Eltern mit Kindern gehandelt hat. Die verdächtigt man ja immer als Erste, dass sie ihre Kinder nicht rechtzeitig aus dem Bett kriegen - und angezogen und gefüttert und losgeschleift. Nein, die Eltern mit Kindern waren schon alle da. Pünktlich. Die Nachzügler waren Erwachsene, die eigentlich nur sich selber aus dem Bett kriegen, füttern, anziehen und losschleifen müssen. Wie gesagt: Spannend!

Dann ist mir aufgefallen wie klasse es ist, während des Gottesdienstes willenlos durch die Kirche zu laufen und Fotos zu machen. Liebe Eltern, liebe Großeletern, liebe Taufpaten, liebe Trauzeugen, Brautjungfern, sonstige Familienangehörige, Freunde, Profifotografen, oder einfach nur Gottesdienstbesucher: Ich kann euch ja so gut verstehen!!! Wenigstens habe ich mich sehr, sehr, sehr(!) bemüht, leise und ununaufdringlich zu sein und ich habe niemandem mein Handy direkt ins Gesicht gehalten. Blitz verwendet habe ich auch nicht. Ganz ehrlich!

Das war die Gottesdienstbesucherperspektive. Aus der Küsterperspektive ist mir aufgefallen, wie aufregend es ist, während des Vaterunsers die Glocke läuten zu dürfen. Mache ich ja sonst nie. Wäre auch blöd, von ganz vorne am Altar nach ganz hinten zum Glockenkasten zu spurten, die Glocke anzuschmeißen, nach vorne zu fetzen, um das Vaterunser zu beten, und dann wieder zurückzusausen, um die Glocke auszumachen. Das würde zu viel Unruhe reinbringen. Also macht das logischweise jemand anders.

Aber heute hatte ich die Chance dazu. Und Ich war so begeistert, dass meine küsternde Kirchengemeinderätin chancenlos in der Kirchenbank zurückblieb. Nach den Fürbitten meinte sie gerade noch: " Ach, jetzt kommt das Vaterunser. Ich muss die Glocken ..." Da stand ich schon ganz aufgeregt am Glockenkasten, faselte was von "Darf ich das machen? Oh bitte, lass' mich das machen!" und suchte hektisch in der Läuteordnung nach der Glockennummer für's Vaterunser (es ist die 5). Ich war so aus dem Häuschen, dass ich fast vergessen hätte, das Vaterunser mitzubeten. 

Als der Gottesdienst zuende und das Kirchencafé in vollem Gange war, musste ich zwar leider schon wieder aus meiner Küster-, Konfi-, Gottesdienstbesucher-Rolle rausschlüpfen und rein in meine pastorale welche, aber auch das war völlig OK. Der kleine Ausflug in eine andere Perspektive war so, wie er war, gerade richtig.

Jetzt sitze ich mit Kaffee, Keksen und einem ganz wohligen Gefühl im Bauch an meinem Küchentisch und freue mich, dass Sonntag ist, und dass ich so ein bisschen frei habe!

Mittwoch, 10. August 2016

Zu viel vorausgesetzt ?!


Wir Menschen setzen zu viel voraus. Mir passiert es ständig, dass Leute voraussetzen, dass ich als Pastorin bestimmte Sachen weiß. Namen zum Beispiel. Ohne, dass sich mir jemand vorgestellt hat, wird vorausgesetzt, dass ich den Namen meines Gegenübers trotzdem kenne. Tue ich aber fast nie. Woher auch, wenn mir der Name nicht verraten wurde. Gerade in meiner Anfangszeit bin ich diversen Leuten begegnet, die ich nicht kannte, weil ich hier ja neu war. Als höflicher Mensch habe ich mich natürlich gleich vorgestellt: Guten Tag, ich bin Pamela Hansen, die neue Pastorin. Antwort: Schweigen. Oder: "Hmpf." Oder: "Hallo." Aber kein: "Hallo, ich bin XY." Das Resultat ist, dass ich immer noch nicht die Namen diverser Insulaner kenne. Weil mir nie jemand verraten hat, wie sie heißen. Auch die betroffenen Personen selbst nicht. Fazit: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht!
(Darf ich eigentlich jemanden als Bekannten bezeichnen, mit dem ich zwar öfter zu tun habe, dessen Namen ich aber nicht kenne???)

Bei Geburtstagsbesuchen ist das auch schon passiert. Es wurde vorausgesetzt, dass die Pastorin selbstverständlich weiß, wer wann wie alt wird und vor allem, wo das große Ereignis gefeiert wird. Ich hätte fast schonmal sämtliche Einsatzkräfte auf der Insel mobilisiert, weil die Familie von Urgroßtante Frieda (Name und Verwandschaftsverhältnis von der Redaktion geändert) versäumt hatte, mir mitzuteilen, dass die altehrwürdige Dame ihren Geburtstag nicht zu Hause feiert sondern in einer der vielen hier vertretenen Lokalitäten. Jedenfalls öffnete niemand die Tür, vor der ich mit Geschenketütchen und erwartungsfroh klopfendem Herzen stand - auch auf mehrfaches willenloses Sturmklingeln nicht. Daraufhin hatte ich gleich diverse Horrorszenarien im Kopf: ein Paar Beine, die unter den Trümmern eines umgestürzten Kleiderschrankes hervorragen, eine Hand, die den überlaufenden Badewannenrand umklammert, ein Blutlache unter dem Küchentisch, usw..
Zum Glück habe ich nicht gleich das SEK alarmiert sondern jemanden, der für mich herausfinden konnte, was sich in Wahrheit zugetragen hatte: Eine nette kleine Geburtstagsfeier, die NICHT zu Hause stattfand. Fazit auch hier: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht! Das könnte u.U. damit enden, dass für Helgoland Katastrophenarlarm ausgelöst wird.

Bei dem Geburstagsbesuch hatte übrigens auch ich einfach was vorausgesetzt: Dass besagtes betagtes Geburtstagskind nämlich weiß, dass ich ihr an ihrem Ehrentag mit einem Geschenk auf die Pelle rücke. Fazit: Ich hatte zu viel vorausgesetzt, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten meiner Schäfchen geht. Obwohl: Man muss eigentlich nicht hellsehen können, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines pastoralen Besuchs an einem hohen runden Geburtstag sehr hoch ist. 

Jedenfalls ist mir in der letzten Zeit aufgegangen, dass ich selber noch viel mehr vorausetze, was ich nicht voraussetzen sollte: Zum Beispiel dass alle Leute wissen, dass in einer Kirche auch Andachten geboten werden und nicht nur Konzerte. 

Oder dass jeder weiß: Sonntagsmorgens um 10:00 Uhr ist Gottesdienst auf Helgoland - und in gaaaaaaaanz vielen Kirchen an gaaaaaaanz vielen Orten auf diesem Planeten auch. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit äußert gering, dass man einen Pastor oder eine Pastorin am Sonntagmorgen zwischen 10:00 und 11:00 Uhr telefonisch erwischt. Es sei denn, das Profischaf hat sein / ihr Handy mit in der Kirche und geht auch ran, wenn's klingelt.

(Ich setzte gerade voraus, dass ihr alle wisst, wen ich mit "Profischaf" meine. Sollte ich nicht, ich weiß. Also hier die Erläuterung: Pastor heißt übersetzt "Hirte". Ich sehe uns Pastorinnen und Pastoren aber nicht so sehr als Hirten. Der einzige qualifizierte Hirte war m.E. Jesus. Wir Pastoren sind aber immerhin die Profischafe in der christlichen Herde. So!)

Oder dass alle wissen, wozu das Glockengeläut eigentlich da ist. Es ist nicht jedem klar, dass in der Kirche vermutlich in näherer Zukunft etwas stattfindet, wenn die Glocken erbarmungslos die Nachbarschaft bebimmeln. Stand da doch neulich eine Frau in der Kirche, die durch das Glockenläuten aufgeschreckt worden war und in die Kirche kam, um zu sehen, was denn da eigentlich los ist. Gnadenlos hat sie dann die Pastorin, die eigentlich gerade mit der Andacht beginnen wollte, in ein Gespräch verwickelt. Die Pastorin hat dann einfach vorausgesetzt, dass die Dame logischwerweise an der Andacht teilnimmt, da sie ja schon in der Kirche war. Falsch vorausgesetzt! Am Ende ging es jedenfalls doch ganz andächtig los, wenn auch mit Verspätung und ohne besagte Dame. Die war nämlich wieder abmarschiert, mit einem Ablaufblatt für eine Andacht in der Hand, an der sie gar nicht teilnehmen wollte. Wenigstens wusste sie, warum die Glocken geläutet hatten. 

Dass viele nicht mehr wissen, dass das Jesus war, der in Bethlehem geboren wurde und nicht Zeus, habe ich inzwischen auch schon mitgekriegt - im Fernsehen. Und ich war ganz erstaunt über die falsche Antwort in der Quizrunde. Ich dachte wirklich, das gehört zur Allgemeinbildung, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Aber: Zu viel vorausgesetzt!

Und da bin ich bei der sogenannten goldenen Regel angelangt: Wenn ich nicht will, dass man mir gegenüber einfach ein bestimmtes Wissen voraussetzt, dann sollte ich das anderen gegenüber auch nicht tun.

Ob ich das hinkriege? 
Ob Kirche das hinkriegt?

Sonntag, 24. Juli 2016

Pokémon-Predigt


Die Welt ist im Pokémon-Wahn! Nintendo hat ein neues Spiel herausgebracht, das seit zwei Wochen auf dem Markt, bzw. auf den Handies ist: Pokémon Go. In Deutschland ist es seit ungefähr einer Woche erhältlich und kann ganz kostenfrei aufs Handy geladen und gespielt werden. Dabei geht es darum, kleine virtuelle Monster zu finden und einzufangen. Das Handy schaltet mit der eingebauten Kamera dabei auf die wirkliche Umgebung um, um anzuzeigen, wo sich solch ein Pokémon gerade befindet. Diese eingefangenen Pokémons kann man auch in einer Arena kämpfen lassen.


Hier bei uns verläuft alles, wie ich finde, noch sehr zurückhaltend. Aber ich habe schon Bilder aus unseren Großstädten gesehen, wo ganz viele Menschen mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend irren – auf der Suche nach Pokémons. Die Begeisterung für dieses Spiel ist so groß, dass bisweilen sogar das Internet lahmgelegt wird.

 

BBC online berichtete am letzten Sonntag von Tom Currie, einem Mann aus Neu-Seeland, der seine Arbeit gekündigt hat – um mehr Zeit für die Pokémonjagt zu haben. Er arbeitete als Barmann in einem Restaurant an der Hibiscus Küste in der Nähe von Auckland, hat aber beschlossen, jetzt lieber vollzeit Pokémon Go zu spielen. Tom Currie gab zu, dass seine Eltern schon ein bisschen perplex waren, als sie davon erfuhren. Er verlässt sich trotzdem darauf, dass Freunde und Familie aushelfen werden.

 

Tja, und dann gibt es natürlich diejeigen, die mit so einem Handyspiel gar nichts am Hut haben. „Kinderkram“, „Ihr seid verrückt“, "Da mach‘ ich nicht mit“, sind alles Dinge, die ich schon gehört habe.


Aber bleiben wir erstmal bei denen, die so vernarrt in das Spiel sind wie besagter Tom Currie:

Dieses Szenario erinnert mich nämlich an die ersten Jünger, die Jesus berufen hat und an die Zeit, als die Sache Jesu gerade erst losging. Die haben auch alles stehen und liegenlassen um Jesus nachzufolgen. Da war die Sicherung der Existenz auch plötzlich egal. „Lasst die Toten ihre Toten begraben“, war das Motto. Die Jünger sind auf und davon und haben Arbeit und Familie einfach zurückgelassen. Und diese Sache Jesu, von der die Jünger so begeistert waren, zog immer weitere Kreise, erreichte immer mehr Menschen. Die Israeliten, die Griechen, die Römer – alle im Jesus-Wahn. Selbst vor Paulus machte diese Begeisterungswelle nicht halt, obwohl er doch einer war, der die Christen verfolgte. Paulus wird angesteckt vom Jesus-Virus und singt nur noch Lobeshymnen auf ihn und auf den christlichen Glauben. Von einer „überwältigenden Erkenntnis“ schreibt er an die christliche Gemeinde in Philippi (Philipper 3, 7-11). „Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen“, sind seine Worte. Paulus ist so hin und weg von Jesus, dass er sogar „an seinem Leiden teilhaben möchte – bis dahin, dass er ihm im Tod gleich werde“.

Das klingt, Entschuldigung, ähnlich durchgeknallt, wie bei dem Barmann der seinen Job hinschmeißt, damit er seine ganze Zeit den Pokémons widmen kann. Und: Auch damals, zur Zeit der ersten Christen, gab es Leute, die zu den Christen gesagt haben: Das ist totaler Quatsch, da mach‘ ich nicht mit. Leute, die absolut dagegen waren. So wie Paulus am Anfang.

 

Solch ein Handy-Spiel und die Begeisterung für das Christentum damals haben etwas gemeinsam: Beide versprechen, dass man einer Welt entfliehen kann, die sehr viel Leid, Gewalt, Verlust, Trauer und Tod bereithält - so wie der Amoklauf von München zum Beispiel. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es beim Christentum um das wahre Leben geht und nicht um eine virtuelle Welt. Christlicher Glaube ist nicht nur eine Fluchtmöglichkeit sondern sehr viel mehr. Christlicher Glaube gibt uns die Möglichkeit, die reale Welt wirklich zu verändern. Bei einem Handyspiel geht das nicht. Da können wir höchstens eine Welt verändern, die nur auf unseren Smartphones existiert.

 

Was bei mir jetzt natürlich hochkommt, ist ein gewisser Neid. Ich stelle unweigerlich die Frage: Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat? Natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Kirche, die genauso viel begeisterten Zulauf hat wie die Pokémon Arenen auf unserer Insel. Ich wünsche mir, dass junge und alte Leute, Frauen, Männer, Mädchen und Jungen mit vor Aufregung geröteten Wangen in die Kirchen kommen und sagen: "Oh guck mal, da sind wieder welche: Christen! Da müssen wir unbedingt hin! Da wollen wir unbedingt dazugehören!"

 

Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat?

Es ist neu; es ist süß; es ist lustig; es lockt die Menschen in eine wunderschöne Fantasiewelt und lässt sie den Terror der Realität vergessen; es kostet nichts; es ist Abenteuer; es macht Spaß.

 

Christentum dagegen ist nicht wirklich neu. Manche bezeichnen es sogar als verstaubt. Christentum empfinden viele als zu ernst und zu starr. Christentum bietet keine schöne Scheinwelt sondern zwingt uns dazu, uns mit der Realität auseinader zu setzen. Wir können nicht einfach wegsehen und hoffen, dass all das Schlimme von alleine verschwindet, wenn wir es nur nicht beachten. Christentum ist teuer, denn es verlangt uns eine Menge ab. Ständig sind wir aufgefordert, etwas zu geben: Unsere Zeit, unser Geld, unsere Kreartivität, unsere Kraft, unser Können und unsere Begabungen, unsere Geduld, unsere Liebe, unseren Respekt, .... die Liste ist lang. Gegenleistung gibt’s auch nicht. Es gibt nichtmal eine Weiterentwicklung zum nächsten Level, mit der wir angeben könnten.

Und trotzdem gibt es weltweit über  2 Milliarden Christen. Deutlich mehr als Pokémon Go Spieler! Und das nach immerhin 2000 Jahren Christentum!

 

Ich glaube kaum, dass Pokémon Go so lange durchhält. Um ganz ehrlich zu sein, gebe ich diesem Spiel ein paar Jahre. Wenn Nintendo clever ist und es gut weiterentwickelt, dann vielleicht sogar ein Jahrzehnt, denn irgendwann werden auch die tollsten Spiele langweilig, weil sie nichts neues mehr zu bieten haben.

 

Hat chrislicher Glaube eigentlich auch nicht. Christlicher Glaube hat ziemlich alte Wahrheiten zu bieten. Die gibt es schon sehr lange. Die müssen aber auch nicht neu erfunden werden. Die müssen nicht weiterentwickelt werden, um die Menschen bei Laune zu halten. Ist schon versucht worden und funktioniert nicht. Ich habe in den USA Kirchen besucht, die besonders anders und besonders cool diese christlichen Wahrheiten unter die Leute bringen wollten. Für ein paar Jahre hatten sie immensen Zulauf, wurden zu sogenannten Mega-Churches. Und dann wanderten die Mitglieder ab, weil ihnen die Tiefe fehlte. Das Ganze war zu oberflächlich.

 

Ich hatte mal mit einer Frau zu tun, die von ihrem Ehemann misshandelt wurde. Eine Anzeige bei der Polizei hat nichts gebracht trotz der Beweise: viele blaue Flecken und ein ordentliches Veilchen. Ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt. Aber irgendwohin musste sie mit ihrem Kummer, ihrer Angst und ihrer Hilflosigkeit. Also ging sie zu einer dieser riesigen Kirchen, in der jeden Sonntag 2000 Leute in den Gottesdienst gingen. Diese Kirche muss ja gut sein, wenn da so viele Leute hingehen, oder?

Was passierte, war, dass man sie in ein sogenanntes Missionierungsprogramm steckte und ihr Kurse anbot, die ganz viel Theologie und Bibelkunde vermittelten. Was sie aber brauchte, war etwas ganz anderes: Jemand der einfach nur zuhörte, jemand, bei dem sie sich alles von der Seele reden konnte. Also rief sie mich an, weil sie von ihrem Vater gehört hatte, dass in seiner Gemeinde eine ganz nette Pastorin war.

 

Was ich damals gelernt habe: Authentisch sein ist für uns Christinnen und Christen wichtig. Ehrlich sein, ist wichtig.  Die Menschen um uns herum wahrnehmen und ernstnehmen, ist wichtig. Zu dem stehen, was wir glauben und so wie Paulus nicht schämen, unsere Begeisterung für Christus in aller Öffentlichkeit zu zeigen, ist wichtig.

 

 

Irgendwann  wird man Pokémon Go nicht mehr spielen können, weil die Handies so weit entwickelt sind, dass so ein altes Spiel sich auf den neuen Geräten nicht mehr spielen lässt. Dann gibt es eben etwas neues. Christentum passt immer, egal wohin die Welt sich entwickelt. Auch wenn die Inhalte der Bibel aus einer Zeit stammen, die lange, lange her ist, passen die Erfahrungen, die die Menschen damals mit Gott gemacht haben, sehr gut auch in unsere Zeit. Die Werte, die vermittelt werden haben heute mehr Gültigkeit denn je. Wir müssen sie nur verständlich rüberbringen. Und wenn wir diese Wahrheiten und Werte auch noch ansprechend verpasckt kriegen, dann dürfte es auch nicht so schwer sein, die Gute Nachricht“ von der Liebe Gottes unter die Leute zu bringen.


Ich hatte am Mittwoch mal ganz flappsig die Frage gestellt, ob  Jesus heute wohl Gleichnisse über Pokémons erzählt hätte anstatt über Schafe. Ich bin mir sicher, dass er das getan hätte. Jesus hätte es garantiert geschafft, den Menschen mit Hilfe von Pokémons etwas über das Reich Gottes zu vermitteln und Begeisterung für das Reich Gottes zu wecken.  „Das Reich Gottes ist wie ein Spiel, bei dem erst ein paar wenige Menschen anfangen, Pokémons zu fangen und viel Freude dabei haben, das sich dann aber über die ganze Welt ausbreitet", würde er vielleicht sagen. Ja, der christliche Glaube darf auch Spaß machen! Soll er sogar, wie ich finde, denn dann fällt es uns auch leichter, eine ähnliche Begeisterung für die Sache Jesu an den Tag zu legen wie Paulus. „Die „Sache Jesu braucht Begeisterte“ heißt es ja schließlich auch in einem Kirchenlied*!


Und die Sache Jesu hat ja schon Begeisterte, eine ganze Menge sogar und schon eine ganz lange Zeit. Ich bin mir sicher, dass diese Sache Jesu auch in ferner Zukunft noch Begeisterte haben wird, und zwar eine ganz Menge davon! Und da kann man zu Recht die Frage stellen: Was hat Christus, was Pokémon Go nicht hat?


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*(„Durch Hohes und Tiefes“ - Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinde, Nr. 323)