Montag, 22. August 2016

Ente gut, alles gut



Ich habe von meinem Team von "Kirche am Urlaubsort" zum Abschied diese Ente bekommen. Einer der beiden hatte sogar meine Entensammlung fotografiert, um sicher zu gehen, dass sie keine Ente besorgen, die ich schon habe. Das nenne ich Einsatz! Aber wundert mich das? Nicht wirklich! Denn denselben Einsatz haben sie ja schon die letzten vier Wochen gezeigt.

War eine richtig gute Zeit mit euch! Einerseits bin ich froh, dass "Kirche am Urlaubsort" für diese Saison zuende ist, weil so ein Veranstaltungsmarathon doch anstrengt. Andererseits lasse ich euch ungerne gehen, weil wir hier gemeinsam doch eine Menge auf die Beine gestellt und damit viele Leute begeistert und bewegt haben.

Wenigstens verlasst ihr mich nicht, ohne mir noch etwas mit auf den Weg zu geben. War ja klar, dass ich die Ente nicht ohne zusätzlichen Auftrag bekomme: Unbedingt nach den U-Boot Christen tauchen! Aber mindestens genauso wichtig: Unbedingt abtauchen, wenn es mir zu viel wird!

Und dann erteilte mein Zugführer einen weiteren Auftrag, als er die Ente sah: Unbedingt Atemschutz machen!

Ich glaube, ich werde die Taucherente jetzt erstmal irgendwo verstecken, damit nicht noch jemand auf die Idee kommt, mir irgendwelche tauch-, pressluft-, schwimmflossen-, oder neopren-bezogenen Aufträge zu erteilen 😉

Freitag, 19. August 2016

Wie man eine Pastorin beschäftigt



Er zu ihr: Guck mal, da ist das Pfarramt. Da müssen wir auch nochmal hin.

(Ich sitze draußen vor besagtem Pfarramt und bin gerade ganz konzentriert dabei, eine Krabbe zu basteln - im Rahmen des angebotenen nachmittäglichen Familiencafés.)

Ich: Ja, hier ist das Pfarramt.

Er zu mir: Wann ist denn das Kirchenbüro geöffnet?
Ich: Sprechzeiten sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 11.
Er: In Ordnung, dann kommen wir morgen Vormittag wieder.
Ich: Morgen ist Freitag. Da bin ich nicht da, weil ich Besuche im Krankenhaus mache. Aber kann ich Ihnen vielleicht jetzt schon weiterhelfen? 

(Meine halbfertige Krabbe stiert mich inzwischen völlig vorwurfsvoll an, weil ich ihr nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit widme. Zumindest bilde ich mir das ein, denn eigentlich hat sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Augen.)

Er: Wir haben hier vor ein paar Jahren zu unserer Goldenen Hochzeit noch einmal geheiratet. In der Kirche. Aber der Pastor damals hat das nicht ins Stammbuch eingetragen. Könnten Sie das nicht tun?
Ich: Wenn das Ihre kirchliche Trauung war, dann muss ich erst die Kirchenbücher einsehen, bevor ich das ins Stammbuch eintragen kann. Das wird etwas dauern.
Er: Nein, unsere kirchliche Trauung ist schon viel länger her. Das war noch mit dem ersten Pastor hier nach dem Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir dann nochmal geheiratet. Aber Ihr Vorgänger hat das nicht ins Stammbuch eingetragen.
Ich: ???
Er: Wir haben im Gottesdienst einen Segen bekommen.
Ich: Ach so, Sie sind anlässlich Ihrer Goldenen Hochzeit im Gottesdienst gesegnet worden.
Er: Ja, und das hätten wir gerne in unserem Stammbuch eingetragen.
Ich: Das ist kein Problem. Das kann ich machen.
Er: Gut, dann holen wir nur eben das Stammbuch.

(Ca. 30 Minuten später sind die beiden mit dem Stammbuch wieder da. Meine Krabbe ist fertiggebastelt und kann mich jetzt noch vorwurfsvoller ansehen, weil sie inzwischen auch Augen hat.)

Ich: Oh, da ist ja gar keine Seite drin, auf der man eine Goldene Hochzeit eintragen kann.
Er: Doch bestimmt. Die muss da irgendwo sein. Zeigen Sie mal her. (...) Sie haben Recht. Das ist gar nicht vorgesehen. Schade. Aber da kann man wohl nichts machen.
Ich: Ich habe da eine Idee. 

(Bin dann die nächsten 30 Minuten damit beschäftigt, eine wirklich hübsche Urkunde auszustellen, nachträglich zur Goldenen Hochzeit. Mit Bild von der Kirche, Trauspruch und Kirchensiegel und allem. Das geht normalerweise schneller. In diesem Fall sind es erschwerte Bedingungen, da ich nebenbei die Lebensgeschichte des Ehepaares erfahre und Mühe habe, mich zu konzentrieren.)

Ich: So, ich habe Ihnen nachträglich noch diese Urkunde ausgestellt. Die können Sie dann ja in Ihr Stammbuch einheften.
Er: Oh, vielen Dank! Dass Sie sich extra wegen uns so viel Mühe gemacht haben! Das ist wirklich eine gute Idee! Da freuen wir uns aber!

(Nachdem ich noch ein bisschen mehr Lebensgeschichte erfahren habe, ist das Ehepaar im Begriff aufzubrechen. Wir schütteln uns die Hand.)

Sie zu mir beim Rausgehen: Das ist wirklich eine schöne Urkunde. So eine haben wir damals von Ihrem Vorgänger auch bekommen!





Sonntag, 14. August 2016

Gottesdienst aus anderer Perspektive

Ich komme ja nicht oft dazu, selber einfach nur Gottesdienst zu feiern. Schon gar nicht in meiner eigenen Kirche. Heute hat mir aber unser supertolles Team von "Kirche am Urlaubsort" alles aus der Hand genommen. Dass sie alles alleine vorbereiten wollten, wusste ich schon. Ich hatte dann gestern aber noch eine WhatsApp Nachricht auf das Handy meines Teamleiters geschickt, weil ich leicht nervös wurde, nachdem so gar keine Arbeitsaufträge an mich rausgegangen waren. (Leben die noch?) Ich hatte ganz scheinheilig die Kleiderordnung thematisiert und gefragt, ob ich denn überhaupt in Albe auftauchen müsse (so heißt das große weiße gottesdienstliche Gewand, das ich in der Regel anhabe), da die beiden ja sowieso die Hauptakteure seien. Als Kommentar kam zurück: "Wir sind morgen in Uniform, du hast frei."  (Mit Unfiform waren die T-Shirts von "Kirche am Urlaubsort" gemeint.) Daraufhin wurde aus meiner Nervosität regelrechte Übelkeit, denn ich kann bekanntlich nichts so einfach aus der Hand geben. Schon gar nicht einen ganzen Gottesdienst! 

Mein Magen hat sich dann aber ziemlich schnell beruhigt und ich hatte heute tatsächlich frei (bis auf das Schreiben der Abkündigungstexte, das Tischeschleppen für das Kirchencafé, das Austeilen von Gesangbüchern, das Fotosmachen für die Öffentlichkeitsarbeit, das Mutieren zu einem mobilen Info-Point usw.) 

Das mit den Tischen hat mich auch echt genervt, weil ich am Ende mein liebevoll zusammengestelltes, sonntägliches "Ich bin mal ganz privat im Gottesdienst" - Outfit völlig durchgeschwitzt hatte. Die Stehtische standen noch im Gemeindehaus, weil wir sie dort für den Abend bei Kirchens gebraucht hatten. Da hatte ich sie auch schon selber hingeschleppt (zumindest einen Teil davon). Und dann dachte ich mir am ganz späten Donnerstagabend: Ich lasse die jetzt einfach mal hier stehen. Irgendjemand wird sich schon drum kümmern. Wissen ja alle, dass wir sie am Sonntag wieder in der Kirche brauchen. Diese Haltung funktioniert bei allen anderen Leuten immer sehr gut, wie ich über die Jahre herausgefunden habe. Jetzt wollte ich das selber auch unbedingt mal ausprobieren. Und: Es hat funktioniert! Irgendjemand hat sich tatsächlich um die Tische gekümmert! Ich! 

Aber egal, irgendwann konnte ich mich dann doch entspannt auf der Kirchenbank zurücklehnen und den Gottesdienst genießen. Und der war toll! Einfach eine ganz runde Sache, was mein Team und Herr K. da veranstaltet haben! 

Mir sind allerdings ein paar Dinge aufgefallen, die ich sonst nie mitkriege, weil ich viel zu beschäftig bin da vorne. Die vielen Leute, die zu spät zum Gottesdienst kommen, zum Beispiel. Ich habe denn auch meine küsternde Kirchengemeinderätin darauf angesprochen: "Heute kommen aber noch ziemlich viele Nachzügler." Und die meinte: "Das ist nicht nur heute so. Das haben wir jeden Sonntag." (Aha.) Das Spannende daran finde ich, dass es sich dabei nicht um Eltern mit Kindern gehandelt hat. Die verdächtigt man ja immer als Erste, dass sie ihre Kinder nicht rechtzeitig aus dem Bett kriegen - und angezogen und gefüttert und losgeschleift. Nein, die Eltern mit Kindern waren schon alle da. Pünktlich. Die Nachzügler waren Erwachsene, die eigentlich nur sich selber aus dem Bett kriegen, füttern, anziehen und losschleifen müssen. Wie gesagt: Spannend!

Dann ist mir aufgefallen wie klasse es ist, während des Gottesdienstes willenlos durch die Kirche zu laufen und Fotos zu machen. Liebe Eltern, liebe Großeletern, liebe Taufpaten, liebe Trauzeugen, Brautjungfern, sonstige Familienangehörige, Freunde, Profifotografen, oder einfach nur Gottesdienstbesucher: Ich kann euch ja so gut verstehen!!! Wenigstens habe ich mich sehr, sehr, sehr(!) bemüht, leise und ununaufdringlich zu sein und ich habe niemandem mein Handy direkt ins Gesicht gehalten. Blitz verwendet habe ich auch nicht. Ganz ehrlich!

Das war die Gottesdienstbesucherperspektive. Aus der Küsterperspektive ist mir aufgefallen, wie aufregend es ist, während des Vaterunsers die Glocke läuten zu dürfen. Mache ich ja sonst nie. Wäre auch blöd, von ganz vorne am Altar nach ganz hinten zum Glockenkasten zu spurten, die Glocke anzuschmeißen, nach vorne zu fetzen, um das Vaterunser zu beten, und dann wieder zurückzusausen, um die Glocke auszumachen. Das würde zu viel Unruhe reinbringen. Also macht das logischweise jemand anders.

Aber heute hatte ich die Chance dazu. Und Ich war so begeistert, dass meine küsternde Kirchengemeinderätin chancenlos in der Kirchenbank zurückblieb. Nach den Fürbitten meinte sie gerade noch: " Ach, jetzt kommt das Vaterunser. Ich muss die Glocken ..." Da stand ich schon ganz aufgeregt am Glockenkasten, faselte was von "Darf ich das machen? Oh bitte, lass' mich das machen!" und suchte hektisch in der Läuteordnung nach der Glockennummer für's Vaterunser (es ist die 5). Ich war so aus dem Häuschen, dass ich fast vergessen hätte, das Vaterunser mitzubeten. 

Als der Gottesdienst zuende und das Kirchencafé in vollem Gange war, musste ich zwar leider schon wieder aus meiner Küster-, Konfi-, Gottesdienstbesucher-Rolle rausschlüpfen und rein in meine pastorale welche, aber auch das war völlig OK. Der kleine Ausflug in eine andere Perspektive war so, wie er war, gerade richtig.

Jetzt sitze ich mit Kaffee, Keksen und einem ganz wohligen Gefühl im Bauch an meinem Küchentisch und freue mich, dass Sonntag ist, und dass ich so ein bisschen frei habe!

Mittwoch, 10. August 2016

Zu viel vorausgesetzt ?!


Wir Menschen setzen zu viel voraus. Mir passiert es ständig, dass Leute voraussetzen, dass ich als Pastorin bestimmte Sachen weiß. Namen zum Beispiel. Ohne, dass sich mir jemand vorgestellt hat, wird vorausgesetzt, dass ich den Namen meines Gegenübers trotzdem kenne. Tue ich aber fast nie. Woher auch, wenn mir der Name nicht verraten wurde. Gerade in meiner Anfangszeit bin ich diversen Leuten begegnet, die ich nicht kannte, weil ich hier ja neu war. Als höflicher Mensch habe ich mich natürlich gleich vorgestellt: Guten Tag, ich bin Pamela Hansen, die neue Pastorin. Antwort: Schweigen. Oder: "Hmpf." Oder: "Hallo." Aber kein: "Hallo, ich bin XY." Das Resultat ist, dass ich immer noch nicht die Namen diverser Insulaner kenne. Weil mir nie jemand verraten hat, wie sie heißen. Auch die betroffenen Personen selbst nicht. Fazit: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht!
(Darf ich eigentlich jemanden als Bekannten bezeichnen, mit dem ich zwar öfter zu tun habe, dessen Namen ich aber nicht kenne???)

Bei Geburtstagsbesuchen ist das auch schon passiert. Es wurde vorausgesetzt, dass die Pastorin selbstverständlich weiß, wer wann wie alt wird und vor allem, wo das große Ereignis gefeiert wird. Ich hätte fast schonmal sämtliche Einsatzkräfte auf der Insel mobilisiert, weil die Familie von Urgroßtante Frieda (Name und Verwandschaftsverhältnis von der Redaktion geändert) versäumt hatte, mir mitzuteilen, dass die altehrwürdige Dame ihren Geburtstag nicht zu Hause feiert sondern in einer der vielen hier vertretenen Lokalitäten. Jedenfalls öffnete niemand die Tür, vor der ich mit Geschenketütchen und erwartungsfroh klopfendem Herzen stand - auch auf mehrfaches willenloses Sturmklingeln nicht. Daraufhin hatte ich gleich diverse Horrorszenarien im Kopf: ein Paar Beine, die unter den Trümmern eines umgestürzten Kleiderschrankes hervorragen, eine Hand, die den überlaufenden Badewannenrand umklammert, ein Blutlache unter dem Küchentisch, usw..
Zum Glück habe ich nicht gleich das SEK alarmiert sondern jemanden, der für mich herausfinden konnte, was sich in Wahrheit zugetragen hatte: Eine nette kleine Geburtstagsfeier, die NICHT zu Hause stattfand. Fazit auch hier: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht! Das könnte u.U. damit enden, dass für Helgoland Katastrophenarlarm ausgelöst wird.

Bei dem Geburstagsbesuch hatte übrigens auch ich einfach was vorausgesetzt: Dass besagtes betagtes Geburtstagskind nämlich weiß, dass ich ihr an ihrem Ehrentag mit einem Geschenk auf die Pelle rücke. Fazit: Ich hatte zu viel vorausgesetzt, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten meiner Schäfchen geht. Obwohl: Man muss eigentlich nicht hellsehen können, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines pastoralen Besuchs an einem hohen runden Geburtstag sehr hoch ist. 

Jedenfalls ist mir in der letzten Zeit aufgegangen, dass ich selber noch viel mehr vorausetze, was ich nicht voraussetzen sollte: Zum Beispiel dass alle Leute wissen, dass in einer Kirche auch Andachten geboten werden und nicht nur Konzerte. 

Oder dass jeder weiß: Sonntagsmorgens um 10:00 Uhr ist Gottesdienst auf Helgoland - und in gaaaaaaaanz vielen Kirchen an gaaaaaaanz vielen Orten auf diesem Planeten auch. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit äußert gering, dass man einen Pastor oder eine Pastorin am Sonntagmorgen zwischen 10:00 und 11:00 Uhr telefonisch erwischt. Es sei denn, das Profischaf hat sein / ihr Handy mit in der Kirche und geht auch ran, wenn's klingelt.

(Ich setzte gerade voraus, dass ihr alle wisst, wen ich mit "Profischaf" meine. Sollte ich nicht, ich weiß. Also hier die Erläuterung: Pastor heißt übersetzt "Hirte". Ich sehe uns Pastorinnen und Pastoren aber nicht so sehr als Hirten. Der einzige qualifizierte Hirte war m.E. Jesus. Wir Pastoren sind aber immerhin die Profischafe in der christlichen Herde. So!)

Oder dass alle wissen, wozu das Glockengeläut eigentlich da ist. Es ist nicht jedem klar, dass in der Kirche vermutlich in näherer Zukunft etwas stattfindet, wenn die Glocken erbarmungslos die Nachbarschaft bebimmeln. Stand da doch neulich eine Frau in der Kirche, die durch das Glockenläuten aufgeschreckt worden war und in die Kirche kam, um zu sehen, was denn da eigentlich los ist. Gnadenlos hat sie dann die Pastorin, die eigentlich gerade mit der Andacht beginnen wollte, in ein Gespräch verwickelt. Die Pastorin hat dann einfach vorausgesetzt, dass die Dame logischwerweise an der Andacht teilnimmt, da sie ja schon in der Kirche war. Falsch vorausgesetzt! Am Ende ging es jedenfalls doch ganz andächtig los, wenn auch mit Verspätung und ohne besagte Dame. Die war nämlich wieder abmarschiert, mit einem Ablaufblatt für eine Andacht in der Hand, an der sie gar nicht teilnehmen wollte. Wenigstens wusste sie, warum die Glocken geläutet hatten. 

Dass viele nicht mehr wissen, dass das Jesus war, der in Bethlehem geboren wurde und nicht Zeus, habe ich inzwischen auch schon mitgekriegt - im Fernsehen. Und ich war ganz erstaunt über die falsche Antwort in der Quizrunde. Ich dachte wirklich, das gehört zur Allgemeinbildung, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Aber: Zu viel vorausgesetzt!

Und da bin ich bei der sogenannten goldenen Regel angelangt: Wenn ich nicht will, dass man mir gegenüber einfach ein bestimmtes Wissen voraussetzt, dann sollte ich das anderen gegenüber auch nicht tun.

Ob ich das hinkriege? 
Ob Kirche das hinkriegt?

Sonntag, 24. Juli 2016

Pokémon-Predigt


Die Welt ist im Pokémon-Wahn! Nintendo hat ein neues Spiel herausgebracht, das seit zwei Wochen auf dem Markt, bzw. auf den Handies ist: Pokémon Go. In Deutschland ist es seit ungefähr einer Woche erhältlich und kann ganz kostenfrei aufs Handy geladen und gespielt werden. Dabei geht es darum, kleine virtuelle Monster zu finden und einzufangen. Das Handy schaltet mit der eingebauten Kamera dabei auf die wirkliche Umgebung um, um anzuzeigen, wo sich solch ein Pokémon gerade befindet. Diese eingefangenen Pokémons kann man auch in einer Arena kämpfen lassen.


Hier bei uns verläuft alles, wie ich finde, noch sehr zurückhaltend. Aber ich habe schon Bilder aus unseren Großstädten gesehen, wo ganz viele Menschen mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend irren – auf der Suche nach Pokémons. Die Begeisterung für dieses Spiel ist so groß, dass bisweilen sogar das Internet lahmgelegt wird.

 

BBC online berichtete am letzten Sonntag von Tom Currie, einem Mann aus Neu-Seeland, der seine Arbeit gekündigt hat – um mehr Zeit für die Pokémonjagt zu haben. Er arbeitete als Barmann in einem Restaurant an der Hibiscus Küste in der Nähe von Auckland, hat aber beschlossen, jetzt lieber vollzeit Pokémon Go zu spielen. Tom Currie gab zu, dass seine Eltern schon ein bisschen perplex waren, als sie davon erfuhren. Er verlässt sich trotzdem darauf, dass Freunde und Familie aushelfen werden.

 

Tja, und dann gibt es natürlich diejeigen, die mit so einem Handyspiel gar nichts am Hut haben. „Kinderkram“, „Ihr seid verrückt“, "Da mach‘ ich nicht mit“, sind alles Dinge, die ich schon gehört habe.


Aber bleiben wir erstmal bei denen, die so vernarrt in das Spiel sind wie besagter Tom Currie:

Dieses Szenario erinnert mich nämlich an die ersten Jünger, die Jesus berufen hat und an die Zeit, als die Sache Jesu gerade erst losging. Die haben auch alles stehen und liegenlassen um Jesus nachzufolgen. Da war die Sicherung der Existenz auch plötzlich egal. „Lasst die Toten ihre Toten begraben“, war das Motto. Die Jünger sind auf und davon und haben Arbeit und Familie einfach zurückgelassen. Und diese Sache Jesu, von der die Jünger so begeistert waren, zog immer weitere Kreise, erreichte immer mehr Menschen. Die Israeliten, die Griechen, die Römer – alle im Jesus-Wahn. Selbst vor Paulus machte diese Begeisterungswelle nicht halt, obwohl er doch einer war, der die Christen verfolgte. Paulus wird angesteckt vom Jesus-Virus und singt nur noch Lobeshymnen auf ihn und auf den christlichen Glauben. Von einer „überwältigenden Erkenntnis“ schreibt er an die christliche Gemeinde in Philippi (Philipper 3, 7-11). „Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen“, sind seine Worte. Paulus ist so hin und weg von Jesus, dass er sogar „an seinem Leiden teilhaben möchte – bis dahin, dass er ihm im Tod gleich werde“.

Das klingt, Entschuldigung, ähnlich durchgeknallt, wie bei dem Barmann der seinen Job hinschmeißt, damit er seine ganze Zeit den Pokémons widmen kann. Und: Auch damals, zur Zeit der ersten Christen, gab es Leute, die zu den Christen gesagt haben: Das ist totaler Quatsch, da mach‘ ich nicht mit. Leute, die absolut dagegen waren. So wie Paulus am Anfang.

 

Solch ein Handy-Spiel und die Begeisterung für das Christentum damals haben etwas gemeinsam: Beide versprechen, dass man einer Welt entfliehen kann, die sehr viel Leid, Gewalt, Verlust, Trauer und Tod bereithält - so wie der Amoklauf von München zum Beispiel. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es beim Christentum um das wahre Leben geht und nicht um eine virtuelle Welt. Christlicher Glaube ist nicht nur eine Fluchtmöglichkeit sondern sehr viel mehr. Christlicher Glaube gibt uns die Möglichkeit, die reale Welt wirklich zu verändern. Bei einem Handyspiel geht das nicht. Da können wir höchstens eine Welt verändern, die nur auf unseren Smartphones existiert.

 

Was bei mir jetzt natürlich hochkommt, ist ein gewisser Neid. Ich stelle unweigerlich die Frage: Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat? Natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Kirche, die genauso viel begeisterten Zulauf hat wie die Pokémon Arenen auf unserer Insel. Ich wünsche mir, dass junge und alte Leute, Frauen, Männer, Mädchen und Jungen mit vor Aufregung geröteten Wangen in die Kirchen kommen und sagen: "Oh guck mal, da sind wieder welche: Christen! Da müssen wir unbedingt hin! Da wollen wir unbedingt dazugehören!"

 

Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat?

Es ist neu; es ist süß; es ist lustig; es lockt die Menschen in eine wunderschöne Fantasiewelt und lässt sie den Terror der Realität vergessen; es kostet nichts; es ist Abenteuer; es macht Spaß.

 

Christentum dagegen ist nicht wirklich neu. Manche bezeichnen es sogar als verstaubt. Christentum empfinden viele als zu ernst und zu starr. Christentum bietet keine schöne Scheinwelt sondern zwingt uns dazu, uns mit der Realität auseinader zu setzen. Wir können nicht einfach wegsehen und hoffen, dass all das Schlimme von alleine verschwindet, wenn wir es nur nicht beachten. Christentum ist teuer, denn es verlangt uns eine Menge ab. Ständig sind wir aufgefordert, etwas zu geben: Unsere Zeit, unser Geld, unsere Kreartivität, unsere Kraft, unser Können und unsere Begabungen, unsere Geduld, unsere Liebe, unseren Respekt, .... die Liste ist lang. Gegenleistung gibt’s auch nicht. Es gibt nichtmal eine Weiterentwicklung zum nächsten Level, mit der wir angeben könnten.

Und trotzdem gibt es weltweit über  2 Milliarden Christen. Deutlich mehr als Pokémon Go Spieler! Und das nach immerhin 2000 Jahren Christentum!

 

Ich glaube kaum, dass Pokémon Go so lange durchhält. Um ganz ehrlich zu sein, gebe ich diesem Spiel ein paar Jahre. Wenn Nintendo clever ist und es gut weiterentwickelt, dann vielleicht sogar ein Jahrzehnt, denn irgendwann werden auch die tollsten Spiele langweilig, weil sie nichts neues mehr zu bieten haben.

 

Hat chrislicher Glaube eigentlich auch nicht. Christlicher Glaube hat ziemlich alte Wahrheiten zu bieten. Die gibt es schon sehr lange. Die müssen aber auch nicht neu erfunden werden. Die müssen nicht weiterentwickelt werden, um die Menschen bei Laune zu halten. Ist schon versucht worden und funktioniert nicht. Ich habe in den USA Kirchen besucht, die besonders anders und besonders cool diese christlichen Wahrheiten unter die Leute bringen wollten. Für ein paar Jahre hatten sie immensen Zulauf, wurden zu sogenannten Mega-Churches. Und dann wanderten die Mitglieder ab, weil ihnen die Tiefe fehlte. Das Ganze war zu oberflächlich.

 

Ich hatte mal mit einer Frau zu tun, die von ihrem Ehemann misshandelt wurde. Eine Anzeige bei der Polizei hat nichts gebracht trotz der Beweise: viele blaue Flecken und ein ordentliches Veilchen. Ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt. Aber irgendwohin musste sie mit ihrem Kummer, ihrer Angst und ihrer Hilflosigkeit. Also ging sie zu einer dieser riesigen Kirchen, in der jeden Sonntag 2000 Leute in den Gottesdienst gingen. Diese Kirche muss ja gut sein, wenn da so viele Leute hingehen, oder?

Was passierte, war, dass man sie in ein sogenanntes Missionierungsprogramm steckte und ihr Kurse anbot, die ganz viel Theologie und Bibelkunde vermittelten. Was sie aber brauchte, war etwas ganz anderes: Jemand der einfach nur zuhörte, jemand, bei dem sie sich alles von der Seele reden konnte. Also rief sie mich an, weil sie von ihrem Vater gehört hatte, dass in seiner Gemeinde eine ganz nette Pastorin war.

 

Was ich damals gelernt habe: Authentisch sein ist für uns Christinnen und Christen wichtig. Ehrlich sein, ist wichtig.  Die Menschen um uns herum wahrnehmen und ernstnehmen, ist wichtig. Zu dem stehen, was wir glauben und so wie Paulus nicht schämen, unsere Begeisterung für Christus in aller Öffentlichkeit zu zeigen, ist wichtig.

 

 

Irgendwann  wird man Pokémon Go nicht mehr spielen können, weil die Handies so weit entwickelt sind, dass so ein altes Spiel sich auf den neuen Geräten nicht mehr spielen lässt. Dann gibt es eben etwas neues. Christentum passt immer, egal wohin die Welt sich entwickelt. Auch wenn die Inhalte der Bibel aus einer Zeit stammen, die lange, lange her ist, passen die Erfahrungen, die die Menschen damals mit Gott gemacht haben, sehr gut auch in unsere Zeit. Die Werte, die vermittelt werden haben heute mehr Gültigkeit denn je. Wir müssen sie nur verständlich rüberbringen. Und wenn wir diese Wahrheiten und Werte auch noch ansprechend verpasckt kriegen, dann dürfte es auch nicht so schwer sein, die Gute Nachricht“ von der Liebe Gottes unter die Leute zu bringen.


Ich hatte am Mittwoch mal ganz flappsig die Frage gestellt, ob  Jesus heute wohl Gleichnisse über Pokémons erzählt hätte anstatt über Schafe. Ich bin mir sicher, dass er das getan hätte. Jesus hätte es garantiert geschafft, den Menschen mit Hilfe von Pokémons etwas über das Reich Gottes zu vermitteln und Begeisterung für das Reich Gottes zu wecken.  „Das Reich Gottes ist wie ein Spiel, bei dem erst ein paar wenige Menschen anfangen, Pokémons zu fangen und viel Freude dabei haben, das sich dann aber über die ganze Welt ausbreitet", würde er vielleicht sagen. Ja, der christliche Glaube darf auch Spaß machen! Soll er sogar, wie ich finde, denn dann fällt es uns auch leichter, eine ähnliche Begeisterung für die Sache Jesu an den Tag zu legen wie Paulus. „Die „Sache Jesu braucht Begeisterte“ heißt es ja schließlich auch in einem Kirchenlied*!


Und die Sache Jesu hat ja schon Begeisterte, eine ganze Menge sogar und schon eine ganz lange Zeit. Ich bin mir sicher, dass diese Sache Jesu auch in ferner Zukunft noch Begeisterte haben wird, und zwar eine ganz Menge davon! Und da kann man zu Recht die Frage stellen: Was hat Christus, was Pokémon Go nicht hat?


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*(„Durch Hohes und Tiefes“ - Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinde, Nr. 323)





Sonntag, 17. Juli 2016

So gemein!

Das Leben ist grausam! Und so unendlich gemein! Und eigentlich dürfte es das gerade heute nicht sein, denn heute ist doch der Tag des Herrn! Ich bilde mir ja immer ein, dass ich auf besonders gutem Fuß mit dem Herrn stehe, weil ich ihm in der Woche immerhin über 50 Stunden an Arbeitszeit zur Verfügung stelle. Privat hat er ebenfalls meine volle Aufmerksamkeit (soweit man das hier überhaupt trennen kann). Da wäre es doch nur fair, dass der Herr am Sonntag auch mal mir etwas Aufmerksamkeit schenkt. Und mich mit Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt versorgt! Also, noch mehr Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt als ich schon hatte.



Ich war ja heute Mittag nach dem Gottesdienst kurz noch mal einkaufen. Da habe ich diesen Yoghurt entdeckt und dachte: Was die sich immer einfallen lassen. Normaler Erdbeeryoghurt tut's wohl nicht mehr. Da aber kein Erbeeryoghurt mehr da war, entschied ich mich, mal diesen komischen Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mitzunehmen. Zum Probieren. Einen(!) Becher.

Zu Hause nach dem Mittagessen wurde der dann auch gleich verhaftet und: SOOOOO LEEEEEEECKER!!!!!!!!! Ich war ja voll von den Socken. Bin ich immer noch. Und genau da liegt das Problem. Ich wollte mehr. Sogar PokémonGo ist gerade völlig abgemeldet. Ich will nur noch Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt! Wen interessieren schon Pokémons? 

Ja ich weiß! Ich komme mir ja selber blöd vor. Ich habe dann auch erstmal meinem nervenden Vierbeiner nachgegeben, der unbedingt raus wollte (musste) - auch in der Hoffnung, dass sich dann der Heißhunger auf Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt in Nordseeluft auflösen würde. Hat er nicht.
Wieder zu Hause stand ich ganze zehn Minuten im Flur und habe mit mir selber rumdebattiert, ob ich nochmal losstiefeln soll, um Nachschub an Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt zu organisieren. Da war noch ein Becher im Kühlregal! Hab' ich genau gesehen! Am Ende bin ich wirklich nochmal zu Edeka rüber und habe mich mit ausgefahrenen Ellenbogen an völlig verschreckten Kunden vorbei aufs Kühlregal gestürzt. Und dann: Der Supergau! Weltuntergang! Kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr da! Irgend so ein Unwürdiger hat mir doch tatsächlich den letzten Becher vor der Nase weggekauft! 

Mein Sonntag ist ruiniert! Ach, was sag' ich: Die ganze Woche ist ruiniert! Okay, ich gebe zu, das war jetzt übertrieben. Am Dienstag ist ja wieder Frachttag und mit dem Frachtschiff kommt hoffentlich auch neuer Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt. Trotzdem find' ich's echt sowas von gemein, dass da kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr war, wo ich doch extra nochmal losgegangen bin. 

Außerdem: Mein oberster Boss hätte ja auch mal helfend eingreifen können. So mit einer großen Sintflut vielleicht, die alle potenziellen Yoghurtkäufer von der Erde tilgt. So dass nur noch ich und mein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt übrig sind - allein auf einer Arche in der Nordsee. Himmlisch!


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P.S.: Das Fass mit der Aufschrift "Verkaufsoffene Sonntage" mache ich an dieser Stelle nicht auf. Denn dann müsste ich ja zugeben, dass ich gar nicht erst in Versuchung geführt worden wäre, wenn der Edeka am Tag des Herrn zu gehabt hätte.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Meine Konfirmanden sind Streber

Ob sie das von ihrer Pastorin haben?


Meine Konfis können das Vaterunser nach drei Wochen Konfirmandenunterricht auswendig. Psalm 23 kommt so nach vier Monaten von ganz alleine. Aber das Größte ist ja immer für mich der Gottesdienst: Ich weise die Gottesdienstbesucher gerne darauf hin, dass das Glaubensbekenntnis hinten im Gesangbuch abgedruckt ist (letzte Seite), denn nicht jeder kann das auswendig. Ich könnte mich immer beömmeln, wenn ganz viele Leute hektisch in den Gesangbüchern blättern, während meine Konfis ihre demonstrativ zuklappen und beiseitelegen. (Hab' ich, glaube ich, schonmal erzählt, aber macht ja nix. Doppelt hält besser.)

Der Jahrgang, den ich dieses Jahr konfirmiert habe, hat den Vogel abgeschossen: Die hatten nach einem knappen Jahr alle(!) erforderlichen Gottesdienste für die ganze Konfirmandenzeit "abgearbeitet" (15 pro Jahr, also in diesem Fall schon alle 30, plus diverse Küsterdienste und Lesungen im Gottesdienst). Und sie kamen trotzdem noch weiter in die Kirche! Da habe ich dann angefangen, mich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich falsch??? 

Obwohl: Ich selbst war ja auch so drauf. Schon bevor für mich der Konfirmandenunterricht anfing, konnte ich Vaterunser, Psalm 23, Apostolisches Glaubensbekenntnis, Luthers Morgensegen, Luthers Abendsegen und sogar das Glaubensbekenntnis von Nicäa (Nicänum) auswendig. (Das Nicänum kann ich heute nicht mehr, ist durch die Löcher in meinem Hirn wieder rausgefallen. Luthers Morgensegen auch. Aber ich weiß, wo das Nicänum im Gesangbuch steht: vor-vorletzte Seite. Ätsch!)

Diesen Wissensstand habe ich meiner in Erziehungsfragen äußerst konsequenten Mutter zu verdanken. Die hat mir nämlich eines Nachts so gegen 2 Uhr, sämtliche Bücher aus dem Zimmer geräumt, weil ich entgegen ihrer Anordnung einfach weitergelesen und dazu auch das Licht angelassen hatte. Da dachte sich meine Mutter: Wenn sie nichts mehr zu lesen hat, dann macht sie das Licht aus und schläft. Problem: Ich war immer noch nicht müde. Ich WURDE auch nicht müde. Trotz fehlender Bücher. Und da entdeckte ich sie: Zwei Bücher! Naja, das eine war eher ein Heft. Beide waren in schwarzes Papier eingeschlagen. Die hatte sie wohl vergessen. Dachte ich damals. Heute weiß ich, dass Mama nie im Leben damit gerechnet hätte, dass ich die Dinger lesen würde. Denn: Es handelte sich um Luthers Kleinen Kathechismus und ein Gesangbuch - Familienerbstücke, die man Mama für ihren eigenen Konfirmandenunterricht vermacht hatte! Und jetzt kommt's: In SÜTTERLIN!!!! Ja, das lasst jetzt erstmal sacken!

Ich war damals im zarten Vor-Vorkonfirmandenalter schon solch eine Streberin, dass ich das lesen konnte. Großtante Gustel hatte es mir mal beigebracht, weil ich mich bei einem Familientreffen so abgrundtief langweilte, dass ich allen auf die Nerven ging und unbedingt beschäftigt werden musste. 

Jedenfalls habe ich den Rest der Nacht damit verbracht, Luthers Katechismus zu lesen (mit Taschenlampe unter der Bettdecke, damit Mama nichts merkt).
In der nächsten Nacht ebenfalls, denn ich hatte immer noch Bücherverbot (zumindest von abends nach dem Zähneputzen bis morgens nach dem Zähneputzen). Tja, und weil ich ziemlich lange Bücherverbot hatte, habe ich irgendwann angefangen, auch im Gesangbuch zu blättern und das Zeug, das da in diesen Büchern stand, auswendig zu lernen. Zumindest, das was mich interessierte. Gebete, Segen, Glaubensbekenntnisse und so fand ich cool. Luthers Frage-und-Antwort-Spielchen zu diversen theologischen Themen nicht so sehr. (Vielleicht hätte man mich besser in ein Schlaflabor gesteckt, anstatt mir meine Bücher wegzunehmen.)

Später, während meiner Konfirmandenzeit, bin ich dann tatsächlich auch jeden Sonntag in die Kirche gepilgert (es sei denn ich war krank). Bin sogar im Urlaub in den Gottesdienst gegangen. Weil es mir Spaß gemacht hat. Jawoll! Hätte damals nicht schon jemandem auffallen müssen, dass dieses Kind einen echten Sockenschuss hat?!

Jedenfalls wundert sich jetzt hoffentlich niemand mehr ernsthaft darüber, dass dieses Kind später Pastorin geworden ist.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich mir vorstelle, dass aus meinen "kleinen Strebern" hier mal Pastorinnen und Pastoren werden könnten, dann macht mir das ein bisschen Angst. Dann kann ich nur sagen: Zieht euch warm an, denn die haben es faustdick hinter den Ohren!

Andererseits bin ich schon davon überzeugt, dass sie bei all dem christlichen Eifer und all den klugen Gedanken, die sie raushängen lassen, doch noch ziemlich normal geblieben sind. Wie sonst kommt man beim Stille-Post-Spielen auf "Froschpenis"?