Freitag, 6. Mai 2016

Warnung: Pastorin hört alles!

Wenn ich ab und an in meinem Strandkorb sitzen und ein kleines Päuschen einlegen kann, dann bekomme ich bisweilen die beste akademische Zusatzbildung in der ganzen Nordsee geboten. An meinem Pastoratsgarten führt nämlich der Oberländer-Touri-Pilgerpfad vorbei: Die Touris pilgern unweigerlich an meinem Pastoratsgarten vorbei, nachdem sie den Klippenrandweg erfolgreich im Uhrzeigersinn absolviert, nicht in die Schrebergärten abbebogen und nicht über LOS gegangen sind.


Ich weiß nicht, woran es liegt, dass sie, wenn sie an meinem Pastoratsgarten angekommen sind, zu Professoren und Dozenten mutieren. Vermutlich, weil sie nicht wissen, dass sie belauscht werden. Wenn ich in meinem Strandkorb sitze, kann man mich nämlich vom Oberländer-Touri-Pilgerpfad aus nicht sehen. Aber ich kann alles hören! Ich habe dann öfter das Glück, an einer Gratisvorlesung über dieses oder jenes Thema teilnehmen zu dürfen. Und das ganz ohne Studiengebühren!

Gestern ging es um unseren Friedhof:
"Ey, guck mal! Da ist der Friedhof. Da liegen die Walfänger. Auf Amrum war das doch auch so. Die hatten da sogar noch die Stoßzähne!"

Als ich das hörte, konnte ich nur noch vor Neid erblassen: War ja klar! Die Amrumer wieder! Haben sogar Stoßzähne auf ihrem Friedhof! Und wir armen kleinen Helgoländer Würstchen haben natürlich keine Stoßzähne! Weder von Walen noch von Walfängern! 

Ich musste nach dieser erschütternden Erkenntnis erstmal ganz schnell mein Mütchen kühlen. Mit einer großen Portion Pistazieneis. Damit ich wieder in der Lage war, mich im Strandkorb ganz entspannt in meinen Krimi zu vertiefen.

Sonntag, 1. Mai 2016

Mit Anzug und Iro

Die Rock'n'Roll Butterfahrt hat auch vor unserer Kirche nicht haltgemacht. Wie cool!

Und damit meine ich nicht die Punks, die gerne auf den Friedhofsbänken sitzen, sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen und immer zu einem netten Schwätzchen bereit sind, wenn Frau Pastorin mit flatternden Gewändern vorbeieilt.

Einer unserer Kirchengemeinderäte war von missionarischem Eifer gepackt worden und wollte demonstrieren, dass so einiges gut zusammenpasst, von dem man gar nicht meint, dass es zusammenpassen könnte. Musikalisch hatten wir das ja schon im letzten Jahr mit der Kombination aus E-Gitarre und Orgel bewiesen. Heute war das Outfit dran. Man kann sich zum Gottesdienst nämlich auch mal ganz anders in Schale schmeißen: im Anzug und mit Irokesenbürste auf dem Kopf. Das wollten sich so einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen unseres derzeitigen Rockfestivals natürlich nicht entgehen lassen und tauchten trotz durchgefeierter Nacht zum Gottesdienst auf. Ein paar Rock'n'Roller haben sich dann auch tatsächlich bei mir für's Nicht-Mitsingen entschuldigt, weil sie heute morgen einfach keine Stimme mehr hatten. Aber wen stört das schon? Mich jedenfalls nicht. Ich fand es einfach nur klasse, euch dabei zu haben!!!



Und wer weiß, vielleicht kriegen wir es im nächsten Jahr ja mal hin, Kirche rüber zu euch auf die Düne zu bringen. Denn so rum ist es ja eigentlich richtig: Kirche muss erstmal dahin, wo die Menschen sind. 

Jedenfalls war das heute das beste Beispiel für zwei Grundsätze, mit denen ich in meiner Zeit in den USA Bekanntschaft gemacht habe und die hoffentlich überall gelebt werden, wo es Kirche gibt: Alle sind willkommen! Und: Komm' so wie du bist!

Freitag, 29. April 2016

Kirchensanierung

Es hat begonnen: Seit vorgestern ist alle Entschleunigung in unserer Kirchengemeinde dahin, denn hier wird auf einmal hart gearbeitet!


Ich finde den Beginn unserer Kirchensanierung nicht nur so erwähnenswert, weil die hier schon for 20 Jahren hätte stattfinden sollen. Nein, ich finde es erwähnenswert, weil einer der Gerüstaufbauer mich gestern mit dem Spruch des Tages versorgt hat: "Man wird ja im Vorwege über nichts informiert! Nichtmal darüber, dass man die Fähre nehmen muss, um nach Helgoland zu kommen! Oder das Flugzeug! Und dass man nur 10 Kilo Gepäck mitnehmen darf, hätte einem ja auch mal einer sagen können!"

Also, wenn ich den erwische, der den Festländern immer wieder einzureden versucht, man  könne mit dem Auto nach Helgoland fahren, ...

Sonntag, 27. März 2016

Der Herr ist auferstanden - aber wo war er vorher?

Der Kindergarten hat mir in diesem Jahr die Steilvorlage für den Einstieg in meine Osterpredigt geliefert:

In den Wochen vor Ostern war auch im Kindergarten die Ostergeschichte Thema. Sogar den ganz Kleinen haben wir die Geschichte vom Sterben und der Auferstehung Jesu nahebringen können. Mit ein paar Fingerpuppen und einem Stein wurde das ganze anschaulich gemacht und war damit auch für die Kleinsten (eigentlich) gut zu verstehen.

Einmal durfte ich dabei sein, als die Ostergeschichte erzählt wurde. Die Kinder hörten sie an diesem Tag zum zweiten Mal. Ein paar Tage vorher hatte die Erziehrin sie schon einmal erzählt und so war sie den Kindern nicht neu. Ihnen wurde geschildert, dass Jesus gestorben war, dass man seinen Körper in eine Höhle hinter einen Stein gelegt hatte. Dann kamen zwei Freundinnen von Jesus. Die Jesus- Fingerpuppe wurde aus der Szene entfernt und dann die Frage an die Kinder gerichtet: Wo ist Jesus?
Keine Antwort. Nur große runde Kinderaugen,die uns anblickten. Die Antwort, auf die wir alle gehofft hatten (weil die Kinder sie ja eigentlich schon wussten), war: gestorben. Oder einfach: weg! Aber es kam, wie gesagt, keine Antwort. Also wiederholte die Erzieherin die Frage: Wo ist Jesus?
Daraufhin eines der Kinder - wie aus der Pistole geschossen: "In Urlaub!"

 

Da hatte ich auch schon mein erstes Osterlachen. Obwohl das an dieser Stelle noch gar nicht vorgesehen war. Das zweite Osterlachen hatte ich, als mir das Kanzelmikrofon abstürzte. Jaja, wer den Schaden hat, ... Jedenfalls war das Osterlachen an der Stelle auch noch nicht vorgesehen.
Das sollte (eigentlich) erst mit den Witzen am Schluss der Predigt in der Kirche erschallen, weil die Witze ja dazu gedacht sind, das Osterlachen herauszukitzeln. Hier ist einer davon:

Ein Ehepaar beschließt, dem Winter in Deutschland zu entfliehen und bucht eine Woche Südsee. Aus beruflichen Gründen kann die Frau aber erst einen Tag später als ihr Mann fliegen.

Der Ehemann fährt also wie geplant vor. In der Südsee angekommen bezieht er das Hotelzimmer und schickt seiner Frau gleich eine E-Mail nach Hause. Blöderweise vertippt er sich beim Eingeben der E-Mail-Adresse und dreht einen Buchstaben.

Die E-Mail landet daher bei einer Witwe, die gerade von der Beerdigung ihres Mannes kommt und soeben die Beileidsbekundungen per E-Mail abruft. Als deren Sohn das Zimmer betritt, sieht er seine Mutter bewusstlos zusammensinken. Sein Blick fällt auf den Bildschirm, wo er folgendes liest:

AN: meine zurückgebliebene Frau
VON: Deinem vorgereisten Gatten
BETREFF: Bin gut angekommen.

Liebste, bin soeben angekommen. Habe mich hier bereits eingelebt und sehe, dass für Deine Ankunft alles schon vorbereitet ist. Wünsche Dir eine gute Reise und erwarte Dich morgen. In Liebe, Dein Mann.

PS: Verdammt heiß hier unten
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In diesem Sinne wünsche ich euch allen wirklich fröhliche Ostern!



Donnerstag, 24. März 2016

NICHT sprachlos!

So, ihr Terroristen in Brüssel oder sonstwo auf der Welt: Zieht euch warm an! Ich habe nämlich eine Antwort auf eure sprachlos machenden Gewalttaten! Diese Erkenntnis überfiel mich vorhin, als ich über dem Ablauf für den heutigen Abendmahlsgottesdienst brütete, um ihm den letzten Schliff zu verleihen. Die Antwort, die ich auf den Terror habe, lautet: Der Friede Gottes sei mit euch allen!

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn mich Nachrichten wie die von den Anschlägen in Brüssel erreichen, dann ist der Frust so groß, dass ich erstmal gar nicht weiß, was ich sagen soll. Und dann stelle ich mir unweigerlich die Frage: Was können wir eigentlich tun, um auf den Terror zu antworten? Gerade wir, die wir hier doch so behütet und fernab von allem auf unserem Inselchen ihr Dasein fristen?
Antwort: Wir können Gottesdienst feiern! Wir können Abendmahl feiern! Wir können uns die Hand reichen und uns gegenseitig sagen: "Friede sei mit dir."

(Das Bild stammt aus dem Heftchen "Der Anschlag in Wittenberg" von Werner Tiki Küstenmacher)

Eigentlich ist der Friedensgruß im Helgoländer Abendmahlsablauf nicht vorgesehen. In Martin Luthers Abendmahlsablauf war er dagegen schon immer vorgesehen. In meinem Abendmahlsablauf war er auch schon länger vorgesehen, wurde aber wegen Boykott durch die Gemeinde zwischenzeitlich wieder aufgegeben.  Nun ist der Friedensgruß seit einiger Zeit nicht nur wieder vorgesehen, sondern wird auch von mir mit an Besessenheit grenzender Sturheit immer wieder eingeübt. Jetzt wisst ihr warum: Weil wir damit eine Antwort auf den Terror haben! Mit den Worten "Friede sei mit dir". Aber auch mit Taten: Indem wir uns die Hand reichen als Geste des Friedens, der Versöhnung und der Gemeinschaft.

Montag, 29. Februar 2016

Flötenklänge aus dem Pastoratsflur

Heute waren dezente Flötenklänge aus dem Pastoratsflur zu vernehmen. Später gesellte sich dann auch Gitarrenmusik dazu. Manchmal weht einem hier auch das Posaunengebläse entgegen. Im Pastoratsflur wird immer dann musiziert, wenn sich unsere Musiker und Musikerinnen für einen Auftritt warmspielen müssen. Im Gemeindehaus können sie das nicht, weil man sie da hören kann, obwohl man sie da ja noch gar nicht hören soll. Jedenfalls die Gäste, die schon da sind, sollen die Musiker nicht hören. Obwohl die eigentlich eh schon genau wissen, was sie zu hören bekommen. Aber egal. Jedenfalls ist hier auf der Insel alles etwas kleiner und beengter, und so stehen keine weiteren geeigneten Räume zur Verfügung. Da bleibt nur der Pastoratsflur. 

Besagte dezente Flötenklänge hätten bei mir heute fast zu einem Herzstillstand geführt. Ich konnte mich nämlich gerade noch rechtzeitig bremsen, bevor ich die Tür aufriss und, nur in Teilen bekleidet, durch den Flur (und damit am Flötenkreis vorbei) in mein Amtszimmer marschierte. Wie schon erwähnt: Die Flötenklänge waren dezent. Ich hatte sie also nicht gleich wahrgenommen. Außerdem war mein Hirn schon zu sehr auf "nur mal schnell ins Amtszimmer huschen" programmiert. Das hätte echt schiefgehen können! Ist es aber nicht, denn zum Glück fanden die dezenten Flötenklänge doch noch ihren Weg durch mein Gehör ins Hirn, wo die Information: "Stop! Flötenkreis im Flur!" gerade noch rechtzeitig weiterverabreitet wurde. So stand ich dann vor Schreck erstarrt HINTER meiner Wohnungstür und nicht DAVOR. (Hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht vollständig bekleidet war?!)

Wäre der Posaunenchor da draußen im Pastoratsflur am Üben gewesen, hätte ich gleich gewusst, was Sache ist, und mich vor dem Türöffnen natürlich inselfein gemacht. Laut genug sind die Posaunen ja, um jedem zu verkünden, dass sie da sind. Bei den Flöten ist das anders. Erstens sind sie leiser als Posaunen und zweitens hatte mein Hirn ja schon Fahrt in Richtung Amtszimmer aufgenommen. (Zum Glück nur das Hirn und nicht auch der Rest von mir.) Ich war nämlich gerade dabei, mich für die Seniorenfeier zur Wiederfreigabe Helgolands umzuziehen, als mir einfiel, dass ich noch das Segensbuch für die Begrüßungsandacht brauchte. Und wenn mir einfällt, dass ich noch ein Segensbuch für eine Andacht brauche, dann muss das sofort erledigt werden, damit ich es bloß nicht vergesse! Segensbücher liegen bei mir normalerweise nicht irgendwo rum, sondern im Amtszimmer, wo sie hingehören. Deshalb war mein Hirn auf Amtszimmer programmiert und nicht auf mögliche Proben des Flötenkreises im Pastoratsflur, die mein unentdecktes Erreichen besagten Amtszimmers verhindern und mich in eine peinliche Lage bringen könnten.

Aber es ist ja, wie schon erwähnt, gerade noch gut gegangen. Als ich mich aus meiner Schockstarre hinter der Wohnungstür gelöst hatte, habe ich erstmal das Anhübschen zuende gebracht, um dann im strahlenden Glanz eines vollständigen Outfits durch besagte Wohnungstür zu schreiten, ein paar Minuten der Flötenprobe zuzuhören, mich dann an den Flötistinnen vorbei in mein Amtszimmer zu quetschen und mich zu fragen: Was wollte ich eigentlich hier???




Sonntag, 24. Januar 2016

Keine Sprachschwierigkeiten auf Helgoland



Heute ist zwar mein erster Urlaubstag, da ich aber erstmal abwarten muss, ob die Fliegers heute überhaupt fliegen, kann ich die Wartezeit auch gut mit einem Blogartikel totschlagen. Wir haben nämlich Nebel und wenn Nebel ist, dann fliegen die Fliegers vom und zum Festland nicht. Aber das wissen wir ja schon alle. Jedenfalls ist gestern etwas passiert, über das es sich durchaus zu berichten lohnt. Was nicht immer der Fall ist. Meine Mama weiß das aus langer leidvoller Telefoniererfahrung mit ihrer Tochter. Aber gestern war es anders.

Meine Mama rief gestern abend noch an, um mir einen schönen Urlaub zu wünschen und fragte bei der Gelegenheit, ob es irgendwas Besonderes gäbe. Fragt sie immer. Und ich sage immer: "Nööö, alles beim alten. Insel steht noch - mitten in der Nordsee, Kirche auch, alles gut." Gestern fiel mir dann aber doch noch was ein: Wir haben, seit ich hier bin, unseren ersten zweisprachigen Gottesdienst gefeiert, der nicht im Rahmen unserer Zanzibar-Partnerschaft stattfand. Unseren ersten "stinknormalen" zweisprachigen Gottensdienst also - den Großteil immer noch auf Deutsch aber einige Teile auf Englisch.

Ergeben hatte sich das Ganze eher zufällig. Auf dieser unserer Insel mitten in der Nordsee gibt es eine Biologische Anstalt des Alfred Wegener Instituts. Diese Bilogische Anstalt holt mit schöner Regelmäßigkeit internationale Studentinnen und Studenten her. Zwei dieser Studenten waren letzten Sonntag bei uns im Gottesdienst, einer aus Ghana und einer aus Madagaskar. Sie fragten mich im Anschluss an den Gottesdienst, ob es vielleicht möglich sei, im Gottesdienst die Predigt ganz kurz auf Englisch zusammenzufassen, da sie der deutschen Sprache nicht so mächtig wären. "Klar!" hab ich gesagt und mich später gewundert, worauf ich mich da schon wieder eingelassen hatte.

Jedenfalls hatte ich das ganze Szenario bei der Gottesdienstvorbereitung noch im Hinterkopf und beschloss kurzerhand, ein paar Lieder rauszusuchen, bei denen auch englische Strophen im Gesangbuch stehen. Ja, liebe Leute, sowas haben wir! Englische Strophen im Gesangbuch! Französische auch, falls es euch interessiert. Swahili haben wir auch zu bieten. Spanisch auch, wenn mich nicht alles täuscht. Damit ist der Beweis geliefert: Wir sind eine Eine-Welt-Kirche! 

So war am Ende der Gottesdienst mit diversen englischsprachigen Brocken bestückt und es gab auch eine Zusammenfassung meiner Predigt auf Englisch. Eine seeeeeehr ausführliche Zusammenfassung meiner Predigt. Okay, es war fast schon eine zweite Predigt. Aber meine Gemeinde hat das alles klaglos mitgemacht. Ist auch keiner eingeschlafen, obwohl die Predigt so lang war, Das ist schonmal ein sehr gutes Zeichen. Ich bin so stolz auf euch! 

Und ich selber habe zwischendurch immer wieder gedacht: Das fühlt sich jetzt richtig an wie Familie!