Sonntag, 24. Juli 2016

Pokémon-Predigt


Die Welt ist im Pokémon-Wahn! Nintendo hat ein neues Spiel herausgebracht, das seit zwei Wochen auf dem Markt, bzw. auf den Handies ist: Pokémon Go. In Deutschland ist es seit ungefähr einer Woche erhältlich und kann ganz kostenfrei aufs Handy geladen und gespielt werden. Dabei geht es darum, kleine virtuelle Monster zu finden und einzufangen. Das Handy schaltet mit der eingebauten Kamera dabei auf die wirkliche Umgebung um, um anzuzeigen, wo sich solch ein Pokémon gerade befindet. Diese eingefangenen Pokémons kann man auch in einer Arena kämpfen lassen.


Hier bei uns verläuft alles, wie ich finde, noch sehr zurückhaltend. Aber ich habe schon Bilder aus unseren Großstädten gesehen, wo ganz viele Menschen mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend irren – auf der Suche nach Pokémons. Die Begeisterung für dieses Spiel ist so groß, dass bisweilen sogar das Internet lahmgelegt wird.

 

BBC online berichtete am letzten Sonntag von Tom Currie, einem Mann aus Neu-Seeland, der seine Arbeit gekündigt hat – um mehr Zeit für die Pokémonjagt zu haben. Er arbeitete als Barmann in einem Restaurant an der Hibiscus Küste in der Nähe von Auckland, hat aber beschlossen, jetzt lieber vollzeit Pokémon Go zu spielen. Tom Currie gab zu, dass seine Eltern schon ein bisschen perplex waren, als sie davon erfuhren. Er verlässt sich trotzdem darauf, dass Freunde und Familie aushelfen werden.

 

Tja, und dann gibt es natürlich diejeigen, die mit so einem Handyspiel gar nichts am Hut haben. „Kinderkram“, „Ihr seid verrückt“, "Da mach‘ ich nicht mit“, sind alles Dinge, die ich schon gehört habe.


Aber bleiben wir erstmal bei denen, die so vernarrt in das Spiel sind wie besagter Tom Currie:

Dieses Szenario erinnert mich nämlich an die ersten Jünger, die Jesus berufen hat und an die Zeit, als die Sache Jesu gerade erst losging. Die haben auch alles stehen und liegenlassen um Jesus nachzufolgen. Da war die Sicherung der Existenz auch plötzlich egal. „Lasst die Toten ihre Toten begraben“, war das Motto. Die Jünger sind auf und davon und haben Arbeit und Familie einfach zurückgelassen. Und diese Sache Jesu, von der die Jünger so begeistert waren, zog immer weitere Kreise, erreichte immer mehr Menschen. Die Israeliten, die Griechen, die Römer – alle im Jesus-Wahn. Selbst vor Paulus machte diese Begeisterungswelle nicht halt, obwohl er doch einer war, der die Christen verfolgte. Paulus wird angesteckt vom Jesus-Virus und singt nur noch Lobeshymnen auf ihn und auf den christlichen Glauben. Von einer „überwältigenden Erkenntnis“ schreibt er an die christliche Gemeinde in Philippi (Philipper 3, 7-11). „Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen“, sind seine Worte. Paulus ist so hin und weg von Jesus, dass er sogar „an seinem Leiden teilhaben möchte – bis dahin, dass er ihm im Tod gleich werde“.

Das klingt, Entschuldigung, ähnlich durchgeknallt, wie bei dem Barmann der seinen Job hinschmeißt, damit er seine ganze Zeit den Pokémons widmen kann. Und: Auch damals, zur Zeit der ersten Christen, gab es Leute, die zu den Christen gesagt haben: Das ist totaler Quatsch, da mach‘ ich nicht mit. Leute, die absolut dagegen waren. So wie Paulus am Anfang.

 

Solch ein Handy-Spiel und die Begeisterung für das Christentum damals haben etwas gemeinsam: Beide versprechen, dass man einer Welt entfliehen kann, die sehr viel Leid, Gewalt, Verlust, Trauer und Tod bereithält - so wie der Amoklauf von München zum Beispiel. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es beim Christentum um das wahre Leben geht und nicht um eine virtuelle Welt. Christlicher Glaube ist nicht nur eine Fluchtmöglichkeit sondern sehr viel mehr. Christlicher Glaube gibt uns die Möglichkeit, die reale Welt wirklich zu verändern. Bei einem Handyspiel geht das nicht. Da können wir höchstens eine Welt verändern, die nur auf unseren Smartphones existiert.

 

Was bei mir jetzt natürlich hochkommt, ist ein gewisser Neid. Ich stelle unweigerlich die Frage: Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat? Natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Kirche, die genauso viel begeisterten Zulauf hat wie die Pokémon Arenen auf unserer Insel. Ich wünsche mir, dass junge und alte Leute, Frauen, Männer, Mädchen und Jungen mit vor Aufregung geröteten Wangen in die Kirchen kommen und sagen: "Oh guck mal, da sind wieder welche: Christen! Da müssen wir unbedingt hin! Da wollen wir unbedingt dazugehören!"

 

Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat?

Es ist neu; es ist süß; es ist lustig; es lockt die Menschen in eine wunderschöne Fantasiewelt und lässt sie den Terror der Realität vergessen; es kostet nichts; es ist Abenteuer; es macht Spaß.

 

Christentum dagegen ist nicht wirklich neu. Manche bezeichnen es sogar als verstaubt. Christentum empfinden viele als zu ernst und zu starr. Christentum bietet keine schöne Scheinwelt sondern zwingt uns dazu, uns mit der Realität auseinader zu setzen. Wir können nicht einfach wegsehen und hoffen, dass all das Schlimme von alleine verschwindet, wenn wir es nur nicht beachten. Christentum ist teuer, denn es verlangt uns eine Menge ab. Ständig sind wir aufgefordert, etwas zu geben: Unsere Zeit, unser Geld, unsere Kreartivität, unsere Kraft, unser Können und unsere Begabungen, unsere Geduld, unsere Liebe, unseren Respekt, .... die Liste ist lang. Gegenleistung gibt’s auch nicht. Es gibt nichtmal eine Weiterentwicklung zum nächsten Level, mit der wir angeben könnten.

Und trotzdem gibt es weltweit über  2 Milliarden Christen. Deutlich mehr als Pokémon Go Spieler! Und das nach immerhin 2000 Jahren Christentum!

 

Ich glaube kaum, dass Pokémon Go so lange durchhält. Um ganz ehrlich zu sein, gebe ich diesem Spiel ein paar Jahre. Wenn Nintendo clever ist und es gut weiterentwickelt, dann vielleicht sogar ein Jahrzehnt, denn irgendwann werden auch die tollsten Spiele langweilig, weil sie nichts neues mehr zu bieten haben.

 

Hat chrislicher Glaube eigentlich auch nicht. Christlicher Glaube hat ziemlich alte Wahrheiten zu bieten. Die gibt es schon sehr lange. Die müssen aber auch nicht neu erfunden werden. Die müssen nicht weiterentwickelt werden, um die Menschen bei Laune zu halten. Ist schon versucht worden und funktioniert nicht. Ich habe in den USA Kirchen besucht, die besonders anders und besonders cool diese christlichen Wahrheiten unter die Leute bringen wollten. Für ein paar Jahre hatten sie immensen Zulauf, wurden zu sogenannten Mega-Churches. Und dann wanderten die Mitglieder ab, weil ihnen die Tiefe fehlte. Das Ganze war zu oberflächlich.

 

Ich hatte mal mit einer Frau zu tun, die von ihrem Ehemann misshandelt wurde. Eine Anzeige bei der Polizei hat nichts gebracht trotz der Beweise: viele blaue Flecken und ein ordentliches Veilchen. Ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt. Aber irgendwohin musste sie mit ihrem Kummer, ihrer Angst und ihrer Hilflosigkeit. Also ging sie zu einer dieser riesigen Kirchen, in der jeden Sonntag 2000 Leute in den Gottesdienst gingen. Diese Kirche muss ja gut sein, wenn da so viele Leute hingehen, oder?

Was passierte, war, dass man sie in ein sogenanntes Missionierungsprogramm steckte und ihr Kurse anbot, die ganz viel Theologie und Bibelkunde vermittelten. Was sie aber brauchte, war etwas ganz anderes: Jemand der einfach nur zuhörte, jemand, bei dem sie sich alles von der Seele reden konnte. Also rief sie mich an, weil sie von ihrem Vater gehört hatte, dass in seiner Gemeinde eine ganz nette Pastorin war.

 

Was ich damals gelernt habe: Authentisch sein ist für uns Christinnen und Christen wichtig. Ehrlich sein, ist wichtig.  Die Menschen um uns herum wahrnehmen und ernstnehmen, ist wichtig. Zu dem stehen, was wir glauben und so wie Paulus nicht schämen, unsere Begeisterung für Christus in aller Öffentlichkeit zu zeigen, ist wichtig.

 

 

Irgendwann  wird man Pokémon Go nicht mehr spielen können, weil die Handies so weit entwickelt sind, dass so ein altes Spiel sich auf den neuen Geräten nicht mehr spielen lässt. Dann gibt es eben etwas neues. Christentum passt immer, egal wohin die Welt sich entwickelt. Auch wenn die Inhalte der Bibel aus einer Zeit stammen, die lange, lange her ist, passen die Erfahrungen, die die Menschen damals mit Gott gemacht haben, sehr gut auch in unsere Zeit. Die Werte, die vermittelt werden haben heute mehr Gültigkeit denn je. Wir müssen sie nur verständlich rüberbringen. Und wenn wir diese Wahrheiten und Werte auch noch ansprechend verpasckt kriegen, dann dürfte es auch nicht so schwer sein, die Gute Nachricht“ von der Liebe Gottes unter die Leute zu bringen.


Ich hatte am Mittwoch mal ganz flappsig die Frage gestellt, ob  Jesus heute wohl Gleichnisse über Pokémons erzählt hätte anstatt über Schafe. Ich bin mir sicher, dass er das getan hätte. Jesus hätte es garantiert geschafft, den Menschen mit Hilfe von Pokémons etwas über das Reich Gottes zu vermitteln und Begeisterung für das Reich Gottes zu wecken.  „Das Reich Gottes ist wie ein Spiel, bei dem erst ein paar wenige Menschen anfangen, Pokémons zu fangen und viel Freude dabei haben, das sich dann aber über die ganze Welt ausbreitet", würde er vielleicht sagen. Ja, der christliche Glaube darf auch Spaß machen! Soll er sogar, wie ich finde, denn dann fällt es uns auch leichter, eine ähnliche Begeisterung für die Sache Jesu an den Tag zu legen wie Paulus. „Die „Sache Jesu braucht Begeisterte“ heißt es ja schließlich auch in einem Kirchenlied*!


Und die Sache Jesu hat ja schon Begeisterte, eine ganze Menge sogar und schon eine ganz lange Zeit. Ich bin mir sicher, dass diese Sache Jesu auch in ferner Zukunft noch Begeisterte haben wird, und zwar eine ganz Menge davon! Und da kann man zu Recht die Frage stellen: Was hat Christus, was Pokémon Go nicht hat?


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*(„Durch Hohes und Tiefes“ - Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinde, Nr. 323)





Sonntag, 17. Juli 2016

So gemein!

Das Leben ist grausam! Und so unendlich gemein! Und eigentlich dürfte es das gerade heute nicht sein, denn heute ist doch der Tag des Herrn! Ich bilde mir ja immer ein, dass ich auf besonders gutem Fuß mit dem Herrn stehe, weil ich ihm in der Woche immerhin über 50 Stunden an Arbeitszeit zur Verfügung stelle. Privat hat er ebenfalls meine volle Aufmerksamkeit (soweit man das hier überhaupt trennen kann). Da wäre es doch nur fair, dass der Herr am Sonntag auch mal mir etwas Aufmerksamkeit schenkt. Und mich mit Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt versorgt! Also, noch mehr Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt als ich schon hatte.



Ich war ja heute Mittag nach dem Gottesdienst kurz noch mal einkaufen. Da habe ich diesen Yoghurt entdeckt und dachte: Was die sich immer einfallen lassen. Normaler Erdbeeryoghurt tut's wohl nicht mehr. Da aber kein Erbeeryoghurt mehr da war, entschied ich mich, mal diesen komischen Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mitzunehmen. Zum Probieren. Einen(!) Becher.

Zu Hause nach dem Mittagessen wurde der dann auch gleich verhaftet und: SOOOOO LEEEEEEECKER!!!!!!!!! Ich war ja voll von den Socken. Bin ich immer noch. Und genau da liegt das Problem. Ich wollte mehr. Sogar PokémonGo ist gerade völlig abgemeldet. Ich will nur noch Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt! Wen interessieren schon Pokémons? 

Ja ich weiß! Ich komme mir ja selber blöd vor. Ich habe dann auch erstmal meinem nervenden Vierbeiner nachgegeben, der unbedingt raus wollte (musste) - auch in der Hoffnung, dass sich dann der Heißhunger auf Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt in Nordseeluft auflösen würde. Hat er nicht.
Wieder zu Hause stand ich ganze zehn Minuten im Flur und habe mit mir selber rumdebattiert, ob ich nochmal losstiefeln soll, um Nachschub an Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt zu organisieren. Da war noch ein Becher im Kühlregal! Hab' ich genau gesehen! Am Ende bin ich wirklich nochmal zu Edeka rüber und habe mich mit ausgefahrenen Ellenbogen an völlig verschreckten Kunden vorbei aufs Kühlregal gestürzt. Und dann: Der Supergau! Weltuntergang! Kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr da! Irgend so ein Unwürdiger hat mir doch tatsächlich den letzten Becher vor der Nase weggekauft! 

Mein Sonntag ist ruiniert! Ach, was sag' ich: Die ganze Woche ist ruiniert! Okay, ich gebe zu, das war jetzt übertrieben. Am Dienstag ist ja wieder Frachttag und mit dem Frachtschiff kommt hoffentlich auch neuer Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt. Trotzdem find' ich's echt sowas von gemein, dass da kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr war, wo ich doch extra nochmal losgegangen bin. 

Außerdem: Mein oberster Boss hätte ja auch mal helfend eingreifen können. So mit einer großen Sintflut vielleicht, die alle potenziellen Yoghurtkäufer von der Erde tilgt. So dass nur noch ich und mein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt übrig sind - allein auf einer Arche in der Nordsee. Himmlisch!


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P.S.: Das Fass mit der Aufschrift "Verkaufsoffene Sonntage" mache ich an dieser Stelle nicht auf. Denn dann müsste ich ja zugeben, dass ich gar nicht erst in Versuchung geführt worden wäre, wenn der Edeka am Tag des Herrn zu gehabt hätte.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Meine Konfirmanden sind Streber

Ob sie das von ihrer Pastorin haben?


Meine Konfis können das Vaterunser nach drei Wochen Konfirmandenunterricht auswendig. Psalm 23 kommt so nach vier Monaten von ganz alleine. Aber das Größte ist ja immer für mich der Gottesdienst: Ich weise die Gottesdienstbesucher gerne darauf hin, dass das Glaubensbekenntnis hinten im Gesangbuch abgedruckt ist (letzte Seite), denn nicht jeder kann das auswendig. Ich könnte mich immer beömmeln, wenn ganz viele Leute hektisch in den Gesangbüchern blättern, während meine Konfis ihre demonstrativ zuklappen und beiseitelegen. (Hab' ich, glaube ich, schonmal erzählt, aber macht ja nix. Doppelt hält besser.)

Der Jahrgang, den ich dieses Jahr konfirmiert habe, hat den Vogel abgeschossen: Die hatten nach einem knappen Jahr alle(!) erforderlichen Gottesdienste für die ganze Konfirmandenzeit "abgearbeitet" (15 pro Jahr, also in diesem Fall schon alle 30, plus diverse Küsterdienste und Lesungen im Gottesdienst). Und sie kamen trotzdem noch weiter in die Kirche! Da habe ich dann angefangen, mich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich falsch??? 

Obwohl: Ich selbst war ja auch so drauf. Schon bevor für mich der Konfirmandenunterricht anfing, konnte ich Vaterunser, Psalm 23, Apostolisches Glaubensbekenntnis, Luthers Morgensegen, Luthers Abendsegen und sogar das Glaubensbekenntnis von Nicäa (Nicänum) auswendig. (Das Nicänum kann ich heute nicht mehr, ist durch die Löcher in meinem Hirn wieder rausgefallen. Luthers Morgensegen auch. Aber ich weiß, wo das Nicänum im Gesangbuch steht: vor-vorletzte Seite. Ätsch!)

Diesen Wissensstand habe ich meiner in Erziehungsfragen äußerst konsequenten Mutter zu verdanken. Die hat mir nämlich eines Nachts so gegen 2 Uhr, sämtliche Bücher aus dem Zimmer geräumt, weil ich entgegen ihrer Anordnung einfach weitergelesen und dazu auch das Licht angelassen hatte. Da dachte sich meine Mutter: Wenn sie nichts mehr zu lesen hat, dann macht sie das Licht aus und schläft. Problem: Ich war immer noch nicht müde. Ich WURDE auch nicht müde. Trotz fehlender Bücher. Und da entdeckte ich sie: Zwei Bücher! Naja, das eine war eher ein Heft. Beide waren in schwarzes Papier eingeschlagen. Die hatte sie wohl vergessen. Dachte ich damals. Heute weiß ich, dass Mama nie im Leben damit gerechnet hätte, dass ich die Dinger lesen würde. Denn: Es handelte sich um Luthers Kleinen Kathechismus und ein Gesangbuch - Familienerbstücke, die man Mama für ihren eigenen Konfirmandenunterricht vermacht hatte! Und jetzt kommt's: In SÜTTERLIN!!!! Ja, das lasst jetzt erstmal sacken!

Ich war damals im zarten Vor-Vorkonfirmandenalter schon solch eine Streberin, dass ich das lesen konnte. Großtante Gustel hatte es mir mal beigebracht, weil ich mich bei einem Familientreffen so abgrundtief langweilte, dass ich allen auf die Nerven ging und unbedingt beschäftigt werden musste. 

Jedenfalls habe ich den Rest der Nacht damit verbracht, Luthers Katechismus zu lesen (mit Taschenlampe unter der Bettdecke, damit Mama nichts merkt).
In der nächsten Nacht ebenfalls, denn ich hatte immer noch Bücherverbot (zumindest von abends nach dem Zähneputzen bis morgens nach dem Zähneputzen). Tja, und weil ich ziemlich lange Bücherverbot hatte, habe ich irgendwann angefangen, auch im Gesangbuch zu blättern und das Zeug, das da in diesen Büchern stand, auswendig zu lernen. Zumindest, das was mich interessierte. Gebete, Segen, Glaubensbekenntnisse und so fand ich cool. Luthers Frage-und-Antwort-Spielchen zu diversen theologischen Themen nicht so sehr. (Vielleicht hätte man mich besser in ein Schlaflabor gesteckt, anstatt mir meine Bücher wegzunehmen.)

Später, während meiner Konfirmandenzeit, bin ich dann tatsächlich auch jeden Sonntag in die Kirche gepilgert (es sei denn ich war krank). Bin sogar im Urlaub in den Gottesdienst gegangen. Weil es mir Spaß gemacht hat. Jawoll! Hätte damals nicht schon jemandem auffallen müssen, dass dieses Kind einen echten Sockenschuss hat?!

Jedenfalls wundert sich jetzt hoffentlich niemand mehr ernsthaft darüber, dass dieses Kind später Pastorin geworden ist.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich mir vorstelle, dass aus meinen "kleinen Strebern" hier mal Pastorinnen und Pastoren werden könnten, dann macht mir das ein bisschen Angst. Dann kann ich nur sagen: Zieht euch warm an, denn die haben es faustdick hinter den Ohren!

Andererseits bin ich schon davon überzeugt, dass sie bei all dem christlichen Eifer und all den klugen Gedanken, die sie raushängen lassen, doch noch ziemlich normal geblieben sind. Wie sonst kommt man beim Stille-Post-Spielen auf "Froschpenis"?

Dienstag, 5. Juli 2016

Kirchenbesichtigung mal anders

Man kann(!) völlig willenlos durch eine Kirche latschen, um sie zu besichtigen. Muss man aber nicht. 

Man kann sich auch Zeit dafür nehmen. Man kann sich aber auch richtig viel Zeit dafür nehmen, und dann die Kirche gleich aus einem anderen Blickwinkel betrachten: als Raum der inneren Einkehr, als Ort des Gebets. Dazu schlage ich vor, das in unserer Kirche NICHT zwischen 13.00 und 15.00 Uhr zu tun, denn da latschen diverse Tagesgäste manchmal ziemlich willenlos und meistens ziemlich lautstark durch unsere Kirche. Da wird das nix mit innerer Einkehr oder stillem Gebet.  Glaubt es mir! Ich hab' das schon ausprobiert!

Die schönste Zeit ist, wie ich finde, der Morgen. Ab 8 ist unsere Kirche unter der Woche auf (es sei denn, ich habe mal wieder verschlafen, oder schlichtweg vergessen aufzuschießen) und ab 10 am Wochenende. Der Morgen ist eine schöne Zeit, um sich vielleicht mal die "Perlen des Glaubens " und eines der Perlengebete zu schnappen, sich in einer Kirchenbank niederzulassen und den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Oder sich auf einen meditativen Rundgang durch unsere Kirche einzulassen - auch mit den Perlen des Glaubens. Alles, was dazu benötigt wird, liegt im Eingangsbereich aus - wenn ich nicht vergessen habe, alles nachzufüllen ;-)



Man kann den Kirchenraum also einmal ganz anders wahrnehmen und sich in aller Ruhe von Station zu Station durch die Kirche bewegen, immer wieder innehalten, seinen Gedanken zu einzelnen Themen wie "Gott", "ich", "Taufe", "Gelassenheit" oder anderen Dingen freien Lauf lassen und ein Gebet sprechen.


So zum Beispiel:


Liebe 1: Tritt vor eines der kleinen bunten Fenster an der Nordseite der Kirche und betrachte es eine Weile. Die Farben vermitteln Wärme und Geborgenheit. Gott hat es nicht nur zu Christus gesagt, er sagt es auch zu dir: "Du bist mein Kind, dich habe ich lieb, an dir habe ich meine Freude." (Lukas 3, 21)

Liebe 2: Nimm das Gefühl von Wärme, Geborgenheit und Geliebtsein mit und tritt vor ein anderes Buntglasfenster. Betrachte auch dieses eine Weile und denke and die Menschen, die du mit deiner Liebe beschenken möchtest. Versuche, auch diejenigen zu bedenken, die schwer zu lieben sind.


Geheimnis II: Begib dich zu dem Schiffsmodell der alten Helgoländer Schaluppe, das vorne auf der rechten (Süd-) Seite über den Kirchenbänken hängt. Es ist nicht nur ein Symbol des Dankes für die Rettung aus Seenot. Das Modell selbst hat auf geheimnisvolle Weise die Bombardierung überstanden und konnte nach dem Krieg aus den Trümmern gerettet werden. Hier kannst du für die Menschen in der Welt bitten, die unter Krieg und Gewalt leiden.


So, und vielleicht inspiriert euch das ja, nicht nur die Helgoländer Kirche mit mehr Ruhe und einfach anders zu betrachten, sondern das Perlenarmband auch zu nutzen, um damit in anderen Kirchen auf Entdeckungsreise zu gehen. In jeder Kirche lässt sich damit herausfinden, wo die Orte der "Stille", "Wüste", "Nacht", "Liebe" oder "Auferstehung" sind, nicht nur in der auf Helgoland.


Dienstag, 28. Juni 2016

Urlauberseelsorge

Ich hatte mir selbst neulich die Frage gestellt, ob meine Urlaube denn nun als Fortbildungsmaßnahmen zählen, weil meine Stellenbeschreibung eine 50%ige Beauftragung für Urlauberseelsorge beinhaltet. Die Frage war natürlich rein rhetorisch, denn niemand glaubt hier im Ernst, dass die Kirche mir dafür die Reisekosten erstatten würde!


Aber mir meine Urlaube mal aus Sicht einer Fortbildungsmaßnahme zu begucken, hat mir dann doch irgendwie gefallen. 

Ich habe mich gefragt: 
Was will ich eigentlich, wenn ich im Urlaub bin?

Und:
Was will ich eigentlich von Kirche, wenn ich im Urlaub bin?

Die erste Frage lässt sich schnell beantworten: Ich will aus-spannen, ent-spannen, ab-spannen. Ich will geocachen gehen, interessante Orte angucken, wandern, bergsteigen, baden, schlafen, lesen, Musik hören, die Seele baumeln lassen, spielen oder einfach nichts tun. Am allermeisten will ich aber in Ruhe gelassen werden.

Über die zweite Frage musste ich länger nachdenken. Als erstes kamen mir die Sachen in den Sinn, die man von Urlauberseelsorge erwarten würde: Ansprechbarkeit und ein bunter Blumenstrauß von Aktivitäten. Und dann fiel mir ein, dass das ja wohl eher die Perspektive der Urlauberseelsorgerin ist und nicht die der Urlauberin. Denn eigentlich will ich im Urlaub eines ganz besonders von Kirche: in Ruhe gelassen werden! Das mag natürlich damit zusammenhängen, dass die Kirche mein Arbeitgeber ist. Von dem will, soll und muss man im Urlaub in Ruhe gelassen werden!  Aber auch wenn ich versuche, meine Urlaubsbedürfnisse aus der Perspektive einer nicht-pastoralen Urlauberin zu betrachten, will ich immer noch in Ruhe gelassen werden. Eine Fülle von Angeboten stresst mich eigentlich nur. Im Grunde möchte ich ab und zu mal einen Gottesdienst oder eine Andacht besuchen, mehr nicht. Ach ja: offene Kirchen vorfinden ist auch cool. In offene Kirchen kann man sich nämlich einfach reinsetzen und, ja genau:  in Ruhe gelassen werden! 

Mir erzählen die Urlauber hier auf der Insel öfter, dass sie die Gottesdienste besuchen oder einfach nur so in die Kirche kommen, weil sie endlich einmal Zeit dafür haben. Nun, wenn ICH Urlaub habe, dann habe ich endlich einmal Zeit, NICHT in die Kirche zu gehen. 

Aber meine Perspektive ist hier wohl nicht die richtige. Denn wenn es danach geht, müsste ich 50% meiner Arbeitszeit dafür aufwenden, die Leute in Ruhe zu lassen. Ich glaube nicht, dass das im Sinne meiner dienstvorgesetzten Stellen ist 😉

Außerdem habe ich sowohl als Gemeindepastorin als auch als Urlauberseelsorgerin einen Verkündigungsauftrag zu erfüllen. Und Jesus hat schließlich nicht gesagt: Geht nun hin zu allen Völkern, aber lasst sie bloß in Ruhe! Nein, von taufen hat er was gesagt und von lehren. (Matthäus 28, 16-20) Und das ist schlichtweg nicht vereinbar mit dem In-Ruhe-lassen!

Donnerstag, 9. Juni 2016

Survivaltipps für Helgoland

In einer Email fragte mich eine Bekannte, ob sie für ihren Helgolandaufenthalt Handtücher und Bettwäsche mitbringen müsste. Ich verneinte die Frage, denn hier bieten fast alle, die Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, einen extrem guten Service, der Handtücher und Bettwäsche mit einschließt. Auf die Frage, ob sie sonst noch an etwas denken müsse, schrieb ich: An nichts außer dem sonst üblichen Kram, den man für Helgolandreisen so braucht, und führte ein paar Beispiele an.

Als verantwortungsvolle Pastorin wurde mir dabei gleich klar, dass ich unbedingt eine Liste der wichtigsten Dinge für Helgolandreisende ins Internet stellen muss, denn ein Helgolandaufenthalt ist nicht ohne und eigentlich sollte es für unsere schöne Insel heißen:


Ins Gepäck jedes Helgolandreisenden gehört ein Helgoland -Survival -Kit mit folgendem Inhalt:

- Einer Machete, um sich durch die dichte Vegetation kämpfen zu können: auf dem Oberland gibt es nämlich einen "Wald". Damit ist übrigens nicht der Dschungel im Pastoratsgarten gemeint.
- Einem gut sortierten Waffenarsenal, um eventuelle Schafangriffe abwehren zu können
- Einer Sicherungsleine, um bei dichtem Nebel nicht versehentlich vom Oberland zu fallen
- Einem Helm, um sich vor unautorisiertem Abwurf von Vogelkot zu schützen
- Einer Brotdose aus Stahl, um Fischbrötchen sicher verwahren zu können. Bei verstärkten Möwenangriffen Brotdose unbedingt am Körper festketten. Droht Lebensgefahr: Möwen mit dem Matjes ziehen lassen!
- Einem Fahrradständer. Auf Helgoland darf zwar von Nicht-Insulanern und Nicht-Kindern kein Fahrrad gefahren werden, aber man weiß ja nie, wofür man ihn sonst noch brauchen könnte. Vielleicht um herauszufinden, wer versehentlich ein Fahrrad mitgebracht hat. Oder um sich bei Sturm daran festzubinden.
- Sonnencreme LSF 350
- Einem Wecker, um einen daran zu erinnern, die Sonnencreme auch aufzutragen
- Einem Vorrat Spucktüten für den Fall, dass die Insel bei Seegang anfängt zu schaukeln
- Einem Fernglas, um sich am Büsumer Hochhaus orientieren zu können, wenn man sich verlaufen hat. Das Büsumer Hochhaus kann man wegen der Erdkrümmung allerdings nur vom Leuchtturm aus sehen (der nicht öffentlich zugänglich ist, ääätsch!)
- Einer Brille in angemessener Sehstärke, um Schilder mit lebensrettenden Hinweisen lesen zu können




- Einer Packung Knoblauchdragees, um dem Gehirn bei der Verarbeitung o.g. lebensrettender Hinweise zu helfen
- Einem Familienvorrat an Nutella, um dem Hungertod zu entgehen - in dem unwahrscheinlichen aber nicht unmöglichen Fall, dass alle Restaurants geschlossen haben und auch die Pastorin die Tür nicht aufmacht, um Ihnen von ihrem eigenen Nutella etwas abzugeben
- Einem selbstaufblasenden Rettungsboot, falls die Insel untergeht

Bei dieser Liste handelt es sich nur um den Inhalt des Helgoland-Survival-Kits in Größe S. Wir sind aber sehr bemüht, unser Sortiment zu erweitern und hoffen, Ihnen demnächst auch das Helgoland-Survival-Kit XXL vorstellen zu können.



Samstag, 4. Juni 2016

Für Mama und Papa ein paar Segelbilder zum Angucken


Bei Twitter, Facebook und Instagram sind sie schon drin. Und dann fiel mir ein, dass ihr die Bilder da ja gar nicht sehen könnt. Also mussten sie hier auch noch rein. Betrachtet das als internetiale Postkarte von der Insel. Naja, eigentlich von VOR der Insel. Ihr wollt wissen, was "internetial" ist? Weiß ich auch nicht. Hab' ich grade erst erfunden. Vielleicht sowas wie "via Internet" + "genial" = internetial.

Jedenfalls ganz viele liebe Grüße nach drüben aufs Festland!