Sonntag, 25. Dezember 2016

Krippenspiel und "Wir sind Kirche"

Ich muss da nochmal ein paar weihnachtliche Gedanken zu unserem ausgefallenen Krippenspiel loswerden. Es gibt ziemlich viele Leute, die es ziemlich schade finden, dass es in diesem Jahr auf Helgoland kein Krippenspiel für die Kinder gab. Ich gehöre dazu! Warum das so war, ist schnell erklärt: Ich kann alleine kein ganzes Krippenspiel besetzen so nach dem Motto:

Starring in alphabettical order
Engel 1: Pamela Hansen
Engel 2: Pamela Hansen
Engel 3: Pamela Hansen
Engel 4: Pamela Hansen
Engel 5: Pamela Hansen
Engel 6: Pamela Hansen
(Wieviele Engel braucht man eigentlich für die ganzen himmlischen Heerscharen???)
Esel: Pamela Hansen
Hirte 1: Pamela Hansen
Hirte 2: Pamela Hansen
Hirte 3: Pamela Hansen
Herbergswirt 1: Pamela Hansen
Herbergswirt 2: Pamela Hansen
Josef: Pamela Hansen
König 1: Pamela Hansen
König 2: Pamela Hansen
König 3: Pamela Hansen
Maria: Pamela Hansen
Ochse: Pamela Hansen
Schaf 1: Pamela Hansen
Schaf 2: Pamela Hansen
Schaf 3: Pamela Hansen

Mein schauspielerisches Talent kann sich zwar sehen lassen, aber dafür reicht es dann doch nicht. Den Esel hätte ich noch gut hinbekommen, aber den Rest nicht ;-)



Ich hatte vor Jahren noch den Ehrgeiz, selber mit ein paar Kindern hier ein Krippenspiel einzustudieren. Das ließ sich nicht machen, weil die Kinder sowieso schon mit allen möglichen Dingen beschäftigt waren und keine Zeit / Lust für Proben da war, und weil viele Familien gar nicht absehen konnten, ob sie an Weihnachten überhaupt auf der Insel sein würden oder vielleicht doch lieber Oma und Opa auf dem Festland besuchen. 

Also würde es wohl eine spontane Besetzung der Rollen während des Gottesdienstes tun müssen. Eigentlich kein Problem. Sowas kannte ich schon aus meiner Kinderzeit. Da wurde das immer so gemacht mit dem Krippenspiel. Blöd war damals nur, dass immer schon alle Rollen ratzfatz vergeben waren und es nichts mehr zu besetzen gab, als ich mich endlich traute, mich zu melden. Viel Zeit, um den nötigen Mut aufzubringen, hatte ich auch wirklich nicht, denn alles stürzte sich sofort auf die zu vergebenden Rollen und Kostüme.

Hier scheint niemand so heiß aufs Krippenspiel spielen zu sein. Vor zwei Jahren bin ich tatsächlich 15 Minuten als Krippenspiel-Motivator durch die Kirche getigert, bis ich zumindest die allernötigsten Rollen besetzt hatte. Es müssen ja nicht gleich 20 Hirten sein und wenn die himmlischen Heerscharen aus nur einem Engel bestehen, ist das für mich auch voll okay. Aber schon doof, wenn es eine ganze Viertelstunde dauert, bis der Gottesdienst überhaupt losgehen kann. Und den Stressfaktor nicht zu vergessen! Also: MEINEN Stressfaktor. Die Gottesdienstbesucher hatten natürlich auch Stress, das konnte ich ihnen ansehen: Oh Gott, hoffentlich fragt sie mich jetzt nicht, ob ich den Herbergswirt übernehmen kann!!! Wie gesagt, MEIN Stressfaktor: Nach drei Minuten wurde mir mulmig. Nach sieben Minuten hatte ich Schweißperlen auf der Stirn. Nach neun Minuten war mir richtig schlecht und nach zwölf Minuten war ich einer Ohnmacht nahe. Mein Musiker hat mir später anvertraut, dass er so nach zehn Minuten drauf und dran war, mir vorzuschlagen, das mit dem Krippenspiel doch einfach zu lassen. Ich glaube, dann wäre ich tatsächlich in Ohnmacht gefallen.

Um diesen Stress zu vermeiden, nervte ich im letzten Jahr sehr rechtzeitig meinen Kirchengemeinderat mit dem Thema Krippenspiel und konnte wenigstens eine Maria und einen Josef finden, die gemeinsam und verkleidet und auf einem Strohballen hockend die Weihnachtsgeschichte erzählen würden. Das fand ich zwar klasse, weil wir so unseren Kleinen an Heiligabend wieder etwas bieten konnten, aber die Besetzung war doch schon sehr mager.

In diesem Jahr hätten "KGR Maria und Josef" auch wieder zur Verfügung gestanden - vielleicht. Denn Maria wusste zunächst nicht, ob sie Weihnachten überhaupt auf der Insel ist und Josef war für eine Weile gesundheitlich außer Gefecht gesetzt. Da war er wieder: der Stressfaktor! Irgendwann musste natürlich von den gottesdienstlich Hauptverantwortlichen eine Entscheidung getroffen werden und da uns kreative Alternativen nicht einfielen, lautete die Entscheidung: kein Krippenspiel. So!

Diese ganze Krippenspiel-Aktion ließ mich an ein Gespräch denken, das ich letzte Woche mit jemandem über das Thema Kirche geführt habe. Da fiel wieder der Satz: "Ich kann auch alleine an Gott glauben, dazu brauche ich die Kirche nicht." 

Das Problem dabei ist: Du brauchst vielleicht die Kirche nicht. Aber die Kirche braucht dich! 

Kirche funktioniert nur in Gemeinschaft, wie wir an dem wunderbaren Thema "Krippenspiel" sehen. Es funktioniert NICHT, wenn alle an Heiligabend ein Krippenspiel sehen wollen, aber keiner beim Krippenspiel mitmachen will. 

Und das betrifft auch alle anderen Bereiche, die kirchliches Leben ausmachen. Wenn ich als Profischaf keine Gemeinschaft hätte, die mir in vielen Bereichen den Rücken freihält, könnte ich diverse pastorale Aufgaben gar nicht erfüllen. Es ist wirklich so: Ohne Gemeinschaft keine Gottesdienste, keine Seelsorge, keine Notfallseelsorge nach Terroranschlägen, keine Selbsthilfegruppe, keine Musik, keine Feste und Feiern, kein Seniorenkreis, kein Konfirmandenunterricht, keine Hospizarbeit, keine Geburtstagsbesuche, keine Bahnhofsmission, keine Seemannsmission, keine Krabbelgruppe, kein Weltgebetstag, kein Friedenslicht, keine Taufen, keine Trauungen, keine Beerdigungen, keine Jugendgruppe, keine Kindergärten, keine Pflegeheime, und: keine Krippenspiele. Und diese Liste ist noch nichtmal vollständig. Kirche funktioniert nicht, wenn alle was von Kirche wollen aber keiner bei Kirche mitmachen will.

Wie gesagt: Viele mögen denken, dass sie Kirche nicht brauchen. Aber betrachtet es wirklich mal von der anderen Seite: Kirche braucht euch! Denn Kirche ist die GEMEINSCHAFT der Glaubenden. Kirche, das sind die Menschen. Kirche ist nicht "ich". Kirche, das sind WIR.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Adventliche Dienstbesprechung

Ich wollte nur mal kurz zum Besten geben, wie klasse es ist, wenn sich der Advent plötzlich selbst entschleunigt. Eigentlich schon heftig, dass eine ihrer Bestimmung nach besinnliche Zeit entschleunigt werden muss, denn im Grunde sollte das gar nicht nötig sein. Ist aber nötig. Und das leider nicht nur bei denjenigen, die im adventlich / weihnachtlich professionellen Bereich tätig sind. Umso schöner, wenn der Advent es dann sogar schafft, sich selbst zu entschleunigen.


So geschehen bei unserer Dienstbesprechung heute morgen, die leider in ganz kleinem Rahmen stattfinden musste: Der Friedhofswart hat gerade Urlaub, die Reinigungskraft hat früher Feierabend gemacht, der Organist ist noch nicht eingeflogen und die Sekretärin ist sowieso auf dem Festland. Blieben also nur unsere Küsterin und ich. 

Wir hatten gestern schon beschlossen, es uns ein wenig gemütlich zu machen, weil für die meisten von uns der Advent in diesem Jahr ein richtig verkackter Advent ist. Frau H. wollte wieder diese leckeren Weihnachtskekse mitbringen, von denen sie steif und fest behauptet, sie seien misslungen. (Was meine Geschmacksnerven ja gar nicht finden. Meine Geschmacksnerven finden diese Weihnachtskekse sehr, sehr, sehr (!) gelungen.)

Und ich wollte den Tee dazu kochen. Hat auch alles so hingehauen. Und Kerzen haben wir auch angemacht. Und dann stand da die "Talk-Box" auf dem Tisch. Die Box mit Fragekarten zum Thema Weihnachten hatte ich neulich bestellt, weil ich dachte, ich könnte sie vor Weihnachten noch bei den Konfis oder im Seniorenkreis einsetzen. Eingesetzt wurde sie dann bei der Zwei-Frau-Dienstbesprechung heute Morgen. 



Wir haben ein so ausgiebiges, intensives und schönes Gespräch über unsere weihnachtlichen Erfahrungen und Ansichten geführt, wie ich es nie vermutet hätte. Die frustrierend verkackte Seite des Advents hatte sich versehentlich aus meinem Amtszimmer ausgesperrt. Die gemütliche und stimmungsvolle Seite war geblieben und hat uns dieses Dienstbesprechungsstündchen richtig schön gemacht. Ich glaube, ganz so blöd finde ich den Advent gerade gar nicht mehr.

Vielen Dank dafür, Frau H.!

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Im Adventskalenderstress

Ich liebe ja Adventskalender! Tue ich wirklich! Aber vier davon in der Wohnung zu haben plus die ganzen digitalen Türchen, die man im Advent aufmachen kann, grenzt an Overkill. Für mich jedenfalls.

Ich weiß ja gar nicht, wann ich den vier Kalendern meine Aufmerksamkeit schenken soll. Meine tägliche Routine ist so dermaßen auf die Minute durchgetimed, dass mich ein unangemeldetes Gespräch schon völlig aus der Bahn wirft. Und dann soll ich auch noch vier Türchen / Säckchen / Blättchen aufmachen??? Vier???!!!

Anmerkung: Eigentlich sind es sogar fünf, denn ich habe heute noch einen per Email geschickt bekommen. Da ich aber schon den ganzen Text durchgelesen habe mit allen 24 Abschnitten, gilt dieser Adventskalender bereits als komplett geöffnet und steht nicht mehr zur Debatte.

Und mal ganz ehrlich: Es ist ja bei einer Pastorin nicht so, als würde es ihr endlos lange vorkommen, bis endlich Weihnachten ist. Da besteht doch nun wirklich kein Grund, mir eine Wartezeit zu versüßen, die es sowieso nicht gibt. Ich jedenfalls verbringe den Advent nicht damit, auf Weihnachten zu warten. Ich verbringe den Advent damit, mir zu wünschen, ich hätte zusätzliche 24 Tage, um in Ruhe richtig geile Weihnachtspredigten schreiben zu können! 
Und nun stehlen mir die Adventskalender noch mehr von meiner kostbaren Zeit!

Heute morgen war ich auch gleich so richtig bedient, als ich den Kalender-Kalender aufhängen wollte: Das ist ein Adventskalender in echter Kalenderform, also nicht mit Türchen oder Säckchen, sondern mit Blättchen. Auf diesen Blättchen stehen Texte. Laaaaaaaaaaange Texte. Bis ich die morgens durchgelesen habe, ist mein Tee kalt! Heute morgen stellte ich fest, dass ich nicht nur den laaaaaaaaangen Text für heute hätte lesen müssen. Der Adventskalender ging nämlich schon am 1. Advent los.  Der erste Advent war am 27.11., was bedeutet, dass ich eigentlich noch vier Tage Text nachholen muss, bevor ich mich an den Text für heute machen kann. Bei euch piept's wohl!



Versteht mich jetzt nicht falsch: Alle meine Adventskalender sind wunderschöne Adventskalender, die von mir zutiefst wertgeschätzt werden,  aber ich vermisse die Zeiten, als ich mir nur ein Stück Schokolade in den Mund schieben musste und fertig.

Da ich allerdings auf keinen meiner Adventskalender verzichten möchte, muss ich wohl einen Weg finden, diese bis Weihnachten in meinen Tagesablauf zu integrieren. Deshalb habe ich auch schon beschlossen, den Kalender mit den vielen Texten einfach nur umzublättern und mich am hübschen Aussehen der Texte zu freuen. Das hat damit zu tun, dass ich meinen Tee morgens lieber heiß trinke als kalt und wirklich nicht bereit bin, an dieser Stelle Kompromisse zu machen!

Ich finde, dass das schonmal ein vielversprechender, zeitsparender Anfang ist.

Samstag, 19. November 2016

Snapchat und andere Gespenster



Seit ein paar Tagen ziert eine weitere App mein Handy - in Form eines Gespenstes. Ich habe nämlich endlich meiner Neugier nachgegeben und mich auf "Snapchat" eingelassen.

Nun wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis ich heillos überfordert bin mit den ganzen sozialen Netzwerkhochzeiten, auf denen ich inzwischen tanze: Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp, Facebook Messenger, Telegram Messenger und Blogger. Ich weiß jetzt gar nicht: Zählt die gute alte SMS noch dazu, oder nicht?

Ich denke weder, dass Kirche das unbedingt unterlassen sollte, noch denke ich, dass Kirche das unbedingt mitmachen muss. Aber es sind schon schöne Hilfsmittel, wenn es um Verkündigung geht. Für mich auf meiner kleinen Insel mitten in der Nordsee sowieso! Jesus hat schließlich gesagt: "Geht nun hin zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern und Jüngerinnen." (Matthäus 28, 19). Jesus hat NICHT gesagt: "Geht nur zu den Helgoländern", oder: "Geht aufs Unterland" 

(Ich bin ja Oberländerin, will damit aber nicht sagen, dass die Unterländer missionierungsbedürftiger sind als die Oberländer. Also: kein Streit jetzt!)

In anderen Bibelübersetzungen steht sogar: "Geht hinaus in die ganze Welt." Und die Welt ist von Helgoland aus ganz prima über Facebook, Twitter, Instagram und WhatsApp zu erreichen. Naja, und mit Schiff und Flugzeug auch, aber um die geht es nunmal gerade nicht.

Und da ich, wie gesagt, neugierig war, dachte ich, ich probiere doch noch ein weiteres Verkündigungswerkzeug aus. Zu dumm, dass ich nichtmal behaupten kann, ich würde was ganz neues austesten, denn Snapchat ist ja schon seit 5 Jahren auf dem Markt bzw. auf den Handys. Trotzdem heißt es, es würde Facebook, Twitter und sogar Instagram den Rang ablaufen.

Ich bin mir allerdings nicht so sicher, wie ich damit umgehen soll, dass die meisten meiner Konfis Snapchat ausprobiert, aber nicht für gut befunden haben. Ist es etwa doch nicht so cool, wie manche behaupten? Oder bin ich ausnahmweise einmal cooler als meine Konfies?

Egal, es macht jedenfalls ziemlich viel Spaß, via Snapchat "Zeugnis abzulegen" über meinen Glauben. Auf Deutsch heißt das: Es macht ziemlich viel Spaß, die Snapchat-Welt wissen zu lassen, wie das Leben einer Frau aussieht, die beruflich an Gott glaubt. Okay, ich glaube auch privat an Gott, aber das dürfte ich der Welt dann ja nicht während meiner Arbeitszeit mitteilen. Allerdings habe ich ja gar keine geregelten Arbeitszeiten, sondern bin rund um die Uhr Profischaf.

Hab' ich euch jetzt verwirrt? Gut! Ich hab' mich nämlich selber gerade verwirrt!

Das liegt vermutlich daran, das mein Hirn zur Zeit ziemlich viel verarbeiten muss. Ich stecke nämlich gerade mitten in einem Testlauf, um herauszufinden, was mir besser gefällt: Snapchat oder Instagram. Was Snapchat tut, kann Instagram inzwischen auch. Ich musste mich allerdings erstmal intensivst mit Snapchat auseinandersetzen, um herauszufinden, wie das mit der "Story" auf Instagram funktioniert. 

Fazit: Ich mag beides total gerne. Snapchat mag ich noch ein bisschen lieber, weil man da so lustige Comic-Avatare von sich selbst in die Bilder und Videos einfügen kann! Das Blöde bei Snapchat ist allerdings, dass mich da nur vier Leute "ge-addet" haben, zwei davon sind Konfis. Interessiert die das wirklich, was ihre Pastorin den ganzen Tag so treibt??? Ich bezweifle das! Auf Instagram bekommen immerhin 80 Leute mit, was sie schon immer mal über eine Pastorin / Feuerwehrfrau / menschliches Wesen auf Helgoland mit ihren Vorlieben und Leidenschaften wissen wollten. Oder auch nicht wissen wollten.

Ich kann mir gut vorstellen, dass meine Eltern, wenn sie den Artikel hier lesen, spätestens an dieser Stelle geneigt sind aufzugeben. Liebe Mama, lieber Papa: Ich kann euch total verstehen! Ich weiß ja selber nicht genau, was ich hier eigentlich schreibe. Hab' doch im Grunde von Tuten und Blasen genauso wenig Ahnung wie ihr, und tu' nur so als wäre ich total versiert in diesen Dingen.

Im Grunde will ich wohl nur etwas Applaus dafür, dass ich mich als 45jährige, die auch noch einem total weltfremden Beruf nachgeht, mit den neuesten Software-Spielereien auseinandersetze. Mein schlechtes Gewissen beruhigt es zusätzlich noch, denn wir haben schon länger keinen Gemeindebrief mehr. Aber dafür jetzt eine weitere App, um die ganze Welt wissen zu lassen, was in der Helgoländer Kirche, im Helgoländer Pastorat und auf der Helgoländer Insel so abgeht.

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P.S.: Ihr findet mich auf Snapchat unter dem Benutzernamen revphansen 

Sonntag, 13. November 2016

Das pastorale Erscheinungsbild

Warum machen sich die Leute bloß so viele Gedanken darüber, wie wir Pastorinnen und Pastoren aussehen? Wie ich darauf komme, dass die Leute sich über sowas Gedanken machen? Kann ich euch sagen:

Vor der Andacht zum Martinsumzug wurde mir mitgeteilt: "Wir haben uns schon gefragt, was Sie heute wohl anhaben." (Aha.)

Eigentlich hätte das doch heißen müssen: "Wir haben uns schon gefragt, was für tolle Laternen die Kinder in diesem Jahr wieder gebastelt haben" - oder so. 
Also, ich für meinen Teil bin noch nie in eine Kirche geschneit, um dem Pastor oder der Pastorin als allererstes zu sagen: "Ich habe mich schon gefragt, was Sie heute wohl anhaben." Ist ja auch irgendwie ein bisschen distanzlos. Ich meine, was kommt als nächstes? Die "Schotten und Kilt" - Frage???

Jedenfalls war die Gruppe, die sich Gedanken über mein Martinstag-Outfit gemacht hatte, äußerst zufrieden mit meiner Kombination aus Einsatzschutzkleidung und Kollarhemd (Ich wollte ja nicht nur ganz andächtig aussehen in der Andacht sondern beim Umzug auch noch eine Fackel tragen - und dabei garantiert nicht mein sauteures schwedisches Kollarhemd mit Wachs vollkleckern!). 



Als ich noch Vikarin auf Föhr war, habe ich mal die halbe Insel in Aufruhr versetzt, weil ich es gewagt hatte, statt des sonst üblichen Zopfes mit Haarband in passender liturgischer Farbe, die Haare einfach hochzustecken. Alle waren voll aus dem Häuschen, weil sie dachten, ich hätte die Haare ab. Und natürlich hat keiner mehr mitgekriegt, worüber ich gepredigt habe.

Woher also dieses große Interesse am pastoralen Erscheinungsbild?
Ich hege ja die Vermutung, dass das bei uns Evangelen mit dem Bildersturm zu tun hat. Einige Leute hatten im Zuge der Reformation angefangen, den ganzen Prunk aus den Kirchen zu entfernen, nach dem Motto: Gott braucht keine überdimensionale Deko, aber die Menschen brauchen was zu essen. "Gebt das Geld lieber für die Armen aus", war die Devise.

Seit dem Bildersturm sehen unsere Kirchen also etwas dezenter aus in Sachen Inneneinrichtung. Die Ansichten sind heute zwar nicht mehr so radikal wie im 16. Jahrhundert, aber eine Ausschmückung unserer Kirchen ist immer noch kostenintensiv, keiner hat wirklich die Kohle dafür und dann ist da auch noch der Denkmalschutz, der uns nicht genehmigtes Ausschmücken untersagt. Aber Pastoren unterliegen nicht dem Denkmalschutz. Vielleicht ist es deshalb so mancher Gottesdienstbesucherin ein Bedürfnis, sich darüber Gedanken zu machen, welche Lippenstiftfarbe Frau Pastorin wohl heute trägt, oder ob der Herr Pfarrer neue Schuhe hat.

(Das ist, neben diversen anderen, übrigens ein weiterer Grund, warum ich lieber Albe als Talar trage: Die Albe hat kein Beffchen, dass einem auf dem Weg zur Kirche bei 6-8 Windstärken immer(!) ins Gesicht flattert und immer(!) Lippenstiftflecken abbekommt.)

Das Gottesdienst feiernde Volk ist aber dummerweise nicht immer am Erscheinungsbild ihres klerikalen Profischafes interessiert.  Als ich einmal mit voller Absicht in hellblauen Plüschpantoffeln in den Gottesdienst marschierte, ist das keiner Sau aufgefallen. Der Plan war, mit dieser und ein paar weiteren Aktionen (klingelndes Handy, Verspieler der Organistin), zu zeigen, wie leicht wir uns durch Äußerlichkeiten von Gottes Wort ablenken lassen. Meine hellblauen Plüschpantoffeln haben es aber nicht geschafft, die Gemeinde von Gottes Wort abzulenken. Dafür immerhin die Albe, deren Saum ich mir hinten in den Hosenbund gesteckt hatte. Die Gemeinde war völlig fertig, weil sie dachte, ich hätte mir bei meinem vorgottesdienstlichen Klo-Gang das Ding versehentlich in der Hose eingeklemmt.

Lange Rede, kurzer Sinn - was ich eigentlich sagen wollte, ist folgendes: Richtet doch bitte beim nächsten Martinsumzug euer Augenmerk auf die Kinder und nicht das Outfit der Pastorin! Denn die Kids haben ganz viel von Gottes Wort für uns parat, wie wir am Martinstag zu hören bekommen haben: Dass man zum Beispiel ein Sofa abgeben kann, wenn man eins zu viel hat. Oder dass man einfach zur Seite rücken kann, wenn man kein Sofa zu viel hat. Besser kann man die Botschaft der Martinsgeschichte kaum  wiedergeben, finde ich. Die Frage ist jetzt: Haben wir die Botschaft auch gehört? Oder waren wir etwa abgelenkt?

Mittwoch, 9. November 2016

Noch nicht ganz drin im Weltgeschehen


Jetzt bin ich zum Glück endlich im Weltgeschehen angekommen. Das war aber nicht den ganzen Morgen so. Als ich vorhin (noch halb im Tiefschlaf!) auf dem Weg zur Kirche war, um diese aufzuschließen, lief mir eines meiner Schäfchen über den Weg und fragte, was ich denn von dem Wahlergebnis halten würde. Ich antwortete: "Ach, das hat mich nicht wirklich überrascht."

Ich muss jetzt an dieser Stelle anmerken, dass ich mit meinen noch nicht ganz aufgewachten Gedanken beim "Ofenstreit" unserer Insel war. Wir hatten am Sonntag nämlich einen Bürgerentscheid darüber, ob das Befeuern von Öfen verboten bleiben soll oder nicht. Das Ergebnis war knapp, mit nur 54% für die Öfen. Das war es, was mich nicht wirklich überrascht hatte. (Das war jetzt die Kurzfassung einer etwas komplizierteren Angelegenheit auf dieser unserer Insel.)

So, nun wieder zurück zu meinem "Ach, das hat mich nicht wirklich überrascht." Daraufhin war nämlich mein Schäfchen ziemlich überrascht und sagte: "Nicht? Also ich hätte gedacht, dass Clinton deutlich vorne liegt."

Daraufhin blockierten erstmal sämtliche Rädchen in meinem Hirn, die sowieso noch nicht richtig angelaufen waren. Dafür rotierte die Frage in meinem Kopf: Was zum Geier hat Clinton mit unseren Öfen zu tun???

Ich war wohl zu sehr im Helgolandgeschehen gefangen und hatte den Schritt ins Weltgeschehen noch nicht geschafft. Ist ja auch kein Wunder, wo ich doch am Sonntag vor dem Gottesdienst diverse Male ein Ofenstreit-Wahlplakat vom Gemeindehaus wegbugsieren musste, weil es einen Notausgang versperrte. Auf magische Weise wanderte es aber immer wieder an seinen alten Platz zurück, wenn ich nicht in der Nähe war. Ich schwöre, wir haben hier Gremlins! Jedenfalls war ich eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst schon dermaßen gestresst, dass ich am liebsten gleich wieder ins Bett gegangen wäre - für den Rest der Woche. Und: Solche traumatischen Erfahrungen hinterlassen offensichtlich Spuren auf den Rädchen meines Denkapparates.

Zumindest waren besagte Rädchen dann doch irgendwann auf der erforderlichen Betriebstemperatur und der sprichwörtliche Groschen (Cent?) konnte fallen: Die Öfen waren gar nicht gemeint sondern die Präsidentschaftswahl in den USA!!!

Und jetzt, wo das Ergebnis feststeht, drohen die Rädchen in meinem Denkapparat heißzulaufen, weil sie einfach nicht verarbeiten können,was da passiert ist. Ich glaub', ich geh' wieder ins Bett - für den Rest der Woche!

Dienstag, 8. November 2016

Carcassonne vs Kettensäge



Um einen Ausgleich zu meiner arbeitsreichen und ziemlich pastoralen Woche zu schaffen, pelle ich mich derzeit mit Vorliebe in eine kuschelige Samtjacke plus Jogginghose ("homewear" heißt das heute) und stricke Socken, koche Birnen ein, backe Reformationsbrötchen, kritzel in meiner Bibel rum, höre klassische Musik, nähe Kissenbezüge aus alten Hemden, häkele Schals und drehe Hunderunden. 

Am Abend vor meinem Pastorensonntag ziehe ich nicht mehr um die Häuser, durch die Kneipen oder in die Disco, um mich dort tänzerisch sowie alkoholkonsumtechnisch völlig zu verausgaben. Sowas habe ich früher mal gemacht (so vor drei Jahren etwa). 

Der freie Tag ging dann so: 
erste Hälfte - Rausch ausschlafen,
zweite Hälfte - Kater loswerden. 
Ich steh' nämlich nicht so auf Katzen, und auf die, die den Magen umdrehen und Kopfschmerzen machen schon gar nicht!

Heute ist alles anders: Ich brüte als Ausgleich zum Pastorendasein über einer Partie "Carcassonne" (Wenigstens ist es kein Schach!) und verausgabe mich nur noch, wenn ich versuche, meine Stadt größer zu bauen als die meines Gegners. So ist es dann auch kein Wunder, wenn ich danach spätestens um 22:00 Uhr vor dem Fernseher eingeschlafen bin.

Muss ich mir Sorgen um mich machen???

Oder muss ich einfach damit leben, dass sowohl der "Pastorendasein"-Teil meines Lebens als auch der "auf Helgoland"-Teil seinen Tribut in Sachen "Obercoole Freizeitgestaltung" fordert?

Oder noch schlimmer: Muss ich wirklich endlich akzeptieren, dass ich keine 20 mehr bin? Und auch keine 30 mehr? Und auch keine ..., egal! Lassen wir das!

Das Einzige, was mich noch davon abhält, komplett in die Unterwelt der absoluten Uncoolheit abzurutschen, ist die Feuerwehr. Ich weiß: Pastorinnen und Pastoren, die gleichzeitig aktive Feuerwehrleute sind, gibt's schon lange. Das wurde nicht erst mit mir erfunden. Aber Pastorinnen, die eine Kettensäge schwingen, gibt's nicht so viele. Wir sind eine sehr seltene Spezies. Und obercool noch dazu!

Irgendwie hat mich das heute schon aus meiner depressiven "Oh Gott, ich bin der Inbegriff des Spießertums" - Laune rausgerissen, als ich jemandem ins Gesicht sagen konnte: Selbstverständlich habe ich einen Kettensägenschein!

Da werde ich es dann auch überleben, wenn ich heute Abend wieder vor dem Fernseher einschlafe - auch ohne vorher meine Carcassonne-Schafe gegen den bösen Wolf verteidigt zu haben.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Bitte nicht stören - vielleicht



Nach drei Beerdigungsgesprächen und genauso vielen unschönen Zusammenstößen, mein Schild an der Amtszimmertür betreffend, weiß ich echt nicht mehr, was ich noch tun soll, um den Leuten folgendes beizubringen:

Wenn da steht "Bitte nicht stören", dann heißt das: Bitte nicht stören!
Und nicht: Vielleicht nicht stören
Oder: Nur donnerstags nicht stören
Oder: Bitte nicht stören - gilt nur an Sonn-und Feiertagen
Oder: Wenn es für dich okay ist, bitte nicht stören

Vielleicht hätte ich ein Ausrufezeichen setzen sollen. Oder am besten gleich drei. Ohne Ausrufezeichen kann man ja nicht genau wissen, ob die Aussage auch wirklich ernst gemeint ist. Bei drei Ausrufezeichen ist das schon deutlicher.

Manche sind ja doch noch so höflich und klopfen an, wenn sie das Schild an meiner Tür sehen. Was aber rein gar nichts bringt, wenn sie gleichzeitig schon die Tür aufreißen. Irgendwie hätte ich schon gerne die Gelegenheit, "Herein" zu sagen. Oder eben auch nicht.

Im Ernst jetzt: Ich kann doch nicht jedes Mal die Tür abschließen, nur um sicherzugehen, dass ich und meine zu beseelsorgenden Schäfchen nicht gestört werden. Und wer weiß, was dann passiert. Vielleicht rücken sie dann mit Axt und Kettensäge an, um sich Zugang zum Amtzimmer der Pastorin zu verschaffen. Die Leute können ja richtig kreativ werden, wenn sie etwas unbedingt wollen.

Ich habe mir jedenfalls überlegt, dass meine Bitte-nicht-stören-Mandala-Schildkröte nicht überzeugend genug aussieht. Ich werde es mal mit einem einfachen Text versuchen, der sagt:

Bitte nicht stören!
Nur nach Aufforderung eintreten!

Da sind immerhin schon zwei Ausrufezeichen drin. Und wenn das nicht hilft, dann gibt es als nächstes dieses hier:

NICHT STÖREN, SONST ...


Ich könnte natürlich auch gleich Security vor meinem Amtszimmer postieren 😎


Samstag, 8. Oktober 2016

P.S.

Ich habe heute Morgen noch in Werner Tiki Küstenmachers 3-Minuten-Bibel gelesen: "Liebe macht immer Spaß. Was wir lieben, tun wir gern." 



Ich stimme ihm da voll zu. Und da ich Gott liebe und auch sein Haus, und die Menschen, die da Gottesdienst feiern, lasse ich mich gerne auf einen morgendlichen Kampf mit betrunkenen Sonnenblumen ein!

Das wollte ich nochmal loswerden.


Der Widerspenstigen Zähmung


Das Bild, das sich mir bot, als ich heute morgen die Kirche aufschloss, war eines, das ich mit dem Titel "Betrunkene Sonnenblumen" versehen würde. Unser schönes Altargesteck (noch von Erntedank) hatte Schlagseite bekommen und war vornübergekippt. Zuerst habe ich gar nicht gemerkt, dass das aus Versehen passiert ist. Es sei denn die lieben Sonnenblumen hätten gestern ganz aus Versehen bis zum Umfallen (!) in der Kirche gefeiert.
Nein, ich hatte tatsächlich erstmal gedacht, das soll so sein, weil unsere Küsterin noch irgendwas Spezielles mit den Sonneblumen vorhat. Bei näherer Betrachtung kam ich aber zu dem Schluss, dass das wohl nicht der Fall ist und beschloss, sofort eine Sonnenblumenrettungsaktion zu einzuleiten.

Beim Erkunden der Lage stellte ich fest, dass sich das Gesteck durchaus wieder aufstellen ließ, allerdings musste verhindert werden, dass es erneut vornüberkippte. Mein erster Einfall war, es hinten einfach zu beschweren. Nur, womit? Aha! Da liegt doch eine schwere Bibel auf dem Altar! Nein, kann ich nicht machen. Die kriegt Flecken. Außerdem ist das Wort Gottes doch nicht dazu da, um ein Sonnenblumengesteckt zu beschweren. Gesangbuch vielleicht? Da liegen noch so olle auf der Empore rum, die ohnehin in schlechtem Zustand sind. Aber wie komme ich da ran, ohne das kunstvoll ausbalancierte Gesteck loslassen zu müssen?

An diesem Punkt war ich echt geneigt, technische Hilfe durch die Feuerwehr anzufordern. Die Drehleiter hätte hier sicher gute Dienste geleistet, was das Erreichen der Empore betrifft, wenn die Arme zu kurz sind. Habe ich dann aber doch nicht gemacht, weil ich dachte, die Kameradinnen und Kameraden haben am Samstagmorgen sicher anderes zu tun, als zu einem "TH Blumengesteck" auszurücken.

Außerdem war ich mir inzwischen nicht mehr sicher, ob ein Gesangbuch zum Beschweren überhaupt ausreichen würde. Dann hatte ich die Idee, dass man ja von vorne etwas unterstopfen könnte, um ein Vornüberkippen zu verhindern. Da ich, wie gesagt, die Hilfe der Feuerwehr nicht in Anspruch nehmen wollte, musste ich wohl oder übel das Gesteck loslassen, um mich in der Kirche umsehen zu können. Prompt kippte es wieder um und verteilte dabei einen ganzen Blätterreigen auf und um den Altar herum. Na suuuuuper! Da würde ich also hinterher auch noch saubermachen müssen.

Lange suchen musste ich zum Glück nicht, denn die Kanzel ist nicht weit weg vom Altar und da lag noch die Erntedankpredigt vom letzten Sonntag. Manchmal finde ich es richtig gut, dass ich so vergesslich bin! Die Predigtseiten wurden kunstgerecht auf Minimalgröße zusammengefaltet und dann begann das Bemühen, die Abstützvorrichtung unter das Gesteck zu schieben. Was ich nicht hinbekam, weil immer irgendwelche Zweige im Weg waren, die mir nicht nur die Sicht versperrten sondern auch den Weg unter den Mosi-Kasten. Ich schwöre, die haben das mit Absicht gemacht. Betrunkene Sonnenblumen und Zweige sind zu allem fähig!

Aber so schnell wollte ich dann doch nicht aufgeben. Verbissen kämpfte ich gegen Zweige und Blumen an, zumindest so lange bis das Gesteckt zum xten Mal umgekippt war, und der Altarraum errschreckende Ähnlichkeit mit dem Komposthaufen auf dem Friedhof aufwies. Da hatte ich dann doch die Schnauze voll.

Zum Glück fielen mir dann endlich, endlich die Blumenvasen in der Sakristei ein. Wenn das Gesteck nicht stehenbleiben wollte, dann musste eben umgesteckt werden. Ich konnte gar nicht fassen, dass mir das nicht schon früher eingefallen war (bevor ich nämlich die Kirche in eine Müllhalde verwandelt hatte). Ach, das Leben kann so schön und so einfach sein, wenn man denn nur die richtigen Ideen zur richtigen Zeit hat!

Leider war das Ganze dann doch nicht so einfach, wie ich dachte. Denn ich hatte die Rechnung ohne die betrunkenen Sonnenblumen gemacht. Die waren nämlich so dermaßen widerspenstig, dass sie mich den letzten Nerv gekostet haben. Das, was vorher gelaufen war, war echter Kinderkram, verglichen mit der Sturheit, die die Blumen nun in der Vase an den Tag legten!

Wollten einfach nicht nach vorne gucken, die Biester! Grrrrrrr! Wie ich sie auch gedreht und gewendet habe, die sonnigen Sonneblumengesichter blieben einfach nicht da, wo ich sie haben wollte. Drehten sich immer wieder weg. Am Ende habe ich sie aber doch ausgetrickst, indem ich nicht die Blumen umgedreht habe sondern einfach die Vase. So!

Jetzt noch schnell (und gaaaaaaanz vorsichtig, damit sich die Blumen nicht wieder wegdrehen!) den Altarraum saubermachen und alles ist chico für den Gottesdienst morgen.



Allerdings weiß ich, dass Sonnenblumen ihre Blüten immer dem Licht zuwenden. Deshalb befürchte ich, dass sie sich morgen wohl wieder zu Seite gedreht haben werden, denn auf der Seite ist das Fenster, durch das das Sonnenlicht reinkommt. Und das ziehen Sonnenblumen nunmal dem übertriebenem Ordnungssinn einer Pastorin vor. Aber darum kann sich dann jemand anderes kümmern!

Eine Sonneblumenpredigt wird es morgen jedenfalls nicht geben. Das Thema ist zu sehr mit negativen Gefühlen behaftet. Zumindest bei mir.


Samstag, 10. September 2016

Korsika: Wanderung ins Tal der Tartagine



Was für eine Wanderung: hammerhart, brutal anstrengend, sauheiß und beim letzten Aufstieg dachte ich, ich muss sterben. Weil: kein Wasser, kein Schatten, keine Kraft, kein Durchhaltewillen, kein Fahrstuhl. In der Ferne schimmerte ein Schild im Gestrüpp und ich hatte schon gehofft, ich hätte den Taxistand gefunden. War aber nur ein Wegweiser, der mir mitteilte, dass ich einen weiteren steilen Hang hinauf musste - ohne Taxi, ohne Shuttle, ohne Reittier, ohne Gehhilfe.
Fazit: Alles in allem eine saugeile Tour!!!

Denn ich muss zugeben, dass es nicht nur anstrengend und heiß war. Es gab nämlich auch eine Menge toller Eindrücke: viel tolle Landschaft, viele uralte Wege, viele schöne Genueserbrücken, viele spannende "Lost Places" und viel baden in viel kaltem Fluss!

Samstag, 27. August 2016

Mein Ego hat auch Gefühle!



Man erwartet von uns Pastoren ja immer, dass wir hart arbeitende Mitglieder der Gesellschaft sind, die alles machen, was von ihnen verlangt wird und das natürlich, ohne eine Gegenleistung zu verlangen oder irgendeine Form der Anerkennung zu erwarten. Der Dienst am Nächsten in ganz demütiger Haltung ist unser Auftrag. Gut biblisch. Gut christlich.

Gut menschlich sieht sie Sache allerdings anders aus:
So demütig bin ich nämlich gar nicht! Im Gegenteil! Ich bin eine Rampensau mit einem überdimensionalen Hang zur Selbstdarstellung. Das haben sowohl Freunde als auch Dienstvorgesetzte schon festgestellt und ich bin nicht geneigt, ihnen da zu widersprechen. (Wenn schon keine demütige Haltung so habe ich wenigstens eine gesunde Selbstwahrnehmung.) Da kratzt es dann aber ganz gewaltig an meinem Rampensau-Ego, wenn man die Sau nicht auf die Rampe lässt. 

So geschehen beim gestrigen Festakt "175 Jahre 'Lied der Deutschen' " (von  August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, das er auf Helgoland geschrieben hat).

Ich hatte mich zu diesem besonderen Anlass extra in eines meiner sauteuren schwedischen Kollarhemden gepellt und mir sogar noch einen neuen Blazer gekauft, weil frau ja nicht immer in denselben Klamotten zu den offiziellen Veranstaltungen auftauchen kann. Jedenfalls sieht die modebewusste Pastorin das so. In zu engen Pumps bin ich dann zu besagtem Festakt aufs Unterland gesprintet, auch auf die Gefahr hin, mir meine pastoralen Haxen zu verknaksen, um nur ja nicht den Beginn der Veranstaltung zu verpassen. Schließlich wollte ich doch die ganze Inselwelt sehen lassen, dass Kirche am Inselgeschehen interessiert teilnimmt. (Ich war mal wieder zu spät dran, weil mein Hund der Meinung war, dass es eine gute Idee sei, mir kurz vor Aufbruch nochmal das Wohnzimmer vollzureiern. Das kommt davon, wenn Hund statt Hundefutter die halbe Küchenrolle auffrisst. )

Umso mehr freute ich mich dann, dass zu diesem festlichen Anlass auch die wichtigen Institutionen der Insel gewürdigt, und deren Repräsentanten zum Schütteln einiger politischer Hände in die Kurmuschel geholt werden sollten: Der Dienststellenleiter der Wasserschutzpolizei für eben diese Wasserschutzpolizei, der Chefarzt als Vertreter für das Krankenhaus, die Leiterin der Kindertagesstätte für die KiTa, die Schulleiterin für die Schule, und, und, ..... , wann kommt die Kirche? Die werden doch nicht die Kirche vergessen?! 

Haben sie auch nicht. Die Kirche war mit auf der Liste und als Vertreterin für die evangelische Kirche sollte die stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderates präsentiert werden. (Was'njetzlos???!!!)

Na, da war ich aber total von der Rolle! Die wollten gar nicht mich! Und das, obwohl ich doch sozusagen die Chefärztin der Kirchengemeinde bin! Schlimmer noch: Und das, obwohl ich mich doch extra so fein gemacht hatte! Sauteures schwedisches Kollarhemd! Neuer Blazer! Viel zu enge Pumps! In dieser Affenhitze! Nur für den Festakt!

Und dann dachte ich: Mist, unsere zweite Vorsitzende ist nichtmal da! Die muss ja heute arbeiten. Wer zeigt der Inselöffentlichkeit denn nun, dass Kirche interessiert am Inselgeschehen teilnimmt? Ob die Pastorin jetzt einfach in Vertretung ihrer Stellvertreterin da hoch marschieren kann? 

Leider habe ich wohl zu lange überlegt, denn die ganze Aktion war vorbei, bevor ich eine Entscheidung darüber treffen konnte, ob ich mein neues Outfit doch noch "von da oben" zur Schau stellen soll oder nicht.

Die Tatsache, dass ich offensichtlich sowieso nicht für diesen Festakt eingeplant war, resultierte dann in einem kleinen Anfall von Aufmüpfigkeit meinerseits. Was mir wiederum einen wunderbaren Nachmittag am Strand bescherte, weil ich nicht willens war, noch länger im neuen (viel zu warmen!) Blazer, im sauteuren Kollarhemd und in viel zu engen Pumps bis zum Ende des Festaktes auszuharren. (Eine Hose hatte ich übrigens auch noch an. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich wäre "unten ohne" da aufgetaucht, weil ich meine alte Hose nicht wirklich erwähnenswert finde.) 

Jedenfalls habe ich mich der unbequemen Klamotten schnell entledigt, damit gleich einen Hitzschlag vermieden, die Badetasche gepackt und mich ganz schnell auf die Düne verpisst. (Falsche Wortwahl? Da müsst ihr jetzt aber durch, denn das Wörtchen "verpisst" entspricht ziemlich genau meinem gestrigen angekratzten Rampensau-Ego.)

Fazit:
Welche Pastorin will schon Politikern die Hände schütteln, wenn sie stattdessen mit Kegelrobben in der Nordsee planschen kann?!

Montag, 22. August 2016

Ente gut, alles gut



Ich habe von meinem Team von "Kirche am Urlaubsort" zum Abschied diese Ente bekommen. Einer der beiden hatte sogar meine Entensammlung fotografiert, um sicher zu gehen, dass sie keine Ente besorgen, die ich schon habe. Das nenne ich Einsatz! Aber wundert mich das? Nicht wirklich! Denn denselben Einsatz haben sie ja schon die letzten vier Wochen gezeigt.

War eine richtig gute Zeit mit euch! Einerseits bin ich froh, dass "Kirche am Urlaubsort" für diese Saison zuende ist, weil so ein Veranstaltungsmarathon doch anstrengt. Andererseits lasse ich euch ungerne gehen, weil wir hier gemeinsam doch eine Menge auf die Beine gestellt und damit viele Leute begeistert und bewegt haben.

Wenigstens verlasst ihr mich nicht, ohne mir noch etwas mit auf den Weg zu geben. War ja klar, dass ich die Ente nicht ohne zusätzlichen Auftrag bekomme: Unbedingt nach den U-Boot Christen tauchen! Aber mindestens genauso wichtig: Unbedingt abtauchen, wenn es mir zu viel wird!

Und dann erteilte mein Zugführer einen weiteren Auftrag, als er die Ente sah: Unbedingt Atemschutz machen!

Ich glaube, ich werde die Taucherente jetzt erstmal irgendwo verstecken, damit nicht noch jemand auf die Idee kommt, mir irgendwelche tauch-, pressluft-, schwimmflossen-, oder neopren-bezogenen Aufträge zu erteilen 😉

Freitag, 19. August 2016

Wie man eine Pastorin beschäftigt



Er zu ihr: Guck mal, da ist das Pfarramt. Da müssen wir auch nochmal hin.

(Ich sitze draußen vor besagtem Pfarramt und bin gerade ganz konzentriert dabei, eine Krabbe zu basteln - im Rahmen des angebotenen nachmittäglichen Familiencafés.)

Ich: Ja, hier ist das Pfarramt.

Er zu mir: Wann ist denn das Kirchenbüro geöffnet?
Ich: Sprechzeiten sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 11.
Er: In Ordnung, dann kommen wir morgen Vormittag wieder.
Ich: Morgen ist Freitag. Da bin ich nicht da, weil ich Besuche im Krankenhaus mache. Aber kann ich Ihnen vielleicht jetzt schon weiterhelfen? 

(Meine halbfertige Krabbe stiert mich inzwischen völlig vorwurfsvoll an, weil ich ihr nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit widme. Zumindest bilde ich mir das ein, denn eigentlich hat sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Augen.)

Er: Wir haben hier vor ein paar Jahren zu unserer Goldenen Hochzeit noch einmal geheiratet. In der Kirche. Aber der Pastor damals hat das nicht ins Stammbuch eingetragen. Könnten Sie das nicht tun?
Ich: Wenn das Ihre kirchliche Trauung war, dann muss ich erst die Kirchenbücher einsehen, bevor ich das ins Stammbuch eintragen kann. Das wird etwas dauern.
Er: Nein, unsere kirchliche Trauung ist schon viel länger her. Das war noch mit dem ersten Pastor hier nach dem Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir dann nochmal geheiratet. Aber Ihr Vorgänger hat das nicht ins Stammbuch eingetragen.
Ich: ???
Er: Wir haben im Gottesdienst einen Segen bekommen.
Ich: Ach so, Sie sind anlässlich Ihrer Goldenen Hochzeit im Gottesdienst gesegnet worden.
Er: Ja, und das hätten wir gerne in unserem Stammbuch eingetragen.
Ich: Das ist kein Problem. Das kann ich machen.
Er: Gut, dann holen wir nur eben das Stammbuch.

(Ca. 30 Minuten später sind die beiden mit dem Stammbuch wieder da. Meine Krabbe ist fertiggebastelt und kann mich jetzt noch vorwurfsvoller ansehen, weil sie inzwischen auch Augen hat.)

Ich: Oh, da ist ja gar keine Seite drin, auf der man eine Goldene Hochzeit eintragen kann.
Er: Doch bestimmt. Die muss da irgendwo sein. Zeigen Sie mal her. (...) Sie haben Recht. Das ist gar nicht vorgesehen. Schade. Aber da kann man wohl nichts machen.
Ich: Ich habe da eine Idee. 

(Bin dann die nächsten 30 Minuten damit beschäftigt, eine wirklich hübsche Urkunde auszustellen, nachträglich zur Goldenen Hochzeit. Mit Bild von der Kirche, Trauspruch und Kirchensiegel und allem. Das geht normalerweise schneller. In diesem Fall sind es erschwerte Bedingungen, da ich nebenbei die Lebensgeschichte des Ehepaares erfahre und Mühe habe, mich zu konzentrieren.)

Ich: So, ich habe Ihnen nachträglich noch diese Urkunde ausgestellt. Die können Sie dann ja in Ihr Stammbuch einheften.
Er: Oh, vielen Dank! Dass Sie sich extra wegen uns so viel Mühe gemacht haben! Das ist wirklich eine gute Idee! Da freuen wir uns aber!

(Nachdem ich noch ein bisschen mehr Lebensgeschichte erfahren habe, ist das Ehepaar im Begriff aufzubrechen. Wir schütteln uns die Hand.)

Sie zu mir beim Rausgehen: Das ist wirklich eine schöne Urkunde. So eine haben wir damals von Ihrem Vorgänger auch bekommen!





Sonntag, 14. August 2016

Gottesdienst aus anderer Perspektive

Ich komme ja nicht oft dazu, selber einfach nur Gottesdienst zu feiern. Schon gar nicht in meiner eigenen Kirche. Heute hat mir aber unser supertolles Team von "Kirche am Urlaubsort" alles aus der Hand genommen. Dass sie alles alleine vorbereiten wollten, wusste ich schon. Ich hatte dann gestern aber noch eine WhatsApp Nachricht auf das Handy meines Teamleiters geschickt, weil ich leicht nervös wurde, nachdem so gar keine Arbeitsaufträge an mich rausgegangen waren. (Leben die noch?) Ich hatte ganz scheinheilig die Kleiderordnung thematisiert und gefragt, ob ich denn überhaupt in Albe auftauchen müsse (so heißt das große weiße gottesdienstliche Gewand, das ich in der Regel anhabe), da die beiden ja sowieso die Hauptakteure seien. Als Kommentar kam zurück: "Wir sind morgen in Uniform, du hast frei."  (Mit Unfiform waren die T-Shirts von "Kirche am Urlaubsort" gemeint.) Daraufhin wurde aus meiner Nervosität regelrechte Übelkeit, denn ich kann bekanntlich nichts so einfach aus der Hand geben. Schon gar nicht einen ganzen Gottesdienst! 

Mein Magen hat sich dann aber ziemlich schnell beruhigt und ich hatte heute tatsächlich frei (bis auf das Schreiben der Abkündigungstexte, das Tischeschleppen für das Kirchencafé, das Austeilen von Gesangbüchern, das Fotosmachen für die Öffentlichkeitsarbeit, das Mutieren zu einem mobilen Info-Point usw.) 

Das mit den Tischen hat mich auch echt genervt, weil ich am Ende mein liebevoll zusammengestelltes, sonntägliches "Ich bin mal ganz privat im Gottesdienst" - Outfit völlig durchgeschwitzt hatte. Die Stehtische standen noch im Gemeindehaus, weil wir sie dort für den Abend bei Kirchens gebraucht hatten. Da hatte ich sie auch schon selber hingeschleppt (zumindest einen Teil davon). Und dann dachte ich mir am ganz späten Donnerstagabend: Ich lasse die jetzt einfach mal hier stehen. Irgendjemand wird sich schon drum kümmern. Wissen ja alle, dass wir sie am Sonntag wieder in der Kirche brauchen. Diese Haltung funktioniert bei allen anderen Leuten immer sehr gut, wie ich über die Jahre herausgefunden habe. Jetzt wollte ich das selber auch unbedingt mal ausprobieren. Und: Es hat funktioniert! Irgendjemand hat sich tatsächlich um die Tische gekümmert! Ich! 

Aber egal, irgendwann konnte ich mich dann doch entspannt auf der Kirchenbank zurücklehnen und den Gottesdienst genießen. Und der war toll! Einfach eine ganz runde Sache, was mein Team und Herr K. da veranstaltet haben! 

Mir sind allerdings ein paar Dinge aufgefallen, die ich sonst nie mitkriege, weil ich viel zu beschäftig bin da vorne. Die vielen Leute, die zu spät zum Gottesdienst kommen, zum Beispiel. Ich habe denn auch meine küsternde Kirchengemeinderätin darauf angesprochen: "Heute kommen aber noch ziemlich viele Nachzügler." Und die meinte: "Das ist nicht nur heute so. Das haben wir jeden Sonntag." (Aha.) Das Spannende daran finde ich, dass es sich dabei nicht um Eltern mit Kindern gehandelt hat. Die verdächtigt man ja immer als Erste, dass sie ihre Kinder nicht rechtzeitig aus dem Bett kriegen - und angezogen und gefüttert und losgeschleift. Nein, die Eltern mit Kindern waren schon alle da. Pünktlich. Die Nachzügler waren Erwachsene, die eigentlich nur sich selber aus dem Bett kriegen, füttern, anziehen und losschleifen müssen. Wie gesagt: Spannend!

Dann ist mir aufgefallen wie klasse es ist, während des Gottesdienstes willenlos durch die Kirche zu laufen und Fotos zu machen. Liebe Eltern, liebe Großeletern, liebe Taufpaten, liebe Trauzeugen, Brautjungfern, sonstige Familienangehörige, Freunde, Profifotografen, oder einfach nur Gottesdienstbesucher: Ich kann euch ja so gut verstehen!!! Wenigstens habe ich mich sehr, sehr, sehr(!) bemüht, leise und ununaufdringlich zu sein und ich habe niemandem mein Handy direkt ins Gesicht gehalten. Blitz verwendet habe ich auch nicht. Ganz ehrlich!

Das war die Gottesdienstbesucherperspektive. Aus der Küsterperspektive ist mir aufgefallen, wie aufregend es ist, während des Vaterunsers die Glocke läuten zu dürfen. Mache ich ja sonst nie. Wäre auch blöd, von ganz vorne am Altar nach ganz hinten zum Glockenkasten zu spurten, die Glocke anzuschmeißen, nach vorne zu fetzen, um das Vaterunser zu beten, und dann wieder zurückzusausen, um die Glocke auszumachen. Das würde zu viel Unruhe reinbringen. Also macht das logischweise jemand anders.

Aber heute hatte ich die Chance dazu. Und Ich war so begeistert, dass meine küsternde Kirchengemeinderätin chancenlos in der Kirchenbank zurückblieb. Nach den Fürbitten meinte sie gerade noch: " Ach, jetzt kommt das Vaterunser. Ich muss die Glocken ..." Da stand ich schon ganz aufgeregt am Glockenkasten, faselte was von "Darf ich das machen? Oh bitte, lass' mich das machen!" und suchte hektisch in der Läuteordnung nach der Glockennummer für's Vaterunser (es ist die 5). Ich war so aus dem Häuschen, dass ich fast vergessen hätte, das Vaterunser mitzubeten. 

Als der Gottesdienst zuende und das Kirchencafé in vollem Gange war, musste ich zwar leider schon wieder aus meiner Küster-, Konfi-, Gottesdienstbesucher-Rolle rausschlüpfen und rein in meine pastorale welche, aber auch das war völlig OK. Der kleine Ausflug in eine andere Perspektive war so, wie er war, gerade richtig.

Jetzt sitze ich mit Kaffee, Keksen und einem ganz wohligen Gefühl im Bauch an meinem Küchentisch und freue mich, dass Sonntag ist, und dass ich so ein bisschen frei habe!

Mittwoch, 10. August 2016

Zu viel vorausgesetzt ?!


Wir Menschen setzen zu viel voraus. Mir passiert es ständig, dass Leute voraussetzen, dass ich als Pastorin bestimmte Sachen weiß. Namen zum Beispiel. Ohne, dass sich mir jemand vorgestellt hat, wird vorausgesetzt, dass ich den Namen meines Gegenübers trotzdem kenne. Tue ich aber fast nie. Woher auch, wenn mir der Name nicht verraten wurde. Gerade in meiner Anfangszeit bin ich diversen Leuten begegnet, die ich nicht kannte, weil ich hier ja neu war. Als höflicher Mensch habe ich mich natürlich gleich vorgestellt: Guten Tag, ich bin Pamela Hansen, die neue Pastorin. Antwort: Schweigen. Oder: "Hmpf." Oder: "Hallo." Aber kein: "Hallo, ich bin XY." Das Resultat ist, dass ich immer noch nicht die Namen diverser Insulaner kenne. Weil mir nie jemand verraten hat, wie sie heißen. Auch die betroffenen Personen selbst nicht. Fazit: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht!
(Darf ich eigentlich jemanden als Bekannten bezeichnen, mit dem ich zwar öfter zu tun habe, dessen Namen ich aber nicht kenne???)

Bei Geburtstagsbesuchen ist das auch schon passiert. Es wurde vorausgesetzt, dass die Pastorin selbstverständlich weiß, wer wann wie alt wird und vor allem, wo das große Ereignis gefeiert wird. Ich hätte fast schonmal sämtliche Einsatzkräfte auf der Insel mobilisiert, weil die Familie von Urgroßtante Frieda (Name und Verwandschaftsverhältnis von der Redaktion geändert) versäumt hatte, mir mitzuteilen, dass die altehrwürdige Dame ihren Geburtstag nicht zu Hause feiert sondern in einer der vielen hier vertretenen Lokalitäten. Jedenfalls öffnete niemand die Tür, vor der ich mit Geschenketütchen und erwartungsfroh klopfendem Herzen stand - auch auf mehrfaches willenloses Sturmklingeln nicht. Daraufhin hatte ich gleich diverse Horrorszenarien im Kopf: ein Paar Beine, die unter den Trümmern eines umgestürzten Kleiderschrankes hervorragen, eine Hand, die den überlaufenden Badewannenrand umklammert, ein Blutlache unter dem Küchentisch, usw..
Zum Glück habe ich nicht gleich das SEK alarmiert sondern jemanden, der für mich herausfinden konnte, was sich in Wahrheit zugetragen hatte: Eine nette kleine Geburtstagsfeier, die NICHT zu Hause stattfand. Fazit auch hier: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht! Das könnte u.U. damit enden, dass für Helgoland Katastrophenarlarm ausgelöst wird.

Bei dem Geburstagsbesuch hatte übrigens auch ich einfach was vorausgesetzt: Dass besagtes betagtes Geburtstagskind nämlich weiß, dass ich ihr an ihrem Ehrentag mit einem Geschenk auf die Pelle rücke. Fazit: Ich hatte zu viel vorausgesetzt, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten meiner Schäfchen geht. Obwohl: Man muss eigentlich nicht hellsehen können, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines pastoralen Besuchs an einem hohen runden Geburtstag sehr hoch ist. 

Jedenfalls ist mir in der letzten Zeit aufgegangen, dass ich selber noch viel mehr vorausetze, was ich nicht voraussetzen sollte: Zum Beispiel dass alle Leute wissen, dass in einer Kirche auch Andachten geboten werden und nicht nur Konzerte. 

Oder dass jeder weiß: Sonntagsmorgens um 10:00 Uhr ist Gottesdienst auf Helgoland - und in gaaaaaaaanz vielen Kirchen an gaaaaaaanz vielen Orten auf diesem Planeten auch. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit äußert gering, dass man einen Pastor oder eine Pastorin am Sonntagmorgen zwischen 10:00 und 11:00 Uhr telefonisch erwischt. Es sei denn, das Profischaf hat sein / ihr Handy mit in der Kirche und geht auch ran, wenn's klingelt.

(Ich setzte gerade voraus, dass ihr alle wisst, wen ich mit "Profischaf" meine. Sollte ich nicht, ich weiß. Also hier die Erläuterung: Pastor heißt übersetzt "Hirte". Ich sehe uns Pastorinnen und Pastoren aber nicht so sehr als Hirten. Der einzige qualifizierte Hirte war m.E. Jesus. Wir Pastoren sind aber immerhin die Profischafe in der christlichen Herde. So!)

Oder dass alle wissen, wozu das Glockengeläut eigentlich da ist. Es ist nicht jedem klar, dass in der Kirche vermutlich in näherer Zukunft etwas stattfindet, wenn die Glocken erbarmungslos die Nachbarschaft bebimmeln. Stand da doch neulich eine Frau in der Kirche, die durch das Glockenläuten aufgeschreckt worden war und in die Kirche kam, um zu sehen, was denn da eigentlich los ist. Gnadenlos hat sie dann die Pastorin, die eigentlich gerade mit der Andacht beginnen wollte, in ein Gespräch verwickelt. Die Pastorin hat dann einfach vorausgesetzt, dass die Dame logischwerweise an der Andacht teilnimmt, da sie ja schon in der Kirche war. Falsch vorausgesetzt! Am Ende ging es jedenfalls doch ganz andächtig los, wenn auch mit Verspätung und ohne besagte Dame. Die war nämlich wieder abmarschiert, mit einem Ablaufblatt für eine Andacht in der Hand, an der sie gar nicht teilnehmen wollte. Wenigstens wusste sie, warum die Glocken geläutet hatten. 

Dass viele nicht mehr wissen, dass das Jesus war, der in Bethlehem geboren wurde und nicht Zeus, habe ich inzwischen auch schon mitgekriegt - im Fernsehen. Und ich war ganz erstaunt über die falsche Antwort in der Quizrunde. Ich dachte wirklich, das gehört zur Allgemeinbildung, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Aber: Zu viel vorausgesetzt!

Und da bin ich bei der sogenannten goldenen Regel angelangt: Wenn ich nicht will, dass man mir gegenüber einfach ein bestimmtes Wissen voraussetzt, dann sollte ich das anderen gegenüber auch nicht tun.

Ob ich das hinkriege? 
Ob Kirche das hinkriegt?

Sonntag, 24. Juli 2016

Pokémon-Predigt


Die Welt ist im Pokémon-Wahn! Nintendo hat ein neues Spiel herausgebracht, das seit zwei Wochen auf dem Markt, bzw. auf den Handies ist: Pokémon Go. In Deutschland ist es seit ungefähr einer Woche erhältlich und kann ganz kostenfrei aufs Handy geladen und gespielt werden. Dabei geht es darum, kleine virtuelle Monster zu finden und einzufangen. Das Handy schaltet mit der eingebauten Kamera dabei auf die wirkliche Umgebung um, um anzuzeigen, wo sich solch ein Pokémon gerade befindet. Diese eingefangenen Pokémons kann man auch in einer Arena kämpfen lassen.


Hier bei uns verläuft alles, wie ich finde, noch sehr zurückhaltend. Aber ich habe schon Bilder aus unseren Großstädten gesehen, wo ganz viele Menschen mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend irren – auf der Suche nach Pokémons. Die Begeisterung für dieses Spiel ist so groß, dass bisweilen sogar das Internet lahmgelegt wird.

 

BBC online berichtete am letzten Sonntag von Tom Currie, einem Mann aus Neu-Seeland, der seine Arbeit gekündigt hat – um mehr Zeit für die Pokémonjagt zu haben. Er arbeitete als Barmann in einem Restaurant an der Hibiscus Küste in der Nähe von Auckland, hat aber beschlossen, jetzt lieber vollzeit Pokémon Go zu spielen. Tom Currie gab zu, dass seine Eltern schon ein bisschen perplex waren, als sie davon erfuhren. Er verlässt sich trotzdem darauf, dass Freunde und Familie aushelfen werden.

 

Tja, und dann gibt es natürlich diejeigen, die mit so einem Handyspiel gar nichts am Hut haben. „Kinderkram“, „Ihr seid verrückt“, "Da mach‘ ich nicht mit“, sind alles Dinge, die ich schon gehört habe.


Aber bleiben wir erstmal bei denen, die so vernarrt in das Spiel sind wie besagter Tom Currie:

Dieses Szenario erinnert mich nämlich an die ersten Jünger, die Jesus berufen hat und an die Zeit, als die Sache Jesu gerade erst losging. Die haben auch alles stehen und liegenlassen um Jesus nachzufolgen. Da war die Sicherung der Existenz auch plötzlich egal. „Lasst die Toten ihre Toten begraben“, war das Motto. Die Jünger sind auf und davon und haben Arbeit und Familie einfach zurückgelassen. Und diese Sache Jesu, von der die Jünger so begeistert waren, zog immer weitere Kreise, erreichte immer mehr Menschen. Die Israeliten, die Griechen, die Römer – alle im Jesus-Wahn. Selbst vor Paulus machte diese Begeisterungswelle nicht halt, obwohl er doch einer war, der die Christen verfolgte. Paulus wird angesteckt vom Jesus-Virus und singt nur noch Lobeshymnen auf ihn und auf den christlichen Glauben. Von einer „überwältigenden Erkenntnis“ schreibt er an die christliche Gemeinde in Philippi (Philipper 3, 7-11). „Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen“, sind seine Worte. Paulus ist so hin und weg von Jesus, dass er sogar „an seinem Leiden teilhaben möchte – bis dahin, dass er ihm im Tod gleich werde“.

Das klingt, Entschuldigung, ähnlich durchgeknallt, wie bei dem Barmann der seinen Job hinschmeißt, damit er seine ganze Zeit den Pokémons widmen kann. Und: Auch damals, zur Zeit der ersten Christen, gab es Leute, die zu den Christen gesagt haben: Das ist totaler Quatsch, da mach‘ ich nicht mit. Leute, die absolut dagegen waren. So wie Paulus am Anfang.

 

Solch ein Handy-Spiel und die Begeisterung für das Christentum damals haben etwas gemeinsam: Beide versprechen, dass man einer Welt entfliehen kann, die sehr viel Leid, Gewalt, Verlust, Trauer und Tod bereithält - so wie der Amoklauf von München zum Beispiel. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es beim Christentum um das wahre Leben geht und nicht um eine virtuelle Welt. Christlicher Glaube ist nicht nur eine Fluchtmöglichkeit sondern sehr viel mehr. Christlicher Glaube gibt uns die Möglichkeit, die reale Welt wirklich zu verändern. Bei einem Handyspiel geht das nicht. Da können wir höchstens eine Welt verändern, die nur auf unseren Smartphones existiert.

 

Was bei mir jetzt natürlich hochkommt, ist ein gewisser Neid. Ich stelle unweigerlich die Frage: Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat? Natürlich wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Kirche, die genauso viel begeisterten Zulauf hat wie die Pokémon Arenen auf unserer Insel. Ich wünsche mir, dass junge und alte Leute, Frauen, Männer, Mädchen und Jungen mit vor Aufregung geröteten Wangen in die Kirchen kommen und sagen: "Oh guck mal, da sind wieder welche: Christen! Da müssen wir unbedingt hin! Da wollen wir unbedingt dazugehören!"

 

Was hat Pokémon Go, was Christentum nicht hat?

Es ist neu; es ist süß; es ist lustig; es lockt die Menschen in eine wunderschöne Fantasiewelt und lässt sie den Terror der Realität vergessen; es kostet nichts; es ist Abenteuer; es macht Spaß.

 

Christentum dagegen ist nicht wirklich neu. Manche bezeichnen es sogar als verstaubt. Christentum empfinden viele als zu ernst und zu starr. Christentum bietet keine schöne Scheinwelt sondern zwingt uns dazu, uns mit der Realität auseinader zu setzen. Wir können nicht einfach wegsehen und hoffen, dass all das Schlimme von alleine verschwindet, wenn wir es nur nicht beachten. Christentum ist teuer, denn es verlangt uns eine Menge ab. Ständig sind wir aufgefordert, etwas zu geben: Unsere Zeit, unser Geld, unsere Kreartivität, unsere Kraft, unser Können und unsere Begabungen, unsere Geduld, unsere Liebe, unseren Respekt, .... die Liste ist lang. Gegenleistung gibt’s auch nicht. Es gibt nichtmal eine Weiterentwicklung zum nächsten Level, mit der wir angeben könnten.

Und trotzdem gibt es weltweit über  2 Milliarden Christen. Deutlich mehr als Pokémon Go Spieler! Und das nach immerhin 2000 Jahren Christentum!

 

Ich glaube kaum, dass Pokémon Go so lange durchhält. Um ganz ehrlich zu sein, gebe ich diesem Spiel ein paar Jahre. Wenn Nintendo clever ist und es gut weiterentwickelt, dann vielleicht sogar ein Jahrzehnt, denn irgendwann werden auch die tollsten Spiele langweilig, weil sie nichts neues mehr zu bieten haben.

 

Hat chrislicher Glaube eigentlich auch nicht. Christlicher Glaube hat ziemlich alte Wahrheiten zu bieten. Die gibt es schon sehr lange. Die müssen aber auch nicht neu erfunden werden. Die müssen nicht weiterentwickelt werden, um die Menschen bei Laune zu halten. Ist schon versucht worden und funktioniert nicht. Ich habe in den USA Kirchen besucht, die besonders anders und besonders cool diese christlichen Wahrheiten unter die Leute bringen wollten. Für ein paar Jahre hatten sie immensen Zulauf, wurden zu sogenannten Mega-Churches. Und dann wanderten die Mitglieder ab, weil ihnen die Tiefe fehlte. Das Ganze war zu oberflächlich.

 

Ich hatte mal mit einer Frau zu tun, die von ihrem Ehemann misshandelt wurde. Eine Anzeige bei der Polizei hat nichts gebracht trotz der Beweise: viele blaue Flecken und ein ordentliches Veilchen. Ihre Eltern haben ihr nicht geglaubt. Aber irgendwohin musste sie mit ihrem Kummer, ihrer Angst und ihrer Hilflosigkeit. Also ging sie zu einer dieser riesigen Kirchen, in der jeden Sonntag 2000 Leute in den Gottesdienst gingen. Diese Kirche muss ja gut sein, wenn da so viele Leute hingehen, oder?

Was passierte, war, dass man sie in ein sogenanntes Missionierungsprogramm steckte und ihr Kurse anbot, die ganz viel Theologie und Bibelkunde vermittelten. Was sie aber brauchte, war etwas ganz anderes: Jemand der einfach nur zuhörte, jemand, bei dem sie sich alles von der Seele reden konnte. Also rief sie mich an, weil sie von ihrem Vater gehört hatte, dass in seiner Gemeinde eine ganz nette Pastorin war.

 

Was ich damals gelernt habe: Authentisch sein ist für uns Christinnen und Christen wichtig. Ehrlich sein, ist wichtig.  Die Menschen um uns herum wahrnehmen und ernstnehmen, ist wichtig. Zu dem stehen, was wir glauben und so wie Paulus nicht schämen, unsere Begeisterung für Christus in aller Öffentlichkeit zu zeigen, ist wichtig.

 

 

Irgendwann  wird man Pokémon Go nicht mehr spielen können, weil die Handies so weit entwickelt sind, dass so ein altes Spiel sich auf den neuen Geräten nicht mehr spielen lässt. Dann gibt es eben etwas neues. Christentum passt immer, egal wohin die Welt sich entwickelt. Auch wenn die Inhalte der Bibel aus einer Zeit stammen, die lange, lange her ist, passen die Erfahrungen, die die Menschen damals mit Gott gemacht haben, sehr gut auch in unsere Zeit. Die Werte, die vermittelt werden haben heute mehr Gültigkeit denn je. Wir müssen sie nur verständlich rüberbringen. Und wenn wir diese Wahrheiten und Werte auch noch ansprechend verpasckt kriegen, dann dürfte es auch nicht so schwer sein, die Gute Nachricht“ von der Liebe Gottes unter die Leute zu bringen.


Ich hatte am Mittwoch mal ganz flappsig die Frage gestellt, ob  Jesus heute wohl Gleichnisse über Pokémons erzählt hätte anstatt über Schafe. Ich bin mir sicher, dass er das getan hätte. Jesus hätte es garantiert geschafft, den Menschen mit Hilfe von Pokémons etwas über das Reich Gottes zu vermitteln und Begeisterung für das Reich Gottes zu wecken.  „Das Reich Gottes ist wie ein Spiel, bei dem erst ein paar wenige Menschen anfangen, Pokémons zu fangen und viel Freude dabei haben, das sich dann aber über die ganze Welt ausbreitet", würde er vielleicht sagen. Ja, der christliche Glaube darf auch Spaß machen! Soll er sogar, wie ich finde, denn dann fällt es uns auch leichter, eine ähnliche Begeisterung für die Sache Jesu an den Tag zu legen wie Paulus. „Die „Sache Jesu braucht Begeisterte“ heißt es ja schließlich auch in einem Kirchenlied*!


Und die Sache Jesu hat ja schon Begeisterte, eine ganze Menge sogar und schon eine ganz lange Zeit. Ich bin mir sicher, dass diese Sache Jesu auch in ferner Zukunft noch Begeisterte haben wird, und zwar eine ganz Menge davon! Und da kann man zu Recht die Frage stellen: Was hat Christus, was Pokémon Go nicht hat?


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*(„Durch Hohes und Tiefes“ - Gesangbuch der Evangelischen Studierendengemeinde, Nr. 323)





Sonntag, 17. Juli 2016

So gemein!

Das Leben ist grausam! Und so unendlich gemein! Und eigentlich dürfte es das gerade heute nicht sein, denn heute ist doch der Tag des Herrn! Ich bilde mir ja immer ein, dass ich auf besonders gutem Fuß mit dem Herrn stehe, weil ich ihm in der Woche immerhin über 50 Stunden an Arbeitszeit zur Verfügung stelle. Privat hat er ebenfalls meine volle Aufmerksamkeit (soweit man das hier überhaupt trennen kann). Da wäre es doch nur fair, dass der Herr am Sonntag auch mal mir etwas Aufmerksamkeit schenkt. Und mich mit Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt versorgt! Also, noch mehr Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt als ich schon hatte.



Ich war ja heute Mittag nach dem Gottesdienst kurz noch mal einkaufen. Da habe ich diesen Yoghurt entdeckt und dachte: Was die sich immer einfallen lassen. Normaler Erdbeeryoghurt tut's wohl nicht mehr. Da aber kein Erbeeryoghurt mehr da war, entschied ich mich, mal diesen komischen Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mitzunehmen. Zum Probieren. Einen(!) Becher.

Zu Hause nach dem Mittagessen wurde der dann auch gleich verhaftet und: SOOOOO LEEEEEEECKER!!!!!!!!! Ich war ja voll von den Socken. Bin ich immer noch. Und genau da liegt das Problem. Ich wollte mehr. Sogar PokémonGo ist gerade völlig abgemeldet. Ich will nur noch Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt! Wen interessieren schon Pokémons? 

Ja ich weiß! Ich komme mir ja selber blöd vor. Ich habe dann auch erstmal meinem nervenden Vierbeiner nachgegeben, der unbedingt raus wollte (musste) - auch in der Hoffnung, dass sich dann der Heißhunger auf Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt in Nordseeluft auflösen würde. Hat er nicht.
Wieder zu Hause stand ich ganze zehn Minuten im Flur und habe mit mir selber rumdebattiert, ob ich nochmal losstiefeln soll, um Nachschub an Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt zu organisieren. Da war noch ein Becher im Kühlregal! Hab' ich genau gesehen! Am Ende bin ich wirklich nochmal zu Edeka rüber und habe mich mit ausgefahrenen Ellenbogen an völlig verschreckten Kunden vorbei aufs Kühlregal gestürzt. Und dann: Der Supergau! Weltuntergang! Kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr da! Irgend so ein Unwürdiger hat mir doch tatsächlich den letzten Becher vor der Nase weggekauft! 

Mein Sonntag ist ruiniert! Ach, was sag' ich: Die ganze Woche ist ruiniert! Okay, ich gebe zu, das war jetzt übertrieben. Am Dienstag ist ja wieder Frachttag und mit dem Frachtschiff kommt hoffentlich auch neuer Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt. Trotzdem find' ich's echt sowas von gemein, dass da kein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt mehr war, wo ich doch extra nochmal losgegangen bin. 

Außerdem: Mein oberster Boss hätte ja auch mal helfend eingreifen können. So mit einer großen Sintflut vielleicht, die alle potenziellen Yoghurtkäufer von der Erde tilgt. So dass nur noch ich und mein Käsekuchen-Mandarine-Yoghurt übrig sind - allein auf einer Arche in der Nordsee. Himmlisch!


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P.S.: Das Fass mit der Aufschrift "Verkaufsoffene Sonntage" mache ich an dieser Stelle nicht auf. Denn dann müsste ich ja zugeben, dass ich gar nicht erst in Versuchung geführt worden wäre, wenn der Edeka am Tag des Herrn zu gehabt hätte.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Meine Konfirmanden sind Streber

Ob sie das von ihrer Pastorin haben?


Meine Konfis können das Vaterunser nach drei Wochen Konfirmandenunterricht auswendig. Psalm 23 kommt so nach vier Monaten von ganz alleine. Aber das Größte ist ja immer für mich der Gottesdienst: Ich weise die Gottesdienstbesucher gerne darauf hin, dass das Glaubensbekenntnis hinten im Gesangbuch abgedruckt ist (letzte Seite), denn nicht jeder kann das auswendig. Ich könnte mich immer beömmeln, wenn ganz viele Leute hektisch in den Gesangbüchern blättern, während meine Konfis ihre demonstrativ zuklappen und beiseitelegen. (Hab' ich, glaube ich, schonmal erzählt, aber macht ja nix. Doppelt hält besser.)

Der Jahrgang, den ich dieses Jahr konfirmiert habe, hat den Vogel abgeschossen: Die hatten nach einem knappen Jahr alle(!) erforderlichen Gottesdienste für die ganze Konfirmandenzeit "abgearbeitet" (15 pro Jahr, also in diesem Fall schon alle 30, plus diverse Küsterdienste und Lesungen im Gottesdienst). Und sie kamen trotzdem noch weiter in die Kirche! Da habe ich dann angefangen, mich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich falsch??? 

Obwohl: Ich selbst war ja auch so drauf. Schon bevor für mich der Konfirmandenunterricht anfing, konnte ich Vaterunser, Psalm 23, Apostolisches Glaubensbekenntnis, Luthers Morgensegen, Luthers Abendsegen und sogar das Glaubensbekenntnis von Nicäa (Nicänum) auswendig. (Das Nicänum kann ich heute nicht mehr, ist durch die Löcher in meinem Hirn wieder rausgefallen. Luthers Morgensegen auch. Aber ich weiß, wo das Nicänum im Gesangbuch steht: vor-vorletzte Seite. Ätsch!)

Diesen Wissensstand habe ich meiner in Erziehungsfragen äußerst konsequenten Mutter zu verdanken. Die hat mir nämlich eines Nachts so gegen 2 Uhr, sämtliche Bücher aus dem Zimmer geräumt, weil ich entgegen ihrer Anordnung einfach weitergelesen und dazu auch das Licht angelassen hatte. Da dachte sich meine Mutter: Wenn sie nichts mehr zu lesen hat, dann macht sie das Licht aus und schläft. Problem: Ich war immer noch nicht müde. Ich WURDE auch nicht müde. Trotz fehlender Bücher. Und da entdeckte ich sie: Zwei Bücher! Naja, das eine war eher ein Heft. Beide waren in schwarzes Papier eingeschlagen. Die hatte sie wohl vergessen. Dachte ich damals. Heute weiß ich, dass Mama nie im Leben damit gerechnet hätte, dass ich die Dinger lesen würde. Denn: Es handelte sich um Luthers Kleinen Kathechismus und ein Gesangbuch - Familienerbstücke, die man Mama für ihren eigenen Konfirmandenunterricht vermacht hatte! Und jetzt kommt's: In SÜTTERLIN!!!! Ja, das lasst jetzt erstmal sacken!

Ich war damals im zarten Vor-Vorkonfirmandenalter schon solch eine Streberin, dass ich das lesen konnte. Großtante Gustel hatte es mir mal beigebracht, weil ich mich bei einem Familientreffen so abgrundtief langweilte, dass ich allen auf die Nerven ging und unbedingt beschäftigt werden musste. 

Jedenfalls habe ich den Rest der Nacht damit verbracht, Luthers Katechismus zu lesen (mit Taschenlampe unter der Bettdecke, damit Mama nichts merkt).
In der nächsten Nacht ebenfalls, denn ich hatte immer noch Bücherverbot (zumindest von abends nach dem Zähneputzen bis morgens nach dem Zähneputzen). Tja, und weil ich ziemlich lange Bücherverbot hatte, habe ich irgendwann angefangen, auch im Gesangbuch zu blättern und das Zeug, das da in diesen Büchern stand, auswendig zu lernen. Zumindest, das was mich interessierte. Gebete, Segen, Glaubensbekenntnisse und so fand ich cool. Luthers Frage-und-Antwort-Spielchen zu diversen theologischen Themen nicht so sehr. (Vielleicht hätte man mich besser in ein Schlaflabor gesteckt, anstatt mir meine Bücher wegzunehmen.)

Später, während meiner Konfirmandenzeit, bin ich dann tatsächlich auch jeden Sonntag in die Kirche gepilgert (es sei denn ich war krank). Bin sogar im Urlaub in den Gottesdienst gegangen. Weil es mir Spaß gemacht hat. Jawoll! Hätte damals nicht schon jemandem auffallen müssen, dass dieses Kind einen echten Sockenschuss hat?!

Jedenfalls wundert sich jetzt hoffentlich niemand mehr ernsthaft darüber, dass dieses Kind später Pastorin geworden ist.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich mir vorstelle, dass aus meinen "kleinen Strebern" hier mal Pastorinnen und Pastoren werden könnten, dann macht mir das ein bisschen Angst. Dann kann ich nur sagen: Zieht euch warm an, denn die haben es faustdick hinter den Ohren!

Andererseits bin ich schon davon überzeugt, dass sie bei all dem christlichen Eifer und all den klugen Gedanken, die sie raushängen lassen, doch noch ziemlich normal geblieben sind. Wie sonst kommt man beim Stille-Post-Spielen auf "Froschpenis"?