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Bürgermeister und Pastorin beklauen sich gegenseitig

Nachdem ich mir heute die Erlaubnis vom Bürgermeister dafür geholt habe, uns beide öffentlich bloßzustellen, darf die folgende Begebenheit nun auch in meinem Blog breitgetreten werden (auf der Insel ist es sowieso schon rum):

Es war einmal ein sonniger Samstag auf Helgoland. An diesem wunderbaren Tag hatten zwei ältere Damen Geburtstag. Nennen wir sie der Einfachheit halber Frau A und Frau B. Zum Bürgermeisterdasein wie zum Pastorendasein gehört die schöne Aufgabe, solche Leute an ihrem Geburtstag zu besuchen und natürlich auch ein kleines Geschenk mitzubringen.

So machte ich mich denn an diesem sonnigen Samstagvormittag, mit einer Geschenktüte bewaffnet, auf den Weg zu Frau A. (Für den Besuch bei Frau B hatte sich netterweise ein Mitglied unseres Kirchengemeinderates angeboten.) Vor der Haustür von Frau A angekommen, setzte ich mein fröhlichstes Glückwunschlächeln auf und klingelte. Nichts passierte. Also wurde nach ein paar Minuten nochmal geklingelt und ein bisschen gewartet. Immer noch nichts. Aller guten Dinge sind drei, sagte ich mir, und klingelte ein weiteres Mal.

Ich muss an dieser Stelle zu meiner Verteidigung sagen, dass ich erst gute dreieinhalb Jahre auf der Insel bin und immer noch Hemmungen habe, einfach durch die Tür in eine Wohnung zu marschieren, die nicht meine eigene ist - egal zu welchem Anlass. (Auch wenn das hier, gerade bei Geburtstagen oder Ehejubiläen, so üblich ist.) Wer weiß denn schon, was da auf einen wartet? Vielleicht der Familienhund, der noch nicht gefrühstückt hat! Oder die Familienkatze, die die seidenbestrumpften Beine der Pastorin mit einem Kratzbaum verwechselt! Da klingel' ich doch lieber vorher und warte artig, bis man mir, nach Unterbindung jeglicher Gefahr für Leib und Leben, die Tür aufmacht.

Leider klingelte ich diesem Fall vergeblich. Naja, dachte ich, vielleicht ist das Geburtstagskind bei dem schönen Wetter zu einem Spaziergang aufgebrochen. Was mache ich nun mit meiner Geschenktüte? Wenn ich nicht abschätzen kann, ob das Geburtstagskind auf der Insel oder vielleicht doch auf dem Festland ist, nehme ich solch eine Geschenktüte wieder mit, um sie der Person dann zu einem späteren Zeitpunkt zukommen zu lassen. Da ich aber ein auf Kipp gestelltes Fenster sah, war ich mir sicher: So weit kann das Geburtstagskind nicht sein und die Chancen stehen gut, dass das Geschenk noch vor dem nächsten Sturm gefunden wird. Also Tüte dalassen. Bei der Suche nach einem geeigneten Plätzchen stach mir eine andere Geschenktüte ins Auge. 

Aha, der Bürgermeister war wohl auch schon da und hat ebenfalls niemanden angetroffen. Dann stelle ich meine Tüte doch einfach dazu. 

Um sicherzugehen, dass es sich auch wirklich um die Geschenktüte vom Bürgermeister handelte, warf ich einen Blick hinein. Solche Geschenktüten beinhalten ja neben dem Geschenk auch immer eine Glückwunschkarte. Ein Blick auf den Umschlag: Tatsächlich, vom Bürgermeister. Und dann stellte ich erschrocken fest, dass der Absender zwar stimmte, aber die Adresse nicht! Was da neben dem Blumenkübel stand, war nicht die Geschenktüte für Frau A sondern die für Frau B! Frau B hatte ja auch an diesem Tag Geburtstag. Au weia! Da war offensichtlich was schiefgegangen. 

Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass unserem Bürgermeister ein solcher Fauxpas nIcht unterläuft. Das passiert nur wuschigen Pastorinnen, die mit ihren Gedanken nicht beim Geburtstagsbesuch sondern schon bei der nächsten Predigt sind. Solch eine wuschige Pastorin war dann auch der Meinung, hier unbedingt den barmherzigen Samariter spielen zu müssen und dem Bürgermeister aus der Patsche zu helfen. 

Ich zückte also mein Handy und rief den Bürgermeister an. Nur die Mailbox. Mist! Aber eine Nachricht hinterlassen konnte ich ja. Die Sprachnachricht hatte in etwa folgenden Inhalt: Ich stehe gerade vor der Tür von Frau A und habe gesehen, dass du auch schon hier warst und eine Geschenktüte dagelassen hast. Aber das ist die falsche Tüte, die ist nämlich an Frau B adressiert. Ich nehme sie mal mit und liefere sie im Rathaus ab.



So hängte ich denn meine eigene (blaue) Geschenktüte an die Türklinke, schnappte mir die bürgermeisterliche (rote) Geschenktüte und machte mich nach einem kurzen Abstecher in den DGzRS Schuppen auf den Weg zum Rathaus. Allerdings war dort nur die Touristeninformation geöffnet, denn es war ja Samstag. Egal. Die Tüte wurde also bei der Touristeninformation abgegeben mit der Bitte, sie dem Bürgermeister auszuhändigen. Dann noch eine kurze SMS an den Bürgermeister, die ihn über den Verbleib seiner Geschenktüte informierte und auf gings zu den weiteren Terminen, die an dem Tag noch auf mich warteten.

Den Gedanken, dass unser Bürgermeister möglicherweise auch schon mit der für Frau A vorgesehenen Tüte zu Frau B gelaufen sein könnte, habe ich schlichtweg verdrängt. Aber da hätte ich sowieso nicht mehr helfen können.

Abends saß ich jedenfalls gemütlich bei einem Feierabendbier im Garten und war sehr zufrieden mit mir und der Welt und besonders mit meinem Einsatz als barmherziger Samariterin. Und dann kam die SMS vom Bürgermeister ...

In meiner SMS an ihn hatte ich geschrieben: " Habe die Geschenktüte bei der Tour.inform. abgegeben, weil heute ja oben keiner ist."
Antwort vom Bürgermeister: "Die hast du mir geklaut!!! Saß bei Frau A  und wollte nicht mit 2 Taschen rein, dafür hab ich dann deine blaue mit zu Frau B genommen :)))"

Erst wurde mir eiskalt, dann siedendheiß. Dann dachte ich: Ogottogottogott!!! Was hab ich da nur angestellt???!!! Und: Hat Frau B jetzt etwa zwei Gläser mit selbstgemachter Marmelade?* Und was ist mit Frau A? Hat sie jetzt gar kein Geschenk oder auch zweimal das Gleiche? Oder hat eine nur ein Geschenk und die andere drei? Oder wie, oder was?

Es hat ein bisschen gedauert, die Schockphase zu überwinden, aber eine dreiviertel Stunde später war ich dann doch in der Lage, dem Bürgermeister zu antworten: "Oh nein!!! Das tut mir so leid! Bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass du bei Frau A sein könntest, weil niemand aufgemacht hat :-("

Entweder war die Klingel kaputt, oder sie hatten sie einfach nicht gehört. Diese Möglichkeiten hatte ich in meinem Eifer natürlich nicht in Betracht gezogen. 

Was bleibt, ist die Moral von der Geschicht': Fürchte Katzen und Hunde nicht (sondern geh' einfach rein und liefer' das Geschenk ab)!
Oder die andere Moral von der Geschicht': Stibitze fremde Tüten nicht (auch wenn es noch so sehr nach einem Notfall aussieht)!
Und: Ich sollte wirklich mal was gegen mein übersteigertes Helfersyndrom tun! 

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* Anmerkung: Die zu verschenkende Marmelade wird von unserer Küsterin selbst gemacht, nicht von mir. Und diese Marmelade ist total lecker! Ich kann so leckere Marmelade nicht produzieren, weshalb ich lieber die von unserer Küsterin verschenke.

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