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Versagensangst?! Predigt vom 14.01.2018



Predigttext: 1. Korinther 2, 1-10
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Ich werde euch heute mal einen Schwank aus meiner Jugend erzählen: Vor langer, langer Zeit, als ich noch nicht Pastorin war, war ich Mitglied in einer Karnevalsgesellschaft und habe dort getanzt, in der Prinzengarde und als Tanzmariechen.

 

Der Gardetanz war für mich immer relativ entspannt, weil ich ja nicht alleine war. Es gab immer Mittänzerinnen, bei denen man abgucken konnte.

Als Tanzmariechen ist das natürlich anders. Da steht man ganz alleine vor dem Publikum. Da war ich dann auch entsprechend aufgeregter.

 

Ich sollte in einem Jahr nach der Karnevalszeit an einem Turnier im Karnevalstanz teilnehmen. Die Folge war, dass ich schon während der Karnevalszeit vor jedem Auftritt nicht nur Lampenfieber hatte, sondern richtige Angst. Ich war so aufgeregt, dass ich alles vergessen hatte, sobald ich auf der Bühne oder auf der Tanzfläche stand. Der ganze Tanz war weg. Blackout. Aber ich konnte ja nicht nur rumstehen, während die Musik lief. Also habe ich nur noch ein Bein in die Hand genommen und mich gedreht, und gedreht, und zwischendurch ein Rad geschlagen, und dann weitergedreht. Mehr fiel mir nicht ein.

 

Das Problem mit der Angst hat sich auch später nicht gegeben. Vor meinem Ersten Theologischen Examen konnte ich zwei Wochen lang nichts essen, weil mir vor Angst immer schlecht war. Ich hatte dieses aproblem übrigens auch schon als Kind: Vor Klassenarbeiten habe ich immer sehr gelitten, auch wenn ich richtig gut vorbereitet war und den Stoff eigentlich konnte.

 

Wo diese Angst herkommt? Aus dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, es nicht richtig hinzubekommen.


Paulus hatte diese Angst offensichtlich auch, wie er im ersten Korintherbrief selber schreibt. Paulus musste zwar keine Examensprüfung ablegen, aber vortanzen musste er in gewisser Weise schon. Er musste vortanzen, bzw. vorleben, wie es ist, Christ zu sein und Jesus nachzufolgen, mit dem was er sagt und tut. Dazu gehört, von den eigenen Glaubenserfahrungen zu erzählen. Paulus hatte eine Scheißangst, dass das, was er zu sagen hatte, nicht rüberkommt, weil er sich selber für einen schlechten Redner hielt.

 

„Ich trat mit einem Gefühl der Schwäche und zitternd vor Angst bei euch auf“, schreibt er. (das kommt meinem Gefühlsleben bei der Examensprüfung ziemlich nahe.) Das tolle ist: Paulus gibt nicht auf. Er sagt nicht: Ich kann das eigentlich gar nicht, also lasse ich es. Er weiß, dass er von Gott für diese Aufgabe berufen ist, also stellt er sich ihr. Und vertraut auf das Wirken des Heiligen Geistes in dieser Situation: „Ich setzte bei meiner Rede und meiner Verkündigung nicht auf die Weisheit und ihre Fähigkeit zu überzeugen. Ihre Wirkung verdankte sich vielmehr dem Heiligen Geist und der Kraft Gottes.“

 

Paulus weiß also, dass das, was er über die Liebe Gottes zu sagen hat, sehr wichtig ist, dass die Menschen es unbedingt wissen müssen. Da er nicht der tollste Redner ist, vertraut er darauf, dass die Botschaft trotzdem ankommt.

 

Und er motiviert die Leute in Korinth, es ebenso zu tun, sich auf die Kraft Gottes zu verlassen, wenn es um ihren Glauben geht.

Die Botschaft von Paulus ist auch für uns: Vertraut auf das Wirken des Heiligen Geistes!

 

Mit dem Heiligen Geist sind wir jetzt aber thematisch eher schon bei Pfingsten als noch bei Weihnachten. Und der Weihnachtsfestkreis ist noch nicht vorbei. Im Kirchenjahr haben wir immer noch Weihnachtszeit. Die Weihnachtszeit dauert bis zum letzten Sonntag nach Epiphanias. Das wäre bei uns in diesem Jahr der 21. Januar.

 

Weihnachten ist gefühlt, allerdings für die meisten von uns durchaus schon vorbei: Die Plätzchen sind gegessen, Tannenbäume entsorgt, Weihnachtsschmuck in den Keller verfrachtet samt dem Kind in der Krippe. Jesus wird so richtig erst wieder in der Passionszeit rausgekramt und zu Ostern. Aber da ist er nicht mehr das Kind in der Krippe. Und wie passt da jetzt der Geist ins Bild, denn Pfingsten kommt ja noch später?

 

Ich sehe das so: Die Menschen, die in der Weihnachtsgeschcihte vorkommen, hatten auch ihre Ängste, wie Paulus, und zwar nicht zu knapp! Maria und Josef hatten sie: Die waren ja nicht die großen Helden sondern einfache Leute und, hatten garantiert eine Scheißangst vor dem, was da auf sie zukommt, was Gott da mit ihnen vorhat: Den Heiland in die Welt setzen und großziehen! Die Hirten hatten auch Angst: Vor den himmlischen Heerscharen zum einen und vielleicht auch Versagensangst. Sie hatten vielleicht Angst, dass sie das Kind in der Krippe nicht finden, sie hatten bestimmt Angst, dass das nicht gut klappt mit dem Weitererzählen, dass der Heiland geboren ist. Die Hirten sind ja praktisch die ersten Jünger, die losgehen sollen und Zeugnis ablegen über die Erfahrungen die sie gemacht haben. Und ich bin mir sicher, dass die Hirten noch schlechtere Redner waren als Paulus. Die drei Weisen hatten garantiert auch Angst: Angst, sich zu verlaufen, Angst, doch noch von Herodes aufgespürt zu werden, der mit dem kleinen Jesus ja nichts Gutes vorhatte. Wenn die Weisen versagt hätten, dann wäre die ganze „Retter der Welt“ Nummer unter Umständen böse ausgegangen.

 

Und Jesus selber? Hat auch Angst gehabt und das garantiert öfter als nur das eine Mal im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung! 

Angst haben, Defizite haben, nicht perfekt sein, das ist menschlich. Und es sind ja alles Menschen: Maria, Josef, die Hirten, die drei Weisen, sogar Jesus selbst. Gott ist in Jesus Mensch geworden, hat also auch so menschliche Gefühle wie Angst gekannt. Und am Ende ist da dann eben auch Paulus mit seiner Angst. Sie alle sind Menschen und sie alle haben Versagensängste. Aber sie alle haben auf irgendeine Weise gelernt, dem Geist Gottes zu vertrauen, dass der sie lenkt, dass er sie beflügelt, dass er sie zu Dingen befähigt, die sie sich selbst nie zugetraut hätten. Und dieses Vertrauen dürfen auch wir lernen.

 

Ich sehe deshalb in dem Text aus dem ersten Korintherbrief eine weitere ganz wichtige Weihnachtsbotschaft an uns alle (neben der Ansage, dass der Friedefürst unterwegs ist): Wir dürfen Defizite haben und sind trotzdem angenommen! Und nicht nur das. Wir sind auch mit wichtigen Aufgaben betraut: Unter anderem mit der, die frohe Botschaft weiter zu erzählen. Oder besser: die frohe Botschaft zu leben. Genau wie die Hirten damals. Und das funktioniert. Wir können das! Nicht nur ich als Pastorin, sondern ihr auch. Das, was ihr an Grundlagen habt, das reicht völlig, um die Aufgaben zu bewältigen, die Gott uns stellt.

 

Gott beruft nämlich nicht die Qualifizierten sondern er qualifiziert die Berufenen! Gott beruft nicht die Fähigen sondern er befähigt die Berufenen! Das ist die Botschaft, die ich in diesem Text aus dem ersten Korintherbrief lese. Und diese Botschaft gibt uns allen hoffentlich das nötige Vertrauen.

 

Ich finde es schon klasse, dass jemand wie Paulus, der ganz viele Gemeindenaufgebaut hat, sich hinstellt und zugibt: Ich kann das alles eigentlich gar nicht so richtig. Aber ich tue trotzdem, weil ich darauf vertraue, dass Gott mich nicht berufen hat, weil ich die Fähigkeiten habe, sondern, dass er mich mit den nötigen Fähigkeiten ausstattet, weil er mich berufen hat.

Das macht Mut, wie ich finde, sich selbst auch mehr zuzutrauen und darauf zu ver-trauen, dass wir nicht alleingelassen sind.

 

Das nimmt uns aber nicht die Arbeit ab, uns zu bemühen. Es reicht nicht, sich als Tänzerin auf eine Bühne zu stellen und einfach zu machen. Selbst zum Improvisieren braucht man gewisse Fähigkeiten und bereits erlerntes als Grundlage. Als Pastorin kann man nicht einfach machen und darauf vertrauen, dass der Geist meine Unfähigkeit schon ausbügeln wird. Ein bisschen Eigeninitiative darf schon sein. 

 

Aber wir dürfen uns eben schon darauf verlassen, dass das, was sind und können, genug ist und vor allem gut genug ist, um das zu bewältigen, was Gott für uns in Petto hat.

 

Also, Weihnachtsbotschaft Nummer 2: Wir sind berufen – für die unterschiedlichsten Dinge - und wir sind genau richtig, um diese Berufung auch auszufüllen, denn die Kraft Gottes macht schon was draus!

 

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