Sonntag, 13. November 2016

Das pastorale Erscheinungsbild

Warum machen sich die Leute bloß so viele Gedanken darüber, wie wir Pastorinnen und Pastoren aussehen? Wie ich darauf komme, dass die Leute sich über sowas Gedanken machen? Kann ich euch sagen:

Vor der Andacht zum Martinsumzug wurde mir mitgeteilt: "Wir haben uns schon gefragt, was Sie heute wohl anhaben." (Aha.)

Eigentlich hätte das doch heißen müssen: "Wir haben uns schon gefragt, was für tolle Laternen die Kinder in diesem Jahr wieder gebastelt haben" - oder so. 
Also, ich für meinen Teil bin noch nie in eine Kirche geschneit, um dem Pastor oder der Pastorin als allererstes zu sagen: "Ich habe mich schon gefragt, was Sie heute wohl anhaben." Ist ja auch irgendwie ein bisschen distanzlos. Ich meine, was kommt als nächstes? Die "Schotten und Kilt" - Frage???

Jedenfalls war die Gruppe, die sich Gedanken über mein Martinstag-Outfit gemacht hatte, äußerst zufrieden mit meiner Kombination aus Einsatzschutzkleidung und Kollarhemd (Ich wollte ja nicht nur ganz andächtig aussehen in der Andacht sondern beim Umzug auch noch eine Fackel tragen - und dabei garantiert nicht mein sauteures schwedisches Kollarhemd mit Wachs vollkleckern!). 



Als ich noch Vikarin auf Föhr war, habe ich mal die halbe Insel in Aufruhr versetzt, weil ich es gewagt hatte, statt des sonst üblichen Zopfes mit Haarband in passender liturgischer Farbe, die Haare einfach hochzustecken. Alle waren voll aus dem Häuschen, weil sie dachten, ich hätte die Haare ab. Und natürlich hat keiner mehr mitgekriegt, worüber ich gepredigt habe.

Woher also dieses große Interesse am pastoralen Erscheinungsbild?
Ich hege ja die Vermutung, dass das bei uns Evangelen mit dem Bildersturm zu tun hat. Einige Leute hatten im Zuge der Reformation angefangen, den ganzen Prunk aus den Kirchen zu entfernen, nach dem Motto: Gott braucht keine überdimensionale Deko, aber die Menschen brauchen was zu essen. "Gebt das Geld lieber für die Armen aus", war die Devise.

Seit dem Bildersturm sehen unsere Kirchen also etwas dezenter aus in Sachen Inneneinrichtung. Die Ansichten sind heute zwar nicht mehr so radikal wie im 16. Jahrhundert, aber eine Ausschmückung unserer Kirchen ist immer noch kostenintensiv, keiner hat wirklich die Kohle dafür und dann ist da auch noch der Denkmalschutz, der uns nicht genehmigtes Ausschmücken untersagt. Aber Pastoren unterliegen nicht dem Denkmalschutz. Vielleicht ist es deshalb so mancher Gottesdienstbesucherin ein Bedürfnis, sich darüber Gedanken zu machen, welche Lippenstiftfarbe Frau Pastorin wohl heute trägt, oder ob der Herr Pfarrer neue Schuhe hat.

(Das ist, neben diversen anderen, übrigens ein weiterer Grund, warum ich lieber Albe als Talar trage: Die Albe hat kein Beffchen, dass einem auf dem Weg zur Kirche bei 6-8 Windstärken immer(!) ins Gesicht flattert und immer(!) Lippenstiftflecken abbekommt.)

Das Gottesdienst feiernde Volk ist aber dummerweise nicht immer am Erscheinungsbild ihres klerikalen Profischafes interessiert.  Als ich einmal mit voller Absicht in hellblauen Plüschpantoffeln in den Gottesdienst marschierte, ist das keiner Sau aufgefallen. Der Plan war, mit dieser und ein paar weiteren Aktionen (klingelndes Handy, Verspieler der Organistin), zu zeigen, wie leicht wir uns durch Äußerlichkeiten von Gottes Wort ablenken lassen. Meine hellblauen Plüschpantoffeln haben es aber nicht geschafft, die Gemeinde von Gottes Wort abzulenken. Dafür immerhin die Albe, deren Saum ich mir hinten in den Hosenbund gesteckt hatte. Die Gemeinde war völlig fertig, weil sie dachte, ich hätte mir bei meinem vorgottesdienstlichen Klo-Gang das Ding versehentlich in der Hose eingeklemmt.

Lange Rede, kurzer Sinn - was ich eigentlich sagen wollte, ist folgendes: Richtet doch bitte beim nächsten Martinsumzug euer Augenmerk auf die Kinder und nicht das Outfit der Pastorin! Denn die Kids haben ganz viel von Gottes Wort für uns parat, wie wir am Martinstag zu hören bekommen haben: Dass man zum Beispiel ein Sofa abgeben kann, wenn man eins zu viel hat. Oder dass man einfach zur Seite rücken kann, wenn man kein Sofa zu viel hat. Besser kann man die Botschaft der Martinsgeschichte kaum  wiedergeben, finde ich. Die Frage ist jetzt: Haben wir die Botschaft auch gehört? Oder waren wir etwa abgelenkt?

Kommentare:

  1. Ach ja, ich pflege ja immer zu sagen: Achtet auf den Text und nicht auf die Textilien, denn durch den Text will Gott zu uns sprechen.
    Willkommen im Club, liebe Pamela. 👑😇

    AntwortenLöschen
  2. Ach du liebe Güte! Dabei fällt mir ein daß das einzige was meine erste Gemeinde (in der Bronx) noch von dem Vorgänger erinnerte waren die gelben Schuhe in denen der einmal in den Gottesdienst wanderte den er leiten sollte ... :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schade eigentlich, dass da nicht mehr an Erinnerungen geblieben ist. Aber gelbe Schuhe sind auch wirklich schräg!

      Löschen
  3. Ach du liebe Güte! Dabei fällt mir ein daß das einzige was meine erste Gemeinde (in der Bronx) noch von dem Vorgänger erinnerte waren die gelben Schuhe in denen der einmal in den Gottesdienst wanderte den er leiten sollte ... :)

    AntwortenLöschen