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Meine Konfirmanden sind Streber

Ob sie das von ihrer Pastorin haben?


Meine Konfis können das Vaterunser nach drei Wochen Konfirmandenunterricht auswendig. Psalm 23 kommt so nach vier Monaten von ganz alleine. Aber das Größte ist ja immer für mich der Gottesdienst: Ich weise die Gottesdienstbesucher gerne darauf hin, dass das Glaubensbekenntnis hinten im Gesangbuch abgedruckt ist (letzte Seite), denn nicht jeder kann das auswendig. Ich könnte mich immer beömmeln, wenn ganz viele Leute hektisch in den Gesangbüchern blättern, während meine Konfis ihre demonstrativ zuklappen und beiseitelegen. (Hab' ich, glaube ich, schonmal erzählt, aber macht ja nix. Doppelt hält besser.)

Der Jahrgang, den ich dieses Jahr konfirmiert habe, hat den Vogel abgeschossen: Die hatten nach einem knappen Jahr alle(!) erforderlichen Gottesdienste für die ganze Konfirmandenzeit "abgearbeitet" (15 pro Jahr, also in diesem Fall schon alle 30, plus diverse Küsterdienste und Lesungen im Gottesdienst). Und sie kamen trotzdem noch weiter in die Kirche! Da habe ich dann angefangen, mich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich falsch??? 

Obwohl: Ich selbst war ja auch so drauf. Schon bevor für mich der Konfirmandenunterricht anfing, konnte ich Vaterunser, Psalm 23, Apostolisches Glaubensbekenntnis, Luthers Morgensegen, Luthers Abendsegen und sogar das Glaubensbekenntnis von Nicäa (Nicänum) auswendig. (Das Nicänum kann ich heute nicht mehr, ist durch die Löcher in meinem Hirn wieder rausgefallen. Luthers Morgensegen auch. Aber ich weiß, wo das Nicänum im Gesangbuch steht: vor-vorletzte Seite. Ätsch!)

Diesen Wissensstand habe ich meiner in Erziehungsfragen äußerst konsequenten Mutter zu verdanken. Die hat mir nämlich eines Nachts so gegen 2 Uhr, sämtliche Bücher aus dem Zimmer geräumt, weil ich entgegen ihrer Anordnung einfach weitergelesen und dazu auch das Licht angelassen hatte. Da dachte sich meine Mutter: Wenn sie nichts mehr zu lesen hat, dann macht sie das Licht aus und schläft. Problem: Ich war immer noch nicht müde. Ich WURDE auch nicht müde. Trotz fehlender Bücher. Und da entdeckte ich sie: Zwei Bücher! Naja, das eine war eher ein Heft. Beide waren in schwarzes Papier eingeschlagen. Die hatte sie wohl vergessen. Dachte ich damals. Heute weiß ich, dass Mama nie im Leben damit gerechnet hätte, dass ich die Dinger lesen würde. Denn: Es handelte sich um Luthers Kleinen Kathechismus und ein Gesangbuch - Familienerbstücke, die man Mama für ihren eigenen Konfirmandenunterricht vermacht hatte! Und jetzt kommt's: In SÜTTERLIN!!!! Ja, das lasst jetzt erstmal sacken!

Ich war damals im zarten Vor-Vorkonfirmandenalter schon solch eine Streberin, dass ich das lesen konnte. Großtante Gustel hatte es mir mal beigebracht, weil ich mich bei einem Familientreffen so abgrundtief langweilte, dass ich allen auf die Nerven ging und unbedingt beschäftigt werden musste. 

Jedenfalls habe ich den Rest der Nacht damit verbracht, Luthers Katechismus zu lesen (mit Taschenlampe unter der Bettdecke, damit Mama nichts merkt).
In der nächsten Nacht ebenfalls, denn ich hatte immer noch Bücherverbot (zumindest von abends nach dem Zähneputzen bis morgens nach dem Zähneputzen). Tja, und weil ich ziemlich lange Bücherverbot hatte, habe ich irgendwann angefangen, auch im Gesangbuch zu blättern und das Zeug, das da in diesen Büchern stand, auswendig zu lernen. Zumindest, das was mich interessierte. Gebete, Segen, Glaubensbekenntnisse und so fand ich cool. Luthers Frage-und-Antwort-Spielchen zu diversen theologischen Themen nicht so sehr. (Vielleicht hätte man mich besser in ein Schlaflabor gesteckt, anstatt mir meine Bücher wegzunehmen.)

Später, während meiner Konfirmandenzeit, bin ich dann tatsächlich auch jeden Sonntag in die Kirche gepilgert (es sei denn ich war krank). Bin sogar im Urlaub in den Gottesdienst gegangen. Weil es mir Spaß gemacht hat. Jawoll! Hätte damals nicht schon jemandem auffallen müssen, dass dieses Kind einen echten Sockenschuss hat?!

Jedenfalls wundert sich jetzt hoffentlich niemand mehr ernsthaft darüber, dass dieses Kind später Pastorin geworden ist.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich mir vorstelle, dass aus meinen "kleinen Strebern" hier mal Pastorinnen und Pastoren werden könnten, dann macht mir das ein bisschen Angst. Dann kann ich nur sagen: Zieht euch warm an, denn die haben es faustdick hinter den Ohren!

Andererseits bin ich schon davon überzeugt, dass sie bei all dem christlichen Eifer und all den klugen Gedanken, die sie raushängen lassen, doch noch ziemlich normal geblieben sind. Wie sonst kommt man beim Stille-Post-Spielen auf "Froschpenis"?

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