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Mein Ego hat auch Gefühle!



Man erwartet von uns Pastoren ja immer, dass wir hart arbeitende Mitglieder der Gesellschaft sind, die alles machen, was von ihnen verlangt wird und das natürlich, ohne eine Gegenleistung zu verlangen oder irgendeine Form der Anerkennung zu erwarten. Der Dienst am Nächsten in ganz demütiger Haltung ist unser Auftrag. Gut biblisch. Gut christlich.

Gut menschlich sieht sie Sache allerdings anders aus:
So demütig bin ich nämlich gar nicht! Im Gegenteil! Ich bin eine Rampensau mit einem überdimensionalen Hang zur Selbstdarstellung. Das haben sowohl Freunde als auch Dienstvorgesetzte schon festgestellt und ich bin nicht geneigt, ihnen da zu widersprechen. (Wenn schon keine demütige Haltung so habe ich wenigstens eine gesunde Selbstwahrnehmung.) Da kratzt es dann aber ganz gewaltig an meinem Rampensau-Ego, wenn man die Sau nicht auf die Rampe lässt. 

So geschehen beim gestrigen Festakt "175 Jahre 'Lied der Deutschen' " (von  August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, das er auf Helgoland geschrieben hat).

Ich hatte mich zu diesem besonderen Anlass extra in eines meiner sauteuren schwedischen Kollarhemden gepellt und mir sogar noch einen neuen Blazer gekauft, weil frau ja nicht immer in denselben Klamotten zu den offiziellen Veranstaltungen auftauchen kann. Jedenfalls sieht die modebewusste Pastorin das so. In zu engen Pumps bin ich dann zu besagtem Festakt aufs Unterland gesprintet, auch auf die Gefahr hin, mir meine pastoralen Haxen zu verknaksen, um nur ja nicht den Beginn der Veranstaltung zu verpassen. Schließlich wollte ich doch die ganze Inselwelt sehen lassen, dass Kirche am Inselgeschehen interessiert teilnimmt. (Ich war mal wieder zu spät dran, weil mein Hund der Meinung war, dass es eine gute Idee sei, mir kurz vor Aufbruch nochmal das Wohnzimmer vollzureiern. Das kommt davon, wenn Hund statt Hundefutter die halbe Küchenrolle auffrisst. )

Umso mehr freute ich mich dann, dass zu diesem festlichen Anlass auch die wichtigen Institutionen der Insel gewürdigt, und deren Repräsentanten zum Schütteln einiger politischer Hände in die Kurmuschel geholt werden sollten: Der Dienststellenleiter der Wasserschutzpolizei für eben diese Wasserschutzpolizei, der Chefarzt als Vertreter für das Krankenhaus, die Leiterin der Kindertagesstätte für die KiTa, die Schulleiterin für die Schule, und, und, ..... , wann kommt die Kirche? Die werden doch nicht die Kirche vergessen?! 

Haben sie auch nicht. Die Kirche war mit auf der Liste und als Vertreterin für die evangelische Kirche sollte die stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderates präsentiert werden. (Was'njetzlos???!!!)

Na, da war ich aber total von der Rolle! Die wollten gar nicht mich! Und das, obwohl ich doch sozusagen die Chefärztin der Kirchengemeinde bin! Schlimmer noch: Und das, obwohl ich mich doch extra so fein gemacht hatte! Sauteures schwedisches Kollarhemd! Neuer Blazer! Viel zu enge Pumps! In dieser Affenhitze! Nur für den Festakt!

Und dann dachte ich: Mist, unsere zweite Vorsitzende ist nichtmal da! Die muss ja heute arbeiten. Wer zeigt der Inselöffentlichkeit denn nun, dass Kirche interessiert am Inselgeschehen teilnimmt? Ob die Pastorin jetzt einfach in Vertretung ihrer Stellvertreterin da hoch marschieren kann? 

Leider habe ich wohl zu lange überlegt, denn die ganze Aktion war vorbei, bevor ich eine Entscheidung darüber treffen konnte, ob ich mein neues Outfit doch noch "von da oben" zur Schau stellen soll oder nicht.

Die Tatsache, dass ich offensichtlich sowieso nicht für diesen Festakt eingeplant war, resultierte dann in einem kleinen Anfall von Aufmüpfigkeit meinerseits. Was mir wiederum einen wunderbaren Nachmittag am Strand bescherte, weil ich nicht willens war, noch länger im neuen (viel zu warmen!) Blazer, im sauteuren Kollarhemd und in viel zu engen Pumps bis zum Ende des Festaktes auszuharren. (Eine Hose hatte ich übrigens auch noch an. Nicht dass jetzt jemand denkt, ich wäre "unten ohne" da aufgetaucht, weil ich meine alte Hose nicht wirklich erwähnenswert finde.) 

Jedenfalls habe ich mich der unbequemen Klamotten schnell entledigt, damit gleich einen Hitzschlag vermieden, die Badetasche gepackt und mich ganz schnell auf die Düne verpisst. (Falsche Wortwahl? Da müsst ihr jetzt aber durch, denn das Wörtchen "verpisst" entspricht ziemlich genau meinem gestrigen angekratzten Rampensau-Ego.)

Fazit:
Welche Pastorin will schon Politikern die Hände schütteln, wenn sie stattdessen mit Kegelrobben in der Nordsee planschen kann?!

Kommentare

  1. Super geschrieben, liebe Pam, aber ob gewisse Leute das hier lesen und daraus lernen werden? gLG

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  2. Danke Hartmut! Die Wahrscheinlichkeit, dass "gewisse Leute" das hier lesen, ist übrigens sehr hoch.

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  3. Ich saß dort und habe den Festakt über mich ergehen lassen. Mit einiger Verwunderung habe ich den Aufmarsch der "Briefmarken und Münzenempfänger" zur Kenntnis genommen. War irgendwie unwirklich das Ganze! Habe Dich in Deinem Outfit laufen sehen und noch so gedacht: "Frau Pastorin kommt ein klein wenig zu spät!". Nun weiß ich auch warum!

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    1. Und dabei war ich noch nichtmal zu spät. Etwas abgehetzt, aber pünktlich zum Beginn des Festaktes da!

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