Direkt zum Hauptbereich

Wie man eine Pastorin beschäftigt



Er zu ihr: Guck mal, da ist das Pfarramt. Da müssen wir auch nochmal hin.

(Ich sitze draußen vor besagtem Pfarramt und bin gerade ganz konzentriert dabei, eine Krabbe zu basteln - im Rahmen des angebotenen nachmittäglichen Familiencafés.)

Ich: Ja, hier ist das Pfarramt.

Er zu mir: Wann ist denn das Kirchenbüro geöffnet?
Ich: Sprechzeiten sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 9 bis 11.
Er: In Ordnung, dann kommen wir morgen Vormittag wieder.
Ich: Morgen ist Freitag. Da bin ich nicht da, weil ich Besuche im Krankenhaus mache. Aber kann ich Ihnen vielleicht jetzt schon weiterhelfen? 

(Meine halbfertige Krabbe stiert mich inzwischen völlig vorwurfsvoll an, weil ich ihr nicht mehr meine volle Aufmerksamkeit widme. Zumindest bilde ich mir das ein, denn eigentlich hat sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Augen.)

Er: Wir haben hier vor ein paar Jahren zu unserer Goldenen Hochzeit noch einmal geheiratet. In der Kirche. Aber der Pastor damals hat das nicht ins Stammbuch eingetragen. Könnten Sie das nicht tun?
Ich: Wenn das Ihre kirchliche Trauung war, dann muss ich erst die Kirchenbücher einsehen, bevor ich das ins Stammbuch eintragen kann. Das wird etwas dauern.
Er: Nein, unsere kirchliche Trauung ist schon viel länger her. Das war noch mit dem ersten Pastor hier nach dem Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir dann nochmal geheiratet. Aber Ihr Vorgänger hat das nicht ins Stammbuch eingetragen.
Ich: ???
Er: Wir haben im Gottesdienst einen Segen bekommen.
Ich: Ach so, Sie sind anlässlich Ihrer Goldenen Hochzeit im Gottesdienst gesegnet worden.
Er: Ja, und das hätten wir gerne in unserem Stammbuch eingetragen.
Ich: Das ist kein Problem. Das kann ich machen.
Er: Gut, dann holen wir nur eben das Stammbuch.

(Ca. 30 Minuten später sind die beiden mit dem Stammbuch wieder da. Meine Krabbe ist fertiggebastelt und kann mich jetzt noch vorwurfsvoller ansehen, weil sie inzwischen auch Augen hat.)

Ich: Oh, da ist ja gar keine Seite drin, auf der man eine Goldene Hochzeit eintragen kann.
Er: Doch bestimmt. Die muss da irgendwo sein. Zeigen Sie mal her. (...) Sie haben Recht. Das ist gar nicht vorgesehen. Schade. Aber da kann man wohl nichts machen.
Ich: Ich habe da eine Idee. 

(Bin dann die nächsten 30 Minuten damit beschäftigt, eine wirklich hübsche Urkunde auszustellen, nachträglich zur Goldenen Hochzeit. Mit Bild von der Kirche, Trauspruch und Kirchensiegel und allem. Das geht normalerweise schneller. In diesem Fall sind es erschwerte Bedingungen, da ich nebenbei die Lebensgeschichte des Ehepaares erfahre und Mühe habe, mich zu konzentrieren.)

Ich: So, ich habe Ihnen nachträglich noch diese Urkunde ausgestellt. Die können Sie dann ja in Ihr Stammbuch einheften.
Er: Oh, vielen Dank! Dass Sie sich extra wegen uns so viel Mühe gemacht haben! Das ist wirklich eine gute Idee! Da freuen wir uns aber!

(Nachdem ich noch ein bisschen mehr Lebensgeschichte erfahren habe, ist das Ehepaar im Begriff aufzubrechen. Wir schütteln uns die Hand.)

Sie zu mir beim Rausgehen: Das ist wirklich eine schöne Urkunde. So eine haben wir damals von Ihrem Vorgänger auch bekommen!





Kommentare

  1. Danke für ein Schmunzeln am Morgen. So herrlich typisch menschlich ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerne. Ich mag sie auch, diese Geschichten, die das Leben schreibt :-)

      Löschen
  2. Hallo aus NYC. Habe gerade Dein Blog entdeckt und so'n bißchen 'rumgelesen. Gefällt mir gut. Die im Bau befindliche Krabbe die Dich vorwurfsvoll anstierte... das ist doch was!

    AntwortenLöschen
  3. Hallo aus NYC. Habe gerade Dein Blog entdeckt und so'n bißchen 'rumgelesen. Gefällt mir gut. Die im Bau befindliche Krabbe die Dich vorwurfsvoll anstierte... das ist doch was!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Du arbeitest doch nur sonntags

Der Tweet einer Kollegin hat mich sehr nachdenklich gemacht. Sie schrieb, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nach einem 10stündigen Arbeitstag schon Feierabend machte. Erst letzte Woche habe ich einen Zeitungsartikel über eine Pfarrerin mit Burnout gelesen. In den letzten Jahren häuften sich in meinem engeren wie weiteren pastoralen Umfeld die Fälle von Burnout. Ich finde, es wird Zeit, sich nicht nur Gedanken über dieses Problem zu machen, sondern auch darüber zu reden! Und vor allem etwas gegen dieses ungesunde Arbeitspensum zu tun! Denn es ist ja inzwischen medizinisch erwiesen, dass mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche krank machen.
Eigentlich wollte ich über dieses Thema gar nicht losschreiben, weil ich doch schon weiß, was wieder an Reaktionen kommt:  - Ach komm, stell dich nicht so an! - Manchmal muss man eben auch mal etwas mehr machen. - Ich arbeite auch so viel und beschwere mich nicht. - Du wirst schließlich dafür bezahlt! - Du arbeitest doch sowieso nur sonntags
Da …

Hundekacke mit Fähnchen

Ja, die findet man tatsächlich auf Helgoland: Hundekacke mit Fähnchen. Hundekacke mit Zielflagge, um genau zu sein. (Das Original befindet sich hinter  dem Emoji-Haufen auf dem Bildund und war mir zu unappetitlich, um es hier zu zeigen.)

Zum ersten Mal sind mir die mit schwarz-weiß karierten Fähnchen garnierten Hundehaufen kurz vor meinem Urlaub aufgefallen. Ich war selbst gerade auf Hunderunde und mein Pelzgesicht hatte die Haufen natürlich zuerst entdeckt. Durch den Geruch. Nicht durch die Fähnchen. Ich stand eine ganze Weile davor, bewunderte das Kunstwerk und machte mir so meine Gedanken. Wollte jemand auf die Hundehaufen aufmerksam machen, damit niemand reintritt? Eigentlich eine gute Idee, denn diese Haufen lagen zwar am Wegrand und nicht mitten auf dem Weg, aber durchaus in Reichweite unachtsamer Füße.
Oder wollte jemand auf diese Weise seinen oder ihren Unmut kundtun? Jedenfalls fand ich die Markierungsaktion vor ein paar Wochen noch irgendwie witzig. Als ich vorgestern von mein…

Neues aus der Helgoländer Gerüchteküche

Also ohne die Helgoländer Gerüchteküche wäre das Leben auf der Insel schon ziemlich fade! Ich habe lange nicht mehr so herzhaft gelacht wie nach dem Telefongespräch mit einer Schäfchen hütenden Person heute morgen. Die rief nämlich an, weil sie Interesse hatte, meine Nachfolge auf der inseleigenen Pfarrstelle anzutreten. Nicht dass ich meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin einfach selber bestimmen könnte. Da gibt's ja noch ein Kirchenrecht, das entweder Besetzung über den Bischof oder Stellenausschreibung vorschreibt. Aber das kirchliche Stellenbesetzungsprozedere interessiert sowieso nicht, WEIL ICH HIER JA GAR NICHT WEG WILL!
Auch wenn besagtem Amtsgeschwister neulich, bei einem Besuch unserer Insel, mitgeteilt wurde, ich würde demnächst die Insel und die dazugehörige Kirchengemeinde verlassen. Obwohl: Mein Urlaub steht an und es wäre nicht das erste Mal, dass die Leute hier glauben, ich würde nach einer dreiwöchigen Reise nicht wiederkommen. Als ich vor ein paar Jahren unser…