Direkt zum Hauptbereich

Zu viel vorausgesetzt ?!


Wir Menschen setzen zu viel voraus. Mir passiert es ständig, dass Leute voraussetzen, dass ich als Pastorin bestimmte Sachen weiß. Namen zum Beispiel. Ohne, dass sich mir jemand vorgestellt hat, wird vorausgesetzt, dass ich den Namen meines Gegenübers trotzdem kenne. Tue ich aber fast nie. Woher auch, wenn mir der Name nicht verraten wurde. Gerade in meiner Anfangszeit bin ich diversen Leuten begegnet, die ich nicht kannte, weil ich hier ja neu war. Als höflicher Mensch habe ich mich natürlich gleich vorgestellt: Guten Tag, ich bin Pamela Hansen, die neue Pastorin. Antwort: Schweigen. Oder: "Hmpf." Oder: "Hallo." Aber kein: "Hallo, ich bin XY." Das Resultat ist, dass ich immer noch nicht die Namen diverser Insulaner kenne. Weil mir nie jemand verraten hat, wie sie heißen. Auch die betroffenen Personen selbst nicht. Fazit: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht!
(Darf ich eigentlich jemanden als Bekannten bezeichnen, mit dem ich zwar öfter zu tun habe, dessen Namen ich aber nicht kenne???)

Bei Geburtstagsbesuchen ist das auch schon passiert. Es wurde vorausgesetzt, dass die Pastorin selbstverständlich weiß, wer wann wie alt wird und vor allem, wo das große Ereignis gefeiert wird. Ich hätte fast schonmal sämtliche Einsatzkräfte auf der Insel mobilisiert, weil die Familie von Urgroßtante Frieda (Name und Verwandschaftsverhältnis von der Redaktion geändert) versäumt hatte, mir mitzuteilen, dass die altehrwürdige Dame ihren Geburtstag nicht zu Hause feiert sondern in einer der vielen hier vertretenen Lokalitäten. Jedenfalls öffnete niemand die Tür, vor der ich mit Geschenketütchen und erwartungsfroh klopfendem Herzen stand - auch auf mehrfaches willenloses Sturmklingeln nicht. Daraufhin hatte ich gleich diverse Horrorszenarien im Kopf: ein Paar Beine, die unter den Trümmern eines umgestürzten Kleiderschrankes hervorragen, eine Hand, die den überlaufenden Badewannenrand umklammert, ein Blutlache unter dem Küchentisch, usw..
Zum Glück habe ich nicht gleich das SEK alarmiert sondern jemanden, der für mich herausfinden konnte, was sich in Wahrheit zugetragen hatte: Eine nette kleine Geburtstagsfeier, die NICHT zu Hause stattfand. Fazit auch hier: Ihr setzt zu viel voraus, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten eurer Pastorin geht! Das könnte u.U. damit enden, dass für Helgoland Katastrophenarlarm ausgelöst wird.

Bei dem Geburstagsbesuch hatte übrigens auch ich einfach was vorausgesetzt: Dass besagtes betagtes Geburtstagskind nämlich weiß, dass ich ihr an ihrem Ehrentag mit einem Geschenk auf die Pelle rücke. Fazit: Ich hatte zu viel vorausgesetzt, wenn es um die hellseherischen Fähigkeiten meiner Schäfchen geht. Obwohl: Man muss eigentlich nicht hellsehen können, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit eines pastoralen Besuchs an einem hohen runden Geburtstag sehr hoch ist. 

Jedenfalls ist mir in der letzten Zeit aufgegangen, dass ich selber noch viel mehr vorausetze, was ich nicht voraussetzen sollte: Zum Beispiel dass alle Leute wissen, dass in einer Kirche auch Andachten geboten werden und nicht nur Konzerte. 

Oder dass jeder weiß: Sonntagsmorgens um 10:00 Uhr ist Gottesdienst auf Helgoland - und in gaaaaaaaanz vielen Kirchen an gaaaaaaanz vielen Orten auf diesem Planeten auch. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit äußert gering, dass man einen Pastor oder eine Pastorin am Sonntagmorgen zwischen 10:00 und 11:00 Uhr telefonisch erwischt. Es sei denn, das Profischaf hat sein / ihr Handy mit in der Kirche und geht auch ran, wenn's klingelt.

(Ich setzte gerade voraus, dass ihr alle wisst, wen ich mit "Profischaf" meine. Sollte ich nicht, ich weiß. Also hier die Erläuterung: Pastor heißt übersetzt "Hirte". Ich sehe uns Pastorinnen und Pastoren aber nicht so sehr als Hirten. Der einzige qualifizierte Hirte war m.E. Jesus. Wir Pastoren sind aber immerhin die Profischafe in der christlichen Herde. So!)

Oder dass alle wissen, wozu das Glockengeläut eigentlich da ist. Es ist nicht jedem klar, dass in der Kirche vermutlich in näherer Zukunft etwas stattfindet, wenn die Glocken erbarmungslos die Nachbarschaft bebimmeln. Stand da doch neulich eine Frau in der Kirche, die durch das Glockenläuten aufgeschreckt worden war und in die Kirche kam, um zu sehen, was denn da eigentlich los ist. Gnadenlos hat sie dann die Pastorin, die eigentlich gerade mit der Andacht beginnen wollte, in ein Gespräch verwickelt. Die Pastorin hat dann einfach vorausgesetzt, dass die Dame logischwerweise an der Andacht teilnimmt, da sie ja schon in der Kirche war. Falsch vorausgesetzt! Am Ende ging es jedenfalls doch ganz andächtig los, wenn auch mit Verspätung und ohne besagte Dame. Die war nämlich wieder abmarschiert, mit einem Ablaufblatt für eine Andacht in der Hand, an der sie gar nicht teilnehmen wollte. Wenigstens wusste sie, warum die Glocken geläutet hatten. 

Dass viele nicht mehr wissen, dass das Jesus war, der in Bethlehem geboren wurde und nicht Zeus, habe ich inzwischen auch schon mitgekriegt - im Fernsehen. Und ich war ganz erstaunt über die falsche Antwort in der Quizrunde. Ich dachte wirklich, das gehört zur Allgemeinbildung, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Aber: Zu viel vorausgesetzt!

Und da bin ich bei der sogenannten goldenen Regel angelangt: Wenn ich nicht will, dass man mir gegenüber einfach ein bestimmtes Wissen voraussetzt, dann sollte ich das anderen gegenüber auch nicht tun.

Ob ich das hinkriege? 
Ob Kirche das hinkriegt?

Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Krippenspiel und "Wir sind Kirche"

Ich muss da nochmal ein paar weihnachtliche Gedanken zu unserem ausgefallenen Krippenspiel loswerden. Es gibt ziemlich viele Leute, die es ziemlich schade finden, dass es in diesem Jahr auf Helgoland kein Krippenspiel für die Kinder gab. Ich gehöre dazu! Warum das so war, ist schnell erklärt: Ich kann alleine kein ganzes Krippenspiel besetzen so nach dem Motto:
Starring in alphabettical order Engel 1: Pamela Hansen Engel 2: Pamela Hansen Engel 3: Pamela Hansen Engel 4: Pamela Hansen Engel 5: Pamela Hansen Engel 6: Pamela Hansen (Wieviele Engel braucht man eigentlich für die ganzen himmlischen Heerscharen???) Esel: Pamela Hansen Hirte 1: Pamela Hansen Hirte 2: Pamela Hansen Hirte 3: Pamela Hansen Herbergswirt 1: Pamela Hansen Herbergswirt 2: Pamela Hansen Josef: Pamela Hansen König 1: Pamela Hansen König 2: Pamela Hansen König 3: Pamela Hansen Maria: Pamela Hansen Ochse: Pamela Hansen Schaf 1: Pamela Hansen Schaf 2: Pamela Hansen Schaf 3: Pamela Hansen
Mein schauspielerisches Talent kann sich zwar sehen lasse…

Du arbeitest doch nur sonntags

Der Tweet einer Kollegin hat mich sehr nachdenklich gemacht. Sie schrieb, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nach einem 10stündigen Arbeitstag schon Feierabend machte. Erst letzte Woche habe ich einen Zeitungsartikel über eine Pfarrerin mit Burnout gelesen. In den letzten Jahren häuften sich in meinem engeren wie weiteren pastoralen Umfeld die Fälle von Burnout. Ich finde, es wird Zeit, sich nicht nur Gedanken über dieses Problem zu machen, sondern auch darüber zu reden! Und vor allem etwas gegen dieses ungesunde Arbeitspensum zu tun! Denn es ist ja inzwischen medizinisch erwiesen, dass mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche krank machen.
Eigentlich wollte ich über dieses Thema gar nicht losschreiben, weil ich doch schon weiß, was wieder an Reaktionen kommt:  - Ach komm, stell dich nicht so an! - Manchmal muss man eben auch mal etwas mehr machen. - Ich arbeite auch so viel und beschwere mich nicht. - Du wirst schließlich dafür bezahlt! - Du arbeitest doch sowieso nur sonntags
Da …

Packender Unterricht geht wie?

Ich habe meine Konfis rausgeschmissen. Ich habe wirklich, wirklich, ehrlich meine Konfis rausgeschmissen! Das macht mich völlig fertig! Das kommt nämlich superselten vor! Eigentlich fast nie. Und dass es jetzt doch passiert ist, sollte euch sagen, dass Helgoland echt in Not ist!!!
Ich wollte eigentlich in das Thema "Bibel" einsteigen und bin gerade mal bis dahin kommen, dass die Bibel ein Buch ist, das im Grunde aus zwei Büchern besteht: dem Alten Testament und dem Neuen Testament. Und dann musste ich sie rauswerfen, weil nix mehr ging.
Ich gräme mich gerade furchtbar, weil ich die ganze Sache mit dem Bibelthema wohl anders hätte aufziehen sollen: Die Konfis "da abholen, wo sie gerade sind", wie es im theologisch - pädagogischen Fachjargon so schön heißt. 


Ich hätte ja die Tatsache, dass es sich bei der Bibel um ein Buch handelt, weglassen können, weil Bücher ja sowieso toootaaal langweilig sind. Stattdessen hätte ich meinen Konfis erzählen können, dass die Bibel sowa…