Direkt zum Hauptbereich

Karfreitag

Ich weiß auch nicht, warum ich gerade für den Karfreitagsgottesdienst immer alles so perfekt haben muss. Wahrscheinlich, weil es ja irgendwie was von Beerdigung hat. Bei Beerdigungen darf auch bloß nichts schiefgehen. Aber irgendwas geht ja immer schief in Gottesdiensten. Bei mir jedenfalls. 

So war es denn heute die Technik, die mir das Leben schwer machte. Ich hatte für den Predigtteil des Gottesdienstes die Bilder und Texte aus dem Ökumenischen Jugendkreuzweg 2015 vorgesehen. Leider ist meine Leinwand nicht so groß, wie ich sie gerne hätte. Und leider ist unsere Kirche viel größer, als ich sie heute gerne gehabt hätte. Jedenfalls waren die Bilder viel zu klein in der großen Kirche - fand ich. Nach langem Hin- und Herjustieren standen Beamer und Leinwand dann so, wie ich sie haben wollte. Die Bilder waren einigermaßen gut zu sehen. Und dann fiel mir doch noch ein, Herrn K. mal zu fragen, wo denn der Chor eigentlich stehen sollte. Natürlich genau hinter (!) der Leinwand. Na super! Das bedeutete: Auf- und Abbau während des Gottesdienstes. Leinwand erst aufbauen, nachdem der Chor das erste Lied gesungen hat. Leinwand abbauen, bevor der Chor das zweite Lied singt. Der Beamer konnte natürlich auch erst nach dem ersten Chorlied angeschaltet werden und musste vor dem nächsten Chorlied wieder aus sein, damit er die Sänger beim Singen nicht "anbeamt".  Aber: Der Beamer lässt das nicht leise über sich ergehen. Er macht leider beim An- und Ausschalten immer so komische Musik, die weder zum Chor noch zu Karfreitag und schon gar nicht in einen Gottesdienst passt. Ich bin bis heute nicht dahinter gestiegen, wie man die komische Musik abstellt. 

Das alles passte mir so gar nicht in den Kram. Bis eine Stunde vor Gottesdienstbeginn zermarterte ich mir noch das Hirn, wie das Problem zu lösen sei, aber mir fiel einfach nichts ein. Und ich war völlig frustriert. Irgendwo lief mir auch noch ein Text über den Weg, in dem es darum ging, dass Karfreitag eine Menge mit Scheitern zu tun hat. Ich dachte nur: Ich will aber jetzt mit meinen Kreuzwegbildern im Gottesdienst nicht scheitern!

Und dann hatte ich plötzlich den jüdischen Gebetsschal in der Hand, den ich in den USA von Freunden als Abschiedsgeschenk bekommen hatte. So ein Gebetsschal ist eigentlich wie ein kleines Zelt, in dem man sich mit Gott trifft. Und genau das habe ich dann getan: mich unter den Schal verkrümelt, zusammen mit Gott - nur er und ich. Und dann habe ich ihm erstmal alles um die Ohren gehauen, was ich über das Thema "Scheitern" denke - in Bezug auf Gottesdienstvorbereitung und überhaupt. 

Auf einmal war dann alles egal: Die Bilder, der Beamer, die Leinwand, mein Frust, mein Ärger. Alles, was zählte, war das, was uns der Karfreitag sagen will. Oder was ich denke, was Gott mir in "unserem Zelt" über Karfreitag sagen wollte: Christus trägt mit seinem Kreuz nicht nur unsere Schuld und unser Scheitern. Christus trägt uns überhaupt. Wir sind getragen und geliebt. Punkt.



So bin ich dann in den Karfreitagsgottesdienst marschiert. Der Beamer hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, noch einen obendrauf zu setzen, und die Bilder viel größer auf die viel zu kleine Leinwand zu werfen, als die Vorabeinstellung vorsah. Aber das war egal. Der Auf- und Abbau war auch egal. Genauso wie die komische Musik, die der Beamer beim An- und Ausmachen macht. Dafür hat der Chor umso schöner gesungen. Dafür waren die gemeinsamen Gebete viel eindrucksvoller, als die gezeigten Bilder. Selbst die Bilder hatten was: Obwohl sie aufgrund falscher Einstellung über die Leinwand hinausschossen, stand immer genau der richtige Teil des Bildes im Fokus. Zuzusehen, wie die Gottesdienstbesucher Steine unter das Kreuz legten als Symbol für das, was sie beschwert und niederdrückt, hat mich tief berührt - mehr als das Ablegen meines eigenen Steines. Den hatte ich ja gewissermaßen vorher schon abgelegt, unter meinem Gebetsschal.

Und am Ende dann die Feststellung: Nächstes Jahr machen wir es wieder genauso. Weil einfach alles richtig war. 

Kommentare

  1. Danke!
    Meine "Gebetsschalzeit" war in der Küche - leider erst nach dem Gottesdienst....
    Herzlich
    Birgitta

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Hundekacke mit Fähnchen

Ja, die findet man tatsächlich auf Helgoland: Hundekacke mit Fähnchen. Hundekacke mit Zielflagge, um genau zu sein. (Das Original befindet sich hinter  dem Emoji-Haufen auf dem Bildund und war mir zu unappetitlich, um es hier zu zeigen.)

Zum ersten Mal sind mir die mit schwarz-weiß karierten Fähnchen garnierten Hundehaufen kurz vor meinem Urlaub aufgefallen. Ich war selbst gerade auf Hunderunde und mein Pelzgesicht hatte die Haufen natürlich zuerst entdeckt. Durch den Geruch. Nicht durch die Fähnchen. Ich stand eine ganze Weile davor, bewunderte das Kunstwerk und machte mir so meine Gedanken. Wollte jemand auf die Hundehaufen aufmerksam machen, damit niemand reintritt? Eigentlich eine gute Idee, denn diese Haufen lagen zwar am Wegrand und nicht mitten auf dem Weg, aber durchaus in Reichweite unachtsamer Füße.
Oder wollte jemand auf diese Weise seinen oder ihren Unmut kundtun? Jedenfalls fand ich die Markierungsaktion vor ein paar Wochen noch irgendwie witzig. Als ich vorgestern von mein…

Trauerfeiern für Ausgetretene

Habt ihr eigentlich eine Ahnung, was ihr mir antut, wenn ihr so mir nichts, dir nichts aus der Kirche austretet und dann auch noch den Nerv habt, zu sterben?!
Nein, habt ihr nicht, denn sonst würdet ihr euch das sicher nochmal überlegen. Das mit dem Kirchenaustritt meine ich.
Mir verursacht es immer eine Menge seelischen Stresss, wenn Angehörige von ausgetretenen Verstorbenen bei mir auf der Matte stehen und eine kirchliche Trauerfeier wollen. Da stecke ich nämlich schon gleich in der Klemme, weil ich einerseits gerne die Bedürfnisse der trauernden Hinterbliebenen berücksichtigen möchte, die einen Abschied brauchen, und andererseits aber auch den Willen der verstorbenen Person nicht über Bord schmeißen will, die ja nunmal ausgetreten ist, eine kirchliche Trauerfeier vielleicht wirklich nicht gewollt hätte und sich nun ja nicht mehr wehren kann.
Solche Verstorbenen gibt es wirklich. Nicht alle treten wegen des Geldes aus sondern durchaus auch aus Glaubensgründen, bzw. aus Gründen des nich…

Diebstahl total sophisticated

Es ist ja faszinierend, welche Ausdrucksformen die kriminelle Energie in unserer Kirche manchmal findet. Da werden Sachen auf Weisen geklaut, auf die ich nie käme. Gut, nun käme ich sowieso nicht darauf, überhaupt irgendwas zu klauen. Aber gesetzt den Fall, ich wäre total mission-impossible-mäßig drauf, wäre ich trotzdem nicht auf die Täuschungsmanöver gekommen, die in unserer Kirche bisweilen angewendet werden, um sich unerkannt des Interieurs zu bemächtigen.
Einer der Diebe, die bei uns ein-und ausgehen, wollte an das Geld im Kollektenkasten. Dazu hat er den ganzen Kollektenkasten abgebaut und mitgenommen. Aber nicht nur das! Er (oder sie - Geschlecht ist eigentlich unbekannt) hat sich doch tatsächlich die Mühe gemacht, einen optisch ähnlichen Kasten zu beschaffen und diesen mit viel handwerklichem Geschick an der Stelle anzubringen, an der der alte, mit Geld prall gefüllte Kollektenkasten hing. Und soll ich euch was sagen: Der Plan ging auf! Lange Zeit hat niemand gemerkt, dass das …