Samstag, 25. April 2015

Nochmal zum Thema Gottesdienst

Ich habe letzte Woche einen Artikel gelesen mit dem Titel "Scham und Peinlichkeit in Gottes Haus" von Pastorin Kolwe-Schweda. Diesen Artikel hat mir ein befreundeter Pastor mitgebracht und wir haben uns beim Frühstück ganz angeregt darüber unterhalten. Und das, obwohl ich morgens eigentlich noch gar nicht so gesprächig bin. Musste mir dann auch den Kommentar anhören: Du redest zu viel für diese Uhrzeit! Das mag damit zu tun haben, dass ich zwar viel von mir geben wollte, aber noch nicht so ganz in der Lage war, zusammenhängende Sätze rauszubringen. Aber egal. Wir waren beim Thema "Gottesdienst".

Jedenfalls geht es in besagtem Artikel um den "Bedeutungsschwund" in Gottesdiensten. Weil kaum noch jemand hingeht. Naja, jedenfalls zu bestimmten Gottesdiensten. Andere sind durchaus gut besucht. Die wenigen Leute, die teilnehmen, fühlen sich dann sowas von unwohl, weil sie nur so eine kleine Truppe sind. Und hier entsteht dann ein Gefühl von Scham und Peinlichkeit - bei Pastoren und auch bei Gottesdienstbesuchern. Die Besucher wollen eigentlich sofort wieder gehen, wenn sie sehen, dass außer ihnen niemand da ist. Und Pastorin steckt in dem Dilemma, entweder die "Opfer" zu zwingen, das jetzt durchzustehen oder die Aktion abzublasen. Ich selber kenne das auch. Bestes Beispiel sind unsere donnerstäglichen, meistens ziemlich schlecht besuchten, Taizé Andachten. Im Prinzip habe ich keine Last damit, so ein Taizé Gebet auch ganz alleine durchzuziehen. Ich mache das gerne und im Grunde ist es mir schnurzpiepegal, ob außer mir noch jemand da ist. Gott ist ja da und ich auch. Eigentlich reicht das. Schöner ist es aber natürlich in Gemeinschaft - in GROSSER Gemeinschaft. Gemeinschaft ist schließlich das, was Kirche ausmacht. Und das sehen die Besucher einer solchen Andacht auch so.

Wenn nämlich nur ein oder zwei Leute auftauchen, ist denen das nicht schnurzpiepegal, dass sie die einzigen Gottesdienstbesucher sind. Im Gegenteil. Man kann ihnen ansehen, dass sie am liebsten gleich wieder gehen würden. Und ich stecke dann in besagtem Dilemma: Soll ich die Besucher von ihrer Pein erlösen und die ganze Veranstaltung einfach ausfallen lassen? Oder soll ich, wie geplant, die Andacht feiern und so die Besucher ebenfalls einem Dilemma aussetzen? Denn es könnte ja als unhöflich rüberkommen, wenn sie einfach wieder verschwinden. Außerdem hat Frau Pastorin sich doch so viel Mühe gegeben, das alles vorzubereiten. Aber nur zu zweit oder zu dritt eine Andacht feiern wollen sie auch nicht. Auch wenn es zehmal in der Bibel heißt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen." Es fühlt sich einfach blöd an, weil einem das Gefühl vermittelt wird: Was für mich so wichtig ist, hat für niemanden sonst eine Bedeutung.

Eine weitere Gelegenheit für "Scham und Peinlichkeit" in der Kirche gab es auch schon wieder am letzten Mittwoch. Da war nämlich nur eine Besucherin zum offenen Singen da. "Bin ich etwa die Einzige?", kam dann auch prompt als Reaktion. Der leicht panische Unterton war nicht zu überhören. Ja, war sie - neben unserem Jugendpfleger und meiner Wenigkeit. Wir haben unser Programm, wie vorgesehen durchgezogen. Hätten wir auch gemacht, wenn niemand gekommen wäre (nicht nur, weil ich solche Übungseinheiten mit der Gitarre dringend brauche). Aber ich habe schon gemerkt, wie unangenehm der Besucherin dieses offene Singen zu dritt war. Und mir ging ständig durch den Kopf: Die arme Frau. Die wäre doch jetzt viel lieber ganz woanders.

Eine Möglichkeit, Abhilfe zu schaffen, wäre es, aus der "Stammbesatzung" der Kirchengemeinde ein paar Leute zu rekrutieren, die regelmäßig an solchen Veranstaltungen teilnehmen und am besten noch je eine weitere Person mitbringen, um die Reihen zu füllen - und ja: Gemeinschaft zu leben. Beim offenen Singen ist das auch fast immer so. Letzte Woche waren nur alle "Reihenfüller" verhindert. Allerdings muss ich mal klarstellen, dass sie nicht zum offenen Singen kommen, um die Reihen zu füllen, sondern weil es ihnen Spaß macht! Es bedeutet ihnen etwas. Das Reihenfüllen ist lediglich ein positiver Nebeneffekt. 

Am ersten Weihnachtstag klappt das übrigens gar nicht. Böse Zungen behaupten, der 25. Dezember sei hier das "Fest der leeren Kirchenbänke". Im vorletzten Jahr waren wir, glaube ich, zu siebent - Küsterin, Lektor, Organistin, Sopranistin und Pastorin inklusive. Ich kam mir vor wie im falschen Film und fragte mich: weiß denn hier keiner, was für ein wichtiger Tag heute ist??? Es ist doch Weihnachten!!! Und das muss mit einem ordentlichen Festgottesdienst gebührend gefeiert werden. Das fanden immerhin sieben Leute. Wir haben dann aber doch beschlossen, der weihnachtlichen Quälerei ein Ende zu setzen und stattdessen am 26. Dezember "Lieder und Lesungen bei Kerzenschein" anzubieten. Und siehe da: Die Kirche war voll! Und jetzt kommt an dieser Stelle mein großes ABER: Der eigentliche Weihnachtstag ist doch einen Tag vorher. Ja, wir nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen, die lieber Musik und weihnachtliche Texte am zweiten Weihnachtstag haben möchten als einen Festgottesdienst am ersten Weihnachtstag. Aber was ist dann mit der Bedeutung von Weihnachten? (Jaja, ich weiß schon, dass Jesus nicht wirklich in der Nacht zu einem 25. Dezember auf die Welt kam. Aber es geht hier um mehr als nur ein Datum.)

Generell hat also eine Taizé Andacht oder das offene Singen oder ein Gottesdienst eine Bedeutung für die Leute die hingehen. Sonst wären sie ja nicht da. Aber wenn der Besuch einer Veranstaltung in Irritation und Peinlichkeit endet, dann ist die Gefahr groß, dass für die Teilnehmenden die Bedeutung verlorengeht. Die Bedeutung verschwindet möglicherweise auch in der Versenkung, wenn eine Kerngruppe "nur" hingeht, um die Reihen zu füllen. Das Ganze wird dann schnell zu einer lästigen Pflicht. Die Bedeutung schwindet ebenfalls, wenn zu schnell gesagt wird: Dann machen wir eben was anderes. Was also tun?

Mein befreundeter Pastor und ich haben also, wie schon erwähnt, ausgiebig darüber diskutiert, wie wir am besten mit dem Bedeutungsschwund umgehen können. Ziemlich schwere Kost so früh morgens beim Frühstück! Vielleicht zu schwer, denn eine Lösung für das Problem haben wir nicht gefunden. Leider hat auch Frau Pastorin Kolwe-Schweda in ihrem Artikel keine Antworten parat. Vielleicht, weil sie möchte, dass wir an ihrem Seminar teilnehmen, das sie zu diesem Thema anbietet? ;-)






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