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Es klingelt ...

... an der Wohnungstür. Als ich die Tür aufmache, ist die Person schon fast wieder durch den Pastoratseingang nach draußen verschwunden. Ich schwöre: Dieses Mal habe ich nicht so lange gebraucht, um die Tür aufzumachen, wie beim letzte Mal!!! Hatte sogar noch die Teppichbürste in der Hand, weil ich gerade dabei war, den Teppich von Jessies Fell-Ausfällen zu befreien. Jedenfalls bemerkt er (ein Herr mit Wollmütze), dass doch jemand da ist und dreht sich um.

Er (vorwurfsvoll): Die Klingel draußen geht nicht.
Ich (total entspannt): Nö, die geht nicht.

Einer meiner Vorgänger hat die Klingel zur Dienstwohnung sabotiert, von wegen der Privatsphäre und so. Ist ja auch blöd, wenn die Kinder aus dem Mittagsschlaf gerissen werden oder die Bewohner des Hauses noch nicht angezogen oder schon bettfertig sind. Jedenfalls bin ich nie dazu gekommen sie zu reparieren. Muss ja auch nicht sein, denn drinnen an der Wohnungstür gibt es noch eine Klingel und die funktioniert (wie der Herr in Wollmütze herausgefunden hat). 

Außerdem sorge ich dafür, dass die Eingangstür zum Pastorat immer auf ist, seit ich mir bei einem nächtlichen Feuerwehreinsatz mal ganz furchtbar den Kopf angehauen habe. Einer meiner Kirchengemeinderäte (selber Feuerwehrmann, man glaubt es kaum!) hatte die Eingangstür abgeschlossen, damit meine Privatsphäre gewahrt bleibt. Er hat es wirklich gut gemeint, aber wenn nachts der Pieper geht, rechne ich doch nicht damit, dass da eine Tür abgeschlossen sein könnte! Das hat 'ne ordentliche Beule gegeben und seitdem sorge ich dafür, dass ich freie Bahn habe! Und somit hat natürlich auch jeder andere freie Bahn, der mich aus meiner Wohnung klingeln möchte. Gut ich gebe zu, dass das schon etwas mehr Mühe macht, als einfach draußen zu klingeln, aber es funktioniert.

Meine nicht funktionierende Außenklingel ist aber gar nicht das Anliegen des Herrn in Wollmütze. Sein Anliegen ist der Zugang zur Kirche. Erstmal fragt er aber noch, ob er mich beim Putzen gestört hätte (er hat die Teppichbürste in meiner Hand entdeckt). Das Putzen trifft wohl zu, trotzdem verneine ich die Frage, denn beim Putzen kann man mich gar nicht stören. So begeistert bin ich davon auch wieder nicht.

Er (in einem sehr charmanten schweizer Akzent): Ich würde mir gerne die Kirche ansehen, können Sie sie mir aufschließen?
Ich: Das geht leider nicht. Im Moment ist Winterkirche, damit wir Heizkosten sparen, und die Kirche ist noch bis März geschlossen.
Er: Können Sie für mich nicht eine Ausnahme machen? Sie müssen ja für mich auch nicht extra heizen.
Ich: Nein, das kann ich leider nicht. Dann müsste ich bei jedem, der fragt, eine Ausnahme machen, und das geht nicht. (Ich versuche gar nicht erst zu erklären, dass ich nicht extra seinetwegen heizen muss, weil die Kirche durchaus geheizt ist wegen der Instrumente, aber dass jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, wieder kalte, feuchte Luft in die Kirche kommt, und, und, und, ...)
Er: Sie sind aber streng! Können Sie nicht doch so nett sein und mir aufschließen?
(Ich? Streng? Ich sorge doch nur dafür, dass die Beschlüsse des Kirchengemeinderates umgesetzt werden.)
Ich: Nein, tut mir leid.
Er: Aber ich bin den ganzen Weg aus der Schweiz hergekommen.
Ich: Wie gesagt, es geht nicht. Aber dann ist das ja eine gute Gelegenheit für Sie, wiederzukommen und Helgoland nochmal zu besuchen. (Na, liebe Kurverwaltung, habe ich da gut Werbung gemacht, oder was?!)

Irgendwann hat er dann aufgegeben und ist seines Weges gezogen. Es tat mir auch wirklich leid, so einem freundlichen Herrn aus der Schweiz einen Korb in Sachen Kirchenbesichtigung geben zu müssen. Seine Freundlichkeit hat mich fast schon überrascht. Meistens werden die Leute unfreundlich, wenn sie nicht kriegen, was sie wollen. Ich hatte da mal richtig Streit mit einem Ehepaar wegen der Orgel. SIE wollte unbedingt auf unserer Orgel spielen. ER wurde vorgeschickt, um zu fragen, ob ich denn mal eben die Orgelempore aufschließen könnte.

Bin ich da schief gewickelt, oder hätte die erste Frage nicht lauten müssen: Darf meine Frau sich mal an Ihre Orgel setzten? Oder so ähnlich. Mit einer Engelsgeduld habe ich versucht, zu erklären, warum das nicht geht und meinen ganzen Katalog von Begründungen ausgebreitet. Die kann ich inzwischen schon im Schlaf runterrappeln, denn gerade im Sommer stehen bei mir so zehn Leute pro Woche auf der Matte, die unbedingt auf unserer Orgel spielen wollen. SIE war inzwischen dazugekommen und ich musste (mal wieder) einiges an Beschimpfungen über mich ergehen lassen. Sie sei ja schließlich selber Organistin an irgendeiner wichtigen Kirche in irgendeiner wichtigen Stadt in Deutschland und es wäre ja das letzte, dass sie hier nicht Orgel spielen dürfte. (Genau! Freie Orgelemporen für freie Bürger!)

Ich wollte mich auch schon immer mal im Hamburger Michel an die Orgel setzen und darauf herumspielen. Ob die mich lassen? Wenn ich sage, ich wäre selber Organistin, dann doch ganz bestimmt! Ich kann zwar nicht Orgel spielen, trotzdem ist das total cool, mal im Hamburger Michel an der Orgel zu sitzen. Aber wenn ich ehrlich hin, dann glaube ich nicht, dass die mich an ihre Orgel lassen würden, selbst wenn ich wirklich Organistin wäre. Obwohl: Ich könnte es ja mal versuchen mit "Aber ich bin doch den ganzen Weg von Helgoland hergekommen".

Jedenfalls habe ich beschlossen, in meinem nächsten Urlaub auch mal diese Tricks und Kniffe anzuwenden, um meinen Touri-Willen durchzusetzen. 

Bisher habe ich es nämlich immer schön brav akzeptiert, wenn eine Kirche abgeschlossen war und habe nicht den Pastor aus seiner Wohnung geklingelt, damit er mir aufschließt. Naiv wie ich bin, habe ich immer gedacht, dass das wohl seinen Grund hat, wenn eine Kirche zu ist. Hüttenwirte habe ich auch noch nie genervt, wenn ich auf Wandertour war und eine Hütte verschlossen vorgefunden habe. Aber das geht ja auch gar nicht, denn die Hütten stehen meistens oben auf einem Berg und die Hüttenwirte sind, wenn sie nicht da sind, unten im Tal. Der Weg runter ins Tal und wieder rauf auf den Berg wäre mir dann aber doch zu weit. 

Ich bin bisher auch noch nie auf die Idee gekommen, bei fremden Leuten zu klingeln und zu fragen, ob ich mich bei denen mal eben ans Klavier setzen darf. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich gar nicht Klavier spielen kann. Aber vielleicht wäre das die Gelegenheit, es endlich zu lernen: Dingdong! Guten Tag, ich würde mich gerne mal an Ihr Klavier setzen. Und könnten Sie mir bei dieser Gelegenheit gleich beibringen, wie man darauf spielt?



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