Direkt zum Hauptbereich

Zeit totschlagen


Um 23:15 Uhr!!!

Ich bin ja nur froh, dass wir pro Jahr bloß drei Mitternachtsgottesdienste feiern. Die Mitternachtsgottesdienste heißen nicht Mitternachtsgottesdienste, weil sie um Mitternacht anfangen. Die Mitternachtsgottesdienste heißen Mitternachtsgottesdienste, weil sie bis Mitternacht gehen (mindestens, je nachdem, was Frau Pastorin so alles von der Kanzel aus zu erzählen hat). Die Bezeichnung "Mitternachtsgottesdienst" finde ich richtig gut, denn das klingt nach "sehr, sehr spät", auch wenn der Mitternachtsgottesdienst nicht erst um Mitternacht anfängt. Eine Stunde vor Mitternacht ist schon spät genug. Weshalb ich so froh bin, dass so ein Mitternachtsgottesdienst bei uns nur dreimal im Jahr vorkommt: An Weihnachten, an Ostern und zum Jahrestag der Wiederfreigabe Helgolands. 

Der Wiederfreigabe-Gottesdienst ist richtig heftig, denn der fängt sogar erst um 23.15 Uhr an! (Christnacht und Osternacht sind dagegen voll früh: schon um 23.00 Uhr!) Ich stehe dann immer vor der schweren Aufgabe, mich solange noch wachzuhalten. Ich habe es in der Vergangenheit damit versucht, mich vorher nochmal ein Stündchen aufs Ohr zu hauen und etwas vorzuschlafen. Aber das klappt nicht. Das mit dem aufs Ohr hauen schon, aber das mit dem Schlafen nicht. Bin immer viel zu aufgeregt. Und: Mein Hirn ist auch viel zu aufgeregt. Anstatt abzuschalten, nudelt es die ganze Zeit den Gottesdienstablauf und die Predigt durch. Also könnte ich auch einfach wach bleiben. Wenn ich nur nicht so müde wäre! Ich hab' ja meistens schon einen ganzen, ganz normalen Arbeitstag hinter mir. Das bedeutet, dass mir mein Biorythmus irgendwann lautstark verkündet: Jetzt ist Kleine-Pastoren-Bettgeh-Zeit!!! Also bleibt nur eins: Mit Kaffee zuschütten, bis der Arzt kommt (bzw. bis die vor-mitternächtliche Stunde kommt). 

Wogegen der Kafffe allerdings nicht hilft, sind die akute Lustlosigkeit und die fast schmerzhaften Ich-hab'-da-jetzt-echt-keinen-Bock-drauf-Anfälle. Diese Anfälle verstärken sich drastisch, wenn mir zwischendurch einfällt, dass ich ja auch am nächsten Morgen noch wieder einen Gottesdienst habe. Was wenigstens ein bisschen hilft, ist das Wissen, dass ich damit nicht alleine dastehe. Allen im Gottesdienst aktiven Musikern, Lektoren, Küstern usw. geht es ja genauso.  Vielleicht sollten wir eine Selbsthilfegruppe gründen: AMGF - Anonyme Mitternachtsgottesdienstfeierer. Oder so. Dann könnten wir uns wenigstens gemeinsam bis zum Gottesdienstbeginn mit Kaffee zuschütten und Strategien entwickeln, wie man am besten die Zeit totschlägt. In einer meiner Gemeinden in den USA haben wir das tatsächlich mal so gemacht. Wir haben die Zeit zwischen den fünf Gottesdiensten am Heiligabend mit viel gutem Essen, vielen guten Gesprächen und noch viel mehr (nicht so gutem) Kaffee verbracht, weil es sich einfach nicht lohnte, zwischendurch nach Hause zu fahren. War richtig nett!

Aber bis sich hier sowas etwabliert, muss ich wohl oder übel alleine zusehen, wie ich es schaffe, die Zeit bis zum Mitternachstgottesdienst durchzustehen.

Was mich allerdings immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass ich solche Mitternachtsgottesdienste richtig klasse finde, wenn ich erstmal dabei bin. Ganz oft habe ich hinterher schon gedacht: Das ganze Zeittotschlagen hat sich doch gelohnt! Es war mal wieder wunderschön! (Wenn ich überhaupt irgendwas gedacht habe. Genauso oft habe ich einfach nur das warme Gefühl der Dankbarkeit genossen, das so ein Gottesdienst in meinem Inneren gerne hinterlässt.)
Und ich bin mir sicher, dass es mir heute nicht anders gehen wird, wenn ich nach dem Gottesdienst der großen Helgolandglocke zuhöre, wie sie den 1. März und damit den 63. Jahrestag der Wiederfreigabe Helgolands einläutet. Ein bisschen Gänsehaut wird auch mit dabei sein - nicht nur weil die große Glocke mit dabei ist, sondern auch, nein, eigentlich ganz besonders (!), weil Gott zu einem solchen Ereignis mit dabei ist. Und darauf freue ich mich schon! 


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Krippenspiel und "Wir sind Kirche"

Ich muss da nochmal ein paar weihnachtliche Gedanken zu unserem ausgefallenen Krippenspiel loswerden. Es gibt ziemlich viele Leute, die es ziemlich schade finden, dass es in diesem Jahr auf Helgoland kein Krippenspiel für die Kinder gab. Ich gehöre dazu! Warum das so war, ist schnell erklärt: Ich kann alleine kein ganzes Krippenspiel besetzen so nach dem Motto:
Starring in alphabettical order Engel 1: Pamela Hansen Engel 2: Pamela Hansen Engel 3: Pamela Hansen Engel 4: Pamela Hansen Engel 5: Pamela Hansen Engel 6: Pamela Hansen (Wieviele Engel braucht man eigentlich für die ganzen himmlischen Heerscharen???) Esel: Pamela Hansen Hirte 1: Pamela Hansen Hirte 2: Pamela Hansen Hirte 3: Pamela Hansen Herbergswirt 1: Pamela Hansen Herbergswirt 2: Pamela Hansen Josef: Pamela Hansen König 1: Pamela Hansen König 2: Pamela Hansen König 3: Pamela Hansen Maria: Pamela Hansen Ochse: Pamela Hansen Schaf 1: Pamela Hansen Schaf 2: Pamela Hansen Schaf 3: Pamela Hansen
Mein schauspielerisches Talent kann sich zwar sehen lasse…

Du arbeitest doch nur sonntags

Der Tweet einer Kollegin hat mich sehr nachdenklich gemacht. Sie schrieb, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie nach einem 10stündigen Arbeitstag schon Feierabend machte. Erst letzte Woche habe ich einen Zeitungsartikel über eine Pfarrerin mit Burnout gelesen. In den letzten Jahren häuften sich in meinem engeren wie weiteren pastoralen Umfeld die Fälle von Burnout. Ich finde, es wird Zeit, sich nicht nur Gedanken über dieses Problem zu machen, sondern auch darüber zu reden! Und vor allem etwas gegen dieses ungesunde Arbeitspensum zu tun! Denn es ist ja inzwischen medizinisch erwiesen, dass mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche krank machen.
Eigentlich wollte ich über dieses Thema gar nicht losschreiben, weil ich doch schon weiß, was wieder an Reaktionen kommt:  - Ach komm, stell dich nicht so an! - Manchmal muss man eben auch mal etwas mehr machen. - Ich arbeite auch so viel und beschwere mich nicht. - Du wirst schließlich dafür bezahlt! - Du arbeitest doch sowieso nur sonntags
Da …

Packender Unterricht geht wie?

Ich habe meine Konfis rausgeschmissen. Ich habe wirklich, wirklich, ehrlich meine Konfis rausgeschmissen! Das macht mich völlig fertig! Das kommt nämlich superselten vor! Eigentlich fast nie. Und dass es jetzt doch passiert ist, sollte euch sagen, dass Helgoland echt in Not ist!!!
Ich wollte eigentlich in das Thema "Bibel" einsteigen und bin gerade mal bis dahin kommen, dass die Bibel ein Buch ist, das im Grunde aus zwei Büchern besteht: dem Alten Testament und dem Neuen Testament. Und dann musste ich sie rauswerfen, weil nix mehr ging.
Ich gräme mich gerade furchtbar, weil ich die ganze Sache mit dem Bibelthema wohl anders hätte aufziehen sollen: Die Konfis "da abholen, wo sie gerade sind", wie es im theologisch - pädagogischen Fachjargon so schön heißt. 


Ich hätte ja die Tatsache, dass es sich bei der Bibel um ein Buch handelt, weglassen können, weil Bücher ja sowieso toootaaal langweilig sind. Stattdessen hätte ich meinen Konfis erzählen können, dass die Bibel sowa…