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Je suis chrétienne!


Heute ist der Karnevalsumzug in Braunschweig abgesagt worden, gestern war es der Anschlag in Kopenhagen, davor der Anschlag in Paris. Ständig hört, sieht und liest man über den Terror der Islamisten. Da bin ich heute echt nicht in der Stimmung, nette Geschichten aus dem Helgoländer Pastorat zu erzählen.

Dafür mache ich mir gerade ganz, ganz viele Gedanken, wälze Fragen in meinem Kopf herum und versuche, Antworten zu finden.

Ich habe deshalb heute morgen um halb zehn auch schon meine Predigt kurzerhand über den Haufen geschmissen. Und habe mir die Seele aus dem Leib gepredigt. (Naja, die Seele ist noch zum Glück noch da, aber ich habe alles gegeben): Zum Thema "Meinungsfreiheit", zum Thema "Liebe", zum Thema "Wie gehen wir Menschen miteinander um?", zum Thema "Was lebt Jesus uns vor?" Und dabei geistern da immer noch mehr große Fragen als Antworten in meinem kleinen Kopf rum.

Ich habe am Freitag die Sendung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" gesehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten heiteren Vorträge einen ganz ernsten Beigeschmack hatten. Am Ende eines Vortrags hielt ein Redner ein Schild hoch mit der Aufschrift "Je sius Charlie" - "Ich bin Charlie".

Ich habe mich das natürlich schon vor Freitag gefragt und frage es mich immer noch:
Kann ich das für mich auch sagen? Bin ich Charlie? 
Ich kann darauf keine klare Antwort geben, bzw. habe ich mehr als nur eine Antwort auf diese Frage:
Ja: Ich bin Charlie, wenn es darum geht, nicht Opfer zu sein.
Ja: Ich bin Charlie, wenn es darum geht, Terror und Gewalt nicht zu akzeptieren.
Ja: Ich bin auch Charlie, wenn es darum geht, für unsere Meinungsfreiheit einzutreten.
Nein: Ich bin nicht Charlie, wenn es darum geht, meine Meinungsfreiheit soweit auszureizen, dass es andere Menschen verletzt.

Nicht nur Taten können verletzen, Worte und Bilder können es auch. Versteht mich jetzt nicht falsch: Ich will damit NICHT sagen, dass Karrkiaturisten und Satiriker es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn man mit Terrorakten auf sie losgeht, weil sie es ja provoziert haben. Das wäre absoluter Bullshit, genauso wie es absoluter Bullshit ist, einer vergewaltigten Frau zu sagen, sie sei ja selber Schuld an der Vergewaltigung, weil ihr Rock zu kurz gewesen ist und sie damit den Täter provoziert hätte. Geht gar nicht!

Aber muss die Meinungsfreiheit wirklich soweit gehen, wie sie es oft tut? Mir tut es auch weh, wenn Menschen sich über meinen christlichen Glauben lustig machen und mich oder meine Religion verspotten. Und wenn das zu weit geht, dann werde ich auch schonmal richtig sauer. Denn mein Glaube ist mir sehr wichtig. Er bestimmt immerhin mein Leben! 

Wo ich wieder bei der Karnevalssendung vom Freitag bin: Politiker und Gewerkschaftsführer wurden aufs Korn genommen und natürlich auch die Kirche. Klar, vieles war wirklich lustig und ich kann mir vorstellen, dass die meisten Betroffenen das gut wegstecken können. (Obwohl ich schon gedacht habe: Wenn die mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden so weitermachen, geht der heute Abend heulend nach Hause!) Dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass viele katholische Priester es langsam satt haben, ständig Sachen zu hören wie: "Da sind den Kardinälen vor Schreck die Ministranten vom Schoß gekippt." Nicht jeder katholische Priester ist ein Kinderschänder! Im Gegenteil! Die meisten sind es nicht! Genauso wie nicht alle Muslime, sprengwütige Attentäter sind! Im Gegenteil! Die meisten üben ganz friedlich ihren Glauben aus!

Die Bibel fordert uns auf, unseren Nächsten zu lieben. Hohn und Spott sind aber für mich kein Ausdruck der Liebe. Womit ich nicht sagen will, dass wir keinen Humor haben sollen. Wir müssen das Leben nicht immer so ernst nehmen. Vor allem müssen wir uns selber nicht immer so ernst nehmen. Aber wir sollten schon sensibel dafür sein, wo die Grenzen sind. Und ja: Ich fasse mir da auch an die eigene Nase. Bin ich vielleicht zu weit gegangen mit meinem Bericht über den Taxifahrer, der von den Zeichen der Johannesoffenbahrung so fasziniert ist? Für ihn ist das sicher ein ernstes Thema und womöglich würde auch er sich verletzt fühlen, wenn er meinen Blogartikel liest. Darf ich ihn so bloßstellen, nur damit meine Leser etwas zu lachen haben?

Sensibilität im Umgang miteinander ist das Eine.
Wie wir Menschen auf Verletzungen reagieren, ist das Andere. Gewalt, ja Terror, kann und darf keine Antwort sein, egal wie verletzt ich bin! Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Und nun die Frage, wie wir mit der Androhung von Gewalt umgehen? Lassen wir uns den Mund verbieten? Hier auch wieder ein Beispiel aus der Karnevalssendung am Freitag: Ein anderer Redner sagte, dass die Meinungsfreiheit der Faschingfeiernden das Helau und die Kamelle sind. Gerade Kinder stehen am Rosenmontag an der Straße, sehen sich die bunten Umzüge an, rufen "Helau!" und versuchen, Kamelle zu ergattern. Keine Mohammed-Karrikatur sei es wert, dass man das Leben dieser Kinder aufs Spiel setzt.

Einerseits finde ich, dass er Recht hat. Andererseits frage ich mich, wo das hinführen soll. Mit dem abgesagten Karnevalsumzug fängt es vielleicht an, aber womit hört es auf? Damit, dass keiner sich mehr traut, seine Meinung zu sagen aus Angst, selber auch Opfer von Gewalt zu werden? 

Vielleicht muss auch ich als Christin mit Gewalt von Seiten der islamischen Extremisten rechnen. Nicht unbedingt auf unserer kleinen Insel mitten in der Nordsee. Wir sind hier draußen ja noch ziemlich behütet und weitab von diesen Geschehnissen. Aber es macht schon Angst, zu sehen, wie nahe der Terror gekommen ist. Früher gab es Attentate nur woanders. Amerika ist weit weg. Die arabische Welt auch. Und Nigeria sowieso. Aber nun sind plötzlich nicht nur unsere Nachbarn in Frankreich und Dänemark betroffen, sondern die Bedrohung durch Attentate hat unseren Karneval erreicht. 

Und irgendwann wird es nicht mehr nur Karrikaturisten und Satiriker treffen, sondern jeden, der nicht mit den Idealen dieser Terroristen konform geht.

Und nochmal: Ich rede hier nicht vom Islam an sich!!! Ich rede lediglich von den extremen Ausrichtungen, die es übrigens nicht nur im Islam gibt. Sie sind zwar eine kleine Minderheit aber leider umso präsenter, weil sie so viel Terror verbreiten. Bitte nicht Islam und Islamisten in einen Topf werfen! Das ist nicht dasselbe!

Was also tun? Zurückhaltung üben, damit nicht noch mehr passiert? Einen Karnevalsumzug absagen ist das Eine. Aber was ist, wenn ich mich generell nicht mehr zu meinen Überzeugungen und meinem Glauben bekennen kann? Auch Zurückhaltung üben? Das hat es übrigens alles schonmal in ähnlicher Form gegeben: Die frühen Christen unter römischer Herrschaft mussten um ihr Leben fürchten, weil sie Christen waren. Da werden sich sicher auch viele gefragt haben: Stehe ich zu meinen Überzeugungen, oder halte ich lieber die Klappe, damit mir und den Menschen in meinem Umfeld nichts passiert?

Da kommt mir dann auch wieder der Predigttext von heute Morgen in den Sinn (Markus 8, 31-38) in dem Petrus versucht, Jesus von einem ganz wichtigen Vorhaben abzubringen, von seinem Leiden und Sterben am Kreuz nämlich. Aber Jesus lässt sich nicht abbringen. Jesus lässt es sich nicht ausreden. Obwohl er ja auch eine Verantwortung seinen Jüngern gegenüber hat. Die Jünger standen damals nämlich genauso unter Beschuss wie Jesus. Wenn man eine Rebellion verhindern will, dann schaltet man nicht nur den Anführer aus sondern den engsten Kreis um ihn herum gleich mit. Jesus' Sturheit hat also nicht nur Konsequenzen für ihn selbst, sondern auch für die Menschen, die ihm nahestehen. Und trotzdem lässt er sich sein Vorhaben nicht ausreden, denn es geht hier immerhin um die Liebe Gottes zu den Menschen, um Gnade, um Vergebung, um Frieden und um den Sieg des Lebens über den Tod. Es geht um Gottes Heilsplan für die ganze Welt! Das ist einfach zu wichtig, als dass er einen Rückzieher machen würde. Beieindruckend. Und mutig. Und auch ein wenig rücksichtslos?

Ich habe zwar noch ganz viele Fragen im Kopf zu diesen ganzen Dingen, und bin mit dem Nachdenken darüber noch lange nicht fertig, aber eines weiß ich ganz sicher: Auch ich werde mir Gottes Liebe nicht ausreden lassen. Ich werde mich nicht davon abbringen lassen, mich zu dieser Liebe und zu den christlichen Werten zu bekennen. Ich werde mich nicht davon abbringen lassen, dem nachzueifern, was Jesus uns vorgelebt hat, so gut ich es eben kann. Gerade in einer Welt, in der viel zu viel Hass und Gewalt regieren.

Ich mag zwar nicht zu 100% Charlie sein. Aber auf alle Fälle kann ich voller Überzeugung sagen: 
Je sius chrétienne - Ich bin Christin! 
Ich traue mich das und ich lasse es mir auch nicht ausreden!


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